Die 10 Carnuntum-Winzerinnen
© Anna Stöcher
von Alexandra Gorsche
19. Dezember 2023
Carnuntum-Winzerinnen prägen die Weinlandschaft mit Innovation und Weiblichkeit. Eine Entwicklung, die sich auch in der Foodservice-Branche zeigt. Ein bedeutender Wandel, denn immer mehr Frauen übernehmen Schlüsselpositionen und prägen nicht nur die Spitzen-Gastronomie, sondern auch die Food-Blogger-Szene, innovative Food-Start-ups sowie Bars und Weingüter. Als »Female Conoisseurs« setzen sie verstärkt auf soziale und ökologische Themen, gestalten eine nachhaltigere und vielfältigere Zukunft und stehen im Mittelpunkt des aktuellen Food-Trends 2024.
Im Carnuntum wurde es längst zur Selbstverständlichkeit: Frauen, die international erfolgreiche Weingüter leiten. Mit Feingefühl, gutem Geschmack und reichlich Innovation gestalten sie die Weinlandschaft um und läuten ein neues Zeitalter ein.
In der Natur der Sache liegend
Schon seit Jahren treten vermehrt Winzertöchter in die Fußstapfen ihrer Eltern und bringen frischen Wind in das Gebiet. Die geballte Frauenpower ist einzigartig, aber gleichzeitig nicht überraschend. Die Weinberge von Carnuntum erstrecken sich im Osten an den Ausläufern der Karpaten und im Westen an den Ausläufern der Alpen.
Der dazwischen liegende Korridor war über Jahrhunderte hinweg häufig Einfallgebiet, und es waren oft die Frauen, die nach kriegerischen Auseinandersetzungen das Gebiet wieder aufbauen mussten. Die Hands-on-Mentalität ist bei den Carnuntinerinnen daher tief in den Genen verankert.
Ein neues Zeitalter hat begonnen
In naher Zukunft werden neun relevante und namhafte Betriebe von Frauen geleitet. Diese Winzerinnen bewirtschaften gemeinsam 247 Hektar Rebfläche von den insgesamt 515 Hektar der Rubin Carnuntum Weingüter.
Fast 60 Prozent aller Weinflaschen der Rubin Carnuntum Weingüter werden somit in naher Zukunft in weiblicher Hand produziert. Wird sich dadurch der Weinstil verändern? Wahrscheinlich. Aber das tut er im Laufe der Zeit ohnehin. Was sich jedoch definitiv ändert, ist das Bild des Winzers, oder besser gesagt, der Winzerin.
Und was sagen die Winzerinnen dazu?

In der Welt der Winzerinnen in Carnuntum herrscht eine enge Verbundenheit, die weit über das teilen von Weinwissen hinausgeht. Stefanie Böheim, die 2024 die volle Kontrolle über das Weingut Böheim übernehmen wird, betont: »Oft stehen wir vor den gleichen Herausforderungen. Weil wir uns gerne austauschen, findet jede für ihren Betrieb rasch die passende Lösung.«

Diese Zusammenarbeit geht über die rein geschäftliche Ebene hinaus, wie es Hanna Glatzer vom Weingut Glatzer erklärt: »Wir arbeiten alle gemeinsam, sind befreundet und lieben es, zusammen Weine zu machen, die für unsere Region stehen.« Sie plant, das Weingut in etwa fünf Jahren in vollem Umfang zu übernehmen.

Für Lisa Gratzer vom Weingut Gratzer-Sandriester ist das Feedback ihrer Mitwinzerinnen von unschätzbarem Wert: »Das Feedback der Winzerinnen zu meinen ersten eigenen Weinen ist Gold wert und hilft mir dabei, meinen persönlichen Stil zu finden.« Gemeinsam mit ihrer Mutter Magdalena arbeitet sie am Weingut.

Ein partnerschaftlicher Geist prägt die Gemeinschaft der Winzerinnen, wie Victoria Gottschuly-Grassl betont: »Konkurrentinnen? Nein! Wir führen kleine Betriebe in einem kleinen Gebiet. Nur gemeinsam haben wir Gewicht und können Carnuntum berühmt machen.« Sie plant, bis 2024 die vollständige Betriebsübernahme ihres Weinguts Gottschuly-Grassl.

Die jungen Winzerinnen bringen nicht nur frischen Wind, sondern auch innovative Ideen in die Branche. Johanna Markowitsch vom Weingut Markowitsch erklärt: »Anders als unsere Eltern hatten wir die Möglichkeit uns schon viel auf der Welt anzusehen. Wir bringen viele Ideen ein und probieren gerne aus.«

Die Führung von Weingütern durch Frauen bringt eine andere Dynamik mit sich, wie Dorli Muhr vom Weingut Dorli Muhr betont: »Die Unternehmensführung von Frauen ist anders. Sie ist auf Augenhöhe und weniger hierarchisch. Es herrscht Teamspirit.« Seit 2002 ist sie als Selfmade-Winzerin erfolgreich.

Christina Artner-Netzl vom Weingut Franz & Christine Netzl hebt die Bedeutung des Erfahrungsaustauschs mit den Eltern hervor: »Wir Winzerinnen gehen definitiv unseren eigenen Weg, aber der Erfahrungsaustausch mit den Eltern spielt für uns alle nach wie vor eine wichtige Rolle.« Sie hat 2019 die vollständige Betriebsübernahme durchgeführt.

Die Winzerinnen bilden nicht nur Kolleginnen, sondern auch eine unterstützende »Sisterhood«, wie es Michaela Riedmüller vom Weingut Riedmüller erklärt: »Mein Weingut ist das einzige in Hainburg. Unsere »sisterhood« ist ein wichtiges Netzwerk für mich.« Sie hat 2018 die vollständige Betriebsübernahme durchgeführt.

Der Fokus auf Nachhaltigkeit ist ein gemeinsames Anliegen, wie Karoline Taferner vom Weingut Taferner verdeutlicht: »Seit ich unseren Betrieb übernommen habe, gibt es nur biologisches Wirtschaften. Der Austausch mit den Winzerinnen ist dabei eine wichtige Guideline für mich.« Sie hat den Betrieb 2022 übernommen und strebt eine nachhaltige Ausrichtung an.
Biologische Landwirtschaft
Ein großes Anliegen der jungen Winzerinnen ist es, den Weinbau in Carnuntum auf biologische Landwirtschaft umzustellen. Dieses Ziel soll schon bis 2028 erreicht sein. Blühende Pflanzendiversität in den Weingärten prägen wieder das Landschaftsbild, der Weg führt oft zurück zu gemischten landwirtschaftlichen Betrieben.
So hat zum Beispiel Karoline Taferner mit Einstieg in den elterlichen Betrieb im Jahr 2015 die Bewirtschaftung der Rebfläche rigoros auf biologisch umgestellt. Das große gemeinsame Ziel des biologischen Weinbaus ist es, die Betriebe enkeltauglich und nachhaltig zu gestalten.
Naturbelassen und unfiltriert
Nicht nur die Bewirtschaftung der Weingärten ist im Wandel, auch die Prozesse im Keller verändern sich spürbar. Der Trend zu unfiltrierten und ungeschönten Weinen lässt sich bei den jungen Winzerinnen bemerken.
Große internationale Erfolge, besonders am US-amerikanischen Markt, feiern mit ihren naturbelassenen Weinen die Winzerinnen Christina Artner-Netzl und Hanna Glatzer. Mit JOMA hat Johanna Markowitsch eine leichtfüßige Weinlinie kreiert und trifft damit den Zeitgeist der jungen Weingenießer:innen-Generation. »Down to earth« heißt die Serie von Michaela Riedmüller, unter der sie unfiltrierte, maischevergorene und im Holzfass gereifte Weine vinifziert.
Dynamische und innovativ
In Carnuntum steckt viel Potenzial. Das wissen auch die Winzerinnen und flackern nicht lange rum. Sie nutzen dieses, um Träume und Ideen erfolgreich zu realisieren. Carnuntum-Winzerinnen prägen die Weinlandschaft mit einer einzigartigen Kombination aus Innovation und Weiblichkeit. Diese faszinierende Entwicklung, die sich in den Winzerinnen von Carnuntum manifestiert, zeigt nicht nur die Veränderungen in der Weinbranche, sondern auch die Kraft und das Engagement der Frauen, die mit ihren individuellen Ansätzen und Ideen eine nachhaltigere und vielfältigere Zukunft gestalten.
Mit einer beeindruckenden Erfolgsbilanz und dem klaren Ziel der biologischen Landwirtschaft setzen die Winzerinnen von Carnuntum einen neuen Standard, der weit über die Grenzen ihrer Region hinaus strahlt. Ihr dynamischer und innovativer Ansatz wird nicht nur von nationalen, sondern auch von internationalen Kritikern anerkannt, und ihre Erfolge im Bereich der biologischen Landwirtschaft setzen einen wegweisenden Trend für die gesamte Branche. Carnuntum hat sich nicht nur als Weinregion etabliert, sondern auch als Vorreiter für eine zukunftsweisende, nachhaltige Weinproduktion unter weiblicher Führung.
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