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Fernweh: Wie ein Gefühl die Tourismusbranche ankurbelt

Als »umgekehrtes Heimweh« beschrieb bereits der alte Geheimrat Goethe jene Sehnsucht, die nahezu jeden Menschen von Zeit zu Zeit befällt und ohne die der Alltag um einiges grauer aussehen würde. Gleichzeitig hilft Fernweh dabei, das eigene Leben objektiv zu betrachten.

Schlechte Zeiten sind oft gut für große Fragen. So war es auch im Frühjahr 2020, als die Pandemie das Leben verengte und gleich­zeitig neue gedankliche Räume schuf. »Wie können wir in Zukunft bewusster leben?« war eine davon. Oder »Wer sind eigentlich meine Nachbarn?«. Zu einem Buch der Zeit avancierte damals Jenny Odells »How to Do Nothing«, in dem die Autorin das Nichtstun – oder präziser: ein Innehalten für die direkte Umgebung und umliegende Natur – als Akt des politischen Widerstands beschreibt. Ich weiß nicht, wie viele Menschen durch Corona eine nachhaltige Bewusstseinsveränderung dieser Art durchgemacht haben. Ob der gegenwärtigen ökonomischen Zustände würde ich tippen: nicht viele.

Ein Gefühl, das jeder kennt

Was ich aber weiß: Bei vielen Menschen wuchs im Laufe des ersten Pandemie-Jahres eine andere Sehnsucht, nämlich die nach fremden Menschen und Orten. Endlich einmal wieder etwas sehen, riechen und schmecken, das man nicht dauernd sieht, riecht und schmeckt. Fernweh – das Zauberwort der Tourismusbranche. Und ein Gefühl, das wohl jeder kennt. Fernweh, das ist die Träumerei vom Anderswo, meist auch ein diffuser Wunsch nach dem Anderssein. Fernweh kommt mit Ambivalenz: Man will weg und weiß zugleich, dass man sich selbst mitnehmen wird. Doch woher kommt der Begriff eigentlich?

Geht man seinem Ursprung nach, landet man bei Hermann von Pückler-Muskau. Der preußische Graf, 1785 geboren, ist heute als Landschaftsplaner, Dandy und Reiseschriftsteller in Erinnerung. Dass er auch Sklavenhalter war, wird gerne verdrängt. In einer 1835 veröffentlichten Erzählung schuf Pückler-Muskau das Wort »Fernweh« und bezog sich damit auf ein Gefühl, das Goethe bereits vorher als »umgekehrtes Heimweh« beschrieben hatte. Reisen bedeutete für Pückler-Muskau jedoch neben der »tätigen Befriedigung von Neugierde« immer auch Geschäft. Es ging darum, »exotisches« Material zu sammeln, um Texte verkaufen zu können. Man kann in seinen Berichten durchaus eine kulturelle Begleitung des Kolonialismus sehen. Ganz unschuldig war Fernweh jedenfalls nie.

Fernweh ist auch heute ein Business. Fünf-Sterne-Hotels, Billig-Hostels, Reisekonzerne, Influencer, Travel-Blogs und Tourismusbehörden werben mit der Flucht in die Fremde. Es finden sogenannte »Fernweh-Festivals« statt, bei denen Reisebüros ihre aktuellen Angebote vorstellen, Fotografen Workshops geben und Outdoor-Marken ihre Kleidung feilbieten. Bei Amazon lassen sich Sachbücher mit Titeln wie »Handbuch Fernweh« oder »SOS Fernweh« bestellen. Kultiviert wird die Begierde nach der Ferne auch in der Musik, in Belletristik und Film. Fernweh zieht. Vor allem beim »bürgerlichen Reiseindividuum«, wie die Herausgeber des Bandes »Fernweh nach der Romantik« schreiben. Sie erklären darin, dass das Fernweh, wie wir es heute verstehen, nämlich vor allem sentimental und ein Konzept der Moderne sei. Genauso übrigens wie auch der Begriff vom »offenen Meer« nicht immer schon »zur Unendlichkeit und Weite« angeregt habe, sondern eine relativ neue Idee sei. Und so passt es dann auch, dass Fernweh sehr häufig durch Wasser bebildert wird. Wir denken an Strand, Wellen, Schiffsreisen. Und ich wette, dass ich nicht der Einzige bin, der selbst bei Ernest Hemingways tragischem Werk »Der alte Mann und das Meer« eine gewisse Sehnsucht nach Ferne verspürt hat – trotz dessen endloser Qualen.

fernweh ja – aber dosiert

Doch bleiben wir noch kurz beim Gefühl. Denn allein eine kulturelle oder kommerzielle Erfindung kann Fernweh ja schwer sein. Der Biopsychologe Peter Walschburger verweist darauf, dass sich Fernweh in der Pubertät oftmals durch einen Überdruss des Familiären entwickle. Viele Jugendliche lehnen die bisherigen Autoritäten ab und fühlen sich zum Andersartigen hingezogen – sie wollen schlicht raus.

Die Reisepsychologin Martina Zschocke begründet das Bedürfnis nach Ferne als eine Art Selbsterhaltungstrieb, denn das Reisen intensiviere nicht nur die Sinne, sondern bringe sie auch in Balance. Man gewinne so wichtige Distanz zum eigenen Leben. Wer jedoch seinem Fernweh ständig nachgehe, laufe Gefahr, depressiv zu werden, wie der Jugendforscher Philipp Ikrath warnt. Alltag und Abenteuer werden quasi zu Gegnern.

Fernweh ist längst Mainstream, so viel steht fest. Und wie alles, was sich im Mainstream etabliert hat, steht Fernweh damit kurz vor der Provinzialität. Wer ständig über erträumte oder erfüllte Reisen spricht, handelt sich in manchen Kreisen längst hochgezogene Augenbrauen ein. Nicht nur Emissionen spielen hier eine Rolle, sondern auch die Ablehnung von Massentourismus. So erklärt sich auch, dass es in immer mehr Städten Anti-Sightseeing-Touren gibt.

Je länger man über Fernweh nachdenkt, desto komplizierter wird es also. Bestes Beispiel dafür ist der Name eines sehr populären Reiseführers, der dadurch zustande kam, dass Gründer Tony Wheeler in einem Lied nicht »lovely planet«, sondern »lonely planet« verstand. Einsamer Planet? Seltsam, diese Verheißung. Wenn, dann sind es ja wir, die einsam sind.

 


Lukas Hermsmeier

lebt seit 2014 in New York und arbeitet dort als freier Journalist und Autor. Er schreibt u. a. für »Zeit Online« und die »New York Times«. 2022 erschien sein Buch »Uprising – Amerikas neue Linke«.

© Antonia Polkehn

Erschienen in
Falstaff Magazin Österreich Nr. 8/2023

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