American Beauty: Cindy Crawford im Porträt
Kaum jemand verkörpert den US-Traum einer Supermodel-Karriere so vorbildlich wie Cindy Crawford, die mit 59 besser aussieht denn je. Ihrer Tochter Kaia Gerber hat sie nicht nur das perfekte Modelgesicht, sondern auch Werte und Selbstbewusstsein mitgegeben.
Models wurden in den 1980er-Jahren nicht auf Social Media gemacht, sondern zufällig entdeckt. Auch bei Cindy Crawford, 1966 als Cynthia Ann Crawford geboren, begann alles mit einem schlechten Scherz: In ihrem zweiten Highschool-Jahr riefen Klassenkameraden bei ihr an und gaben sich als Vertreter eines örtlichen Bekleidungsgeschäfts aus, das Models suche. Ein böser Streich, der ein Jahr später überraschend zur Realität werden sollte. Ein anderer Shop heuerte tatsächlich Highschool-Girls für ein Modeshooting an. Für Crawford wurde aus einem simplen Uni-Nebenjob eine unverwechselbare Karriere.
Für ihre Tochter Kaia Gerber, 24, sieht die Welt freilich ganz anders aus. Models werden heute nach Instagram-Follower:innen gecastet, Reichweite ist alles. Da schadet es nicht, berühmte Eltern zu haben. Aber Kaia ist mehr als eines der vielen Nepo-Babys, die die Laufstege gerade füllen und vom Ruf und den Kontakten ihrer Eltern profitieren. »Meine Mutter hat mir beigebracht, dass Schönheit von innen kommt – und dass harte Arbeit wichtiger ist als Ruhm«, sagt sie, obwohl sie in einer Epoche aufwuchs, in der Models Marken mit eigener Online-Community sind. In Interviews spricht sie über mentale Gesundheit, über den Druck in sozialen Medien und über das Bedürfnis nach Authentizität – Begriffe, die in den 1990er-Jahren kaum eine Rolle spielten.
SELBSTBEWUSST AGIEREN
Das Geheimrezept von Mutter und Tochter: Sie haben sich nie auf ihre guten Gene verlassen. Sie sind harte Arbeiterinnen, denen Disziplin wichtig ist. Kaia sieht ihre Mutter, das Supermodel, nicht als übermächtiges Monument, sondern als reales Vorbild. »Ihr Stil ist seit Jahren auf den Punkt«, sagte sie kürzlich im Magazin »People«. Beide schätzen ihre Privatsphäre.
Es gibt ein Foto, da tragen sie das gleiche T-Shirt, auf dem steht: »MOM GENES«. Crawford sagt dazu: »Ich habe wirklich großes Glück. Meine Mutter hat auch kaum Falten. Beim Aussehen spielen sicherlich gute Gene die Hauptrolle, aber ich habe es immer als meinen Job angesehen, daraus Kapital zu schlagen.« Was ihr als Mutter wichtig ist: »Ich versuche, meiner Tochter beizubringen, dass ich Sport mache, weil es gesund ist. Nicht um schöner zu werden. Dass ich mich vernünftig ernähre, nicht um schlank zu werden, sondern um fit zu bleiben.« Das Leben soll Spaß machen, Schönheit keine Pflicht werden.
Cindy Crawford war ihr Weg nicht vorbestimmt. Ihre Mutter war Bankangestellte, ihr Vater Elektriker. Sie wuchs in einer Familie mit drei Geschwistern in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA auf. Als Kind träumte sie davon, die erste Präsidentin der USA zu werden. Später plante sie, Chemie zu studieren. Sie wollte einen handfesten Beruf, kein Traumgespinst. Rückblickend sagt sie, es habe ihr geholfen, dass sie erst mit 20 nach New York gezogen sei, um zu modeln, und bereits auf dem College gewesen sei. »Ich war deshalb vielleicht nicht mehr so naiv«, erinnert sie sich: »Ich war halb erwachsen – und die Liebe meiner Mutter hat mich wohl immer beschützt.«
KEIN PARTYGIRL
Naiv war sie tatsächlich nie. Supermodels waren in den 1990er-Jahren Göttinnen. Überirdische Wesen aus einer anderen Sphäre, die wie Popstars gefeiert wurden. Sie waren »bigger than life«. Der kanadisch-neuseeländische Modejournalist Tim Blanks verglich die Supermodels dieser Ära mit Mona Lisa: Sie waren das Gesicht ihrer Zeit. So viel Ruhm kann einem schnell zu Kopf steigen. Doch während Naomi Campbell schon damals als einigermaßen exzentrisch und unberechenbar galt und ihre britische Kollegin Kate Moss dem Gerücht nach gern Drogen und auf jeden Fall Musiker-Bad-Boys zugeneigt war, schien Crawford stets alles fest im Griff zu haben. Sie war nie ein Partygirl: Es gab keine Exzesse und keine wilden Affären. Zumindest keine, die an die Öffentlichkeit drangen. Sie wurde Mrs. Perfect genannt und hatte den Ruf, eine harte Arbeiterin zu sein, die wütend wurde, wenn jemand unpünktlich zum Shooting erschien.
Was sie als Mutter an ihre Tochter weitergegeben hat: Die Menschen mögen dich zwar als Star sehen, aber du musst auf dem Boden bleiben und dir deinen Erfolg erarbeiten. Am besten, ohne dich anzubiedern: Sei selbstbewusst, aber pünktlich! Crawford wurde einst nahegelegt, ihren Leberfleck an der Oberlippe entfernen zu lassen. Sie entschied sich dagegen – er wurde zu ihrem Markenzeichen. Das hilft auch Kaia zu sehen, dass man sich nicht verbiegen muss, um erfolgreich zu sein.
ERFOLGREICHE BUSINESSFRAU
Designer Michael Kors sagte über den Einfluss von Cindy Crawford auf die amerikanische Popkultur: »Sie änderte das Bild des sexy American Girl von der klassischen blauäugigen Blondine zu einer temperamentvollen Brünetten mit Verstand, Charme und Professionalität.« Was viele nicht auf dem Radar haben: Crawford war nie nur Model, sie bastelte früh daran, eine eigenständige Marke aus sich zu machen. Sie drehte Work-out-Videos, hatte einen Werbevertrag mit Pepsi, moderierte ab 1989 eine Modesendung auf dem Musiksender MTV. Bereits 2002 brachte sie einen eigenen Duft auf den Markt, 2005 ihre Kosmetiklinie Meaningful Beauty und ihre erste Möbelkollektion, auf die 2009 eine weitere folgte. Crawford war als Businessfrau eine Vorreiterin: Sie war die Blaupause für viele andere wie Gwyneth Paltrow, die ihre Marke Goop 2008 ins Leben rief. Die Beauty-Routine von Cindy Crawford ist maßgeschneidert und dennoch nicht abgehoben. Sie schwört auf Dry Brushing, um die Durchblutung zu fördern, und macht Nackenübungen, um diesen sensiblen Bereich zu straffen. Die Infrarotsauna nutzt sie zum Relaxen. Zentral ist für sie am Morgen, zuerst Zeit für sich zu haben, bevor sie ihre E-Mails checkt. Sie geht am Strand von Malibu spazieren, hört einen Podcast oder liest ein Buch. Auch von Kaia lautet das Motto: Weniger ist mehr. Kurze Basic-Übungen wie Armkreisen, Brust öffnen und schließen, Planks. Auch für ihre Haut gilt: viel frische Luft, Sonnenschutz und nicht ständig die Pflegeprodukte ändern.
Cindy Crawford verkörpert den amerikanischen Traum wie keine andere: Sie hat sich aus der Arbeiterklasse an die Spitze der Modewelt hochgearbeitet – und ist doch bodenständig geblieben. Sie hat gute Gene – aber ruht sich nicht auf ihnen aus. Sie hat als Unternehmerin eine Vorreiterrolle hingelegt, trotzdem wirkt ihr Lifestyle »easy going«. Sie hat eine Tochter, die als Model gefeiert wird, ohne eine PR-Maschinerie wie die Kardashians oder Heidi Klum mit ihrer Leni, die nun wirklich keine Modelmaße hat, dafür angeworfen zu haben. Mutter und Tochter sind ein perfektes, aber auch sehr entspanntes Team: All das muss man ihnen erst einmal nachmachen.