Amerikanisches Design: Unbegrenzte Möglichkeiten
Amerikanisches Design entdeckt gerade seine emotionale Intelligenz. So entstehen Möbel und Objekte, die Forschung, Sinnlichkeit und Haltung vereinen. Aktuelles US-Design denkt noch immer groß – aber auch bewusst. Ein kleiner Streifzug …
Mitten im New Yorker Stadtteil Brooklyn arbeiten Justin Donnelly und Monling Lee daran, amerikanisches Design ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Ihr Studio heißt Jumbo – und der Name ist Programm. Donnelly und Lee zitieren in ihren Entwürfen Pop, Alltagskultur und digitale Bildwelten. Es ist eine kunterbunte Ästhetik, die mit Ironie, Farbe und Material spielt – und mit spürbarem Vergnügen die letzten Reste der Postmoderne zerlegt, um sie mit noch mehr Spaß wieder zusammenzusetzen.
Doch hinter all dem Witz steckt Ernst. »Wir rennen nicht einfach herum und machen bunte Sachen, die uns gefallen«, sagt Donnelly. »Uns geht es um die Wissenschaft der Wirkung.« Und tatsächlich: So verspielt ihre Arbeiten wirken, so präzise sind sie gefertigt. Jumbo verbindet handwerkliche Tradition mit kompromissloser Nachhaltigkeit und einer Social-Media-Ästhetik, die ebenso grell und trashig wie gekonnt ist. Da sieht eine Pool-Luftmatratze plötzlich aus wie italienische Pasta, ein Sessel erinnert an einen Glückskeks, eine Lampe an einen Wischmopp, ein Sofa an einen Tennisball. Nebeneffekt: Alles sehr instagramtauglich.
»Überdimensionale Möbel sind nichts Neues. Aber Designobjekten Persönlichkeit zuzuschreiben und sie zu mögen, ist relativ neu.« - Justin Donnelly & Monling Lee Jumbo
Foto beigestellt
Instagramtauglich
Die »Creature Comfort Collection« ist eine Reaktion auf die Lockdowns 2020. U. a. mit einem Spiegel, der Toilettenpapier symbolisiert, oder einer Wischmopp-Lampe für glänzende Momente. Der »Fortune-Chair« (r.) erinnert an einen Glückskeks und ging 2024 in Serie.
jumbo.nyc
Von der Form zur Haltung
Dass Jumbo heute zu den prägenden Stimmen des amerikanischen Designs gehört, steht außer Frage – und sie stehen stellvertretend für einen grundlegenden Wandel. Wo früher der Glanz der Konsumgesellschaft dominierte, zählt heute Haltung. Forschung, Nachhaltigkeit und Sinnlichkeit sind die neuen Leitmotive. »Form follows function«, immerhin als Slogan in den USA im 19. Jahrhundert erstmals proklamiert, gilt zwar noch immer, doch Funktion meint heute mehr: Emotion, Kontext und gesellschaftliche Wirkung. Das neue amerikanische Design ist zu einer Art Denkweise avanciert, die experimentierfreudig und reflektiert neue Wege sucht.
Wie es sich für den »melting pot« USA gehört, speist sich das neue amerikanische Design aus Einflüssen aus aller Welt. So hat etwa Yves Béhar, gebürtiger Schweizer, wie kaum ein anderer in den letzten zwei Jahrzehnten von San Francisco aus Industrie-Design seinen Stempel aufgedrückt. Die Entwürfe, die aus Béhars Designschmiede Fuseproject kommen, rücken dabei den Menschen ins Zentrum, gleichzeitig verknüpfen sie Technologie, Nachhaltigkeit und soziales Engagement.
Aber auch jüngere Designer:innen, wie etwa Chris Wolston oder Objects of Common Interest, stehen für dieses neue Selbstverständnis. Woston, der zwischen New York und dem kolumbianischen Medellín hin und her pendelt, verbindet traditionelle südamerikanische Handwerkstechniken wie Keramik, Weberei und Metallguss mit einem surrealen, oft verspielten Formenvokabular.
Transparenz.
Der »Mirage Round Table« verwischt elegant die Grenzen zwischen Möbelstück und Skulptur.
objectsofcommoninterest.com
Und das Duo Eleni Petaloti und Leonidas Trampoukis, das hinter Ojects of Common Interest steht, operiert auch nicht ausschließlich in New York, sondern hat ebenso eine Niederlassung in Athen. Da wie dort wird aber heiß diskutiert, ob ihre Arbeiten mehr Möbel oder doch schon eher Skulptur sind. Dass die beiden, die auch an der renommierten Columbia University unterrichten, in den USA zu prägenden Stimmen wurden, liegt übrigens an jener Offenheit, die amerikanisches Design heute auszeichnet: die Fähigkeit, Grenzen verschwimmen zu lassen, Disziplinen zu verknüpfen und Dinge sinnlich wie intellektuell zugleich zu denken.
Chill-Area
Das »Hornbake Sectional Sofa«, der Teppich »Eden Leaf« und die zwei Kaffeetische »Fortune« sind aus hochwertigen Materialien, die in Würde und Schönheit altern.
eggcollective.com
Handwerk mit Haltung
Eine Haltung, die dem Egg Collective nicht fremd ist. Die Designerinnen Stephanie Beamer, Crystal Ellis und Hillary Petrie gründeten ihr Studio 2011 in Brooklyn und vereinen Kunst, Holzarbeit und Architektur. In ihrer eigenen Werkstatt fertigen sie Möbel in Kleinstauflage – zeitlos, langlebig und begehrt. Für sie liegt der Wert der Schönheit unter der Oberfläche: »Es sind die Entscheidungen, Hände und Geschichten, die ein Objekt prägen«, sagt das Trio. Ihre Entwürfe altern mit Würde, gewinnen Charakter – und erzählen von einer Rückkehr zum Sinnlichen in Zeiten digitaler Schnelllebigkeit.
Lichtblick
Die Lampen-Serie »Lenox« nimmt offensiv, aber auch sehr zeitgemäß Anleihen am Jugendstil. astraeusclarke.com
Amerikanisches Design ist heute ein Feld der Überschneidungen. Werkstätten, Studios und Gestalter:innen greifen globale Materialien, Methoden und Narrative auf – und denken sie neu. Scott Newlin aus Brooklyn etwa lässt modulare Keramikelemente entstehen, die sich spielerisch zu immer neuen Vasen und Skulpturen zusammensetzen lassen. Oder das Duo Astraeus Clarke, Chelsie und Jacob Starley, zeigt mit seiner Lampenserie »Lenox«, die intensiv mit dem Jugendstil flirtet, dass man Nostalgie auch modern, detailverliebt und ohne Rückwärts-gewandtheit interpretieren kann.
Dabei ist alles immer mehr als bloß nur Stil oder Trend. Es ist eine Mischung aus Haltung, Geschichten und Verantwortung. Es experimentiert und bleibt nah am Menschen. Es zeigt nicht nur das Perfekte, sondern auch das Echte, das Persönliche und das Gemeinsame. Am Ende ist diese Art von Design eines: authentisch.
»Ich möchte, dass meine Designs vertraut und frisch wirken und zu einem Teil der Routine der Menschen werden, ohne dabei an Einzigartigkeit zu verlieren.« - Scott Newlin Designer
Foto beigestellt
Turmbau
Jedes Keramikelement hat fürsich allein keine Funktion. Erst im Zusammenspiel entsteht aus den Modulteilen eine Vase, die sich nach Belieben gestalten lässt.Sie heißt »Torre« und stammt von scottnewlin.com.
Zeitnahme
Preisgekrönte Uhr für Issey Miyake vom US-Schweizer-Designer Yves Béhar.
fuseproject.com
Platzhalter
Mit dem »Condesa Plant Chair«, der Stuhl und Blumentopf gleichzeitig ist, zeigt Designer Chris Wolston seine Affinität zu lateinamerikanischem Design.
chriswolston.com