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Arty Weekend: Kunst-Trip nach Genua und Ligurien

Kunst
Kunst & Kulinarik
Italien

Der Reichtum der Weltumsegler und Adelsfamilien hat Genua ein einzigartiges kulturelles Erbe beschert. Doch mit Nostalgie hält man sich in der dynamischen ligurischen Hafenstadt nicht auf. Das macht sie zur idealen Destination für Kunst am Puls der Zeit.

Es gibt wohl kaum eine italienische Stadt, in der die Kontraste so unmittelbar aufeinanderprallen wie Genua. Einst war die Heimat von Christoph Kolumbus eine der reichsten Städte der Welt, Knotenpunkt des Welthandels. Heute zeugen davon das UNESCO-Weltkulturerbe der Palazzi, die sich in der Strada Nuova aneinanderreihen und die Villen in grüner Höhenlage, aus jüngerer Zeit der Prachtboulevard Via Venti Settembre. Doch nur wenige Ecken weiter taucht man in lichtlose Gassen, überspannt von (manche Italien-Klischees stimmen nun mal) tropfenden Wäscheleinen. Die Hafenstadt ist auch heute noch wild und etwas gefährlich.

Eingekreist wird die Altstadt von der berüchtigten Sopraelevata, der Autobahn-Hochstraße aus den 1960er-Jahren, die sie vom Hafen abschneidet. Dieser wurde in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt als Ort für Events und Kultur, hier locken das riesige Galata Museo del Mare, aber auch das kleine MAIIIM, ein Zentrum für digitale Kunst. Man sieht es am Werk des Genueser Architekten Renzo Piano mit seinen eleganten Konstruktionen: Die Stadt der Schiffsbauer und Weltumsegler schaut nicht nostalgisch zurück, sondern nach vorne. Schon der zukunftsversessene Maler Filippo Tommaso Marinetti sagte 1915, Genua sei die futuristische Stadt an sich. Auf in ein atemloses Wochenende!

FREITAG

Keine Frage, ein Kunst-Wochenende in Genua kann nur hier beginnen: in der schnurgeraden Strada Nuova, veredelt durch das UNESCO-Weltkulturerbe. Heute wirkt die einst nobelste Straße der Stadt wie eine enge Gasse, umso überwältigender ist der Eindruck beim Betreten der zahlreichen Palazzi, die sich hier aneinanderreihen, hoch und ausladend, mit großen Innenhöfen. Der Palazzo Tursi ist darunter wohl der majestätischste, mit seiner Fassade aus rosa Stein aus Ligurien und Carrara-Marmor. Seit 2004 ist er öffentlich zugänglich, ausgestellt sind Gemälde aus dem 18. Jahrhundert und eine Geige von Nicolò Paganini. Der jüngere Palazzo Rosso beherbergt die Sammlung der Familie Brignole-Sale, die den Palast 1874 der Stadt vermachte, ebenso wie den Palazzo Bianco zehn Jahre später.

Roter Riese

Der Palazzo Rosso, einer von mehreren prunkvollen Bauten an der Strada Nuova, heute UNESCO-Weltkulturerbe.

Musei di Strada Nuova
’800: La Societa delle Mode (Programmreihe), bis 26. 6. 2026, museidigenova.it

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Die ganze Welt an einem Ort: eine Trilogie der Palazzi, ein Import aus dem fernen Osten und junge Kunst aus Italien.

Nah am Wasser gebaut

Der Hafen von Genua ist seit jeher ein Ort des Ankommens und des Austauschs. Heute ist er als Ort für Kultur, Gastronomie und Entertainment auch in der Stadt selbst angekommen.

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Kultur-Transfer

Japanische Stiche in der Sammlung des Museo d’Arte Orientale Edoardo Chiossone.

Museo d’Arte Orientale
Edoardo Chiossone

I Quattro Tesori e l’arte della Calligrafia, bis 11. 10. 2026, museidigenova.it

Blick in die Ferne

Nach dieser massiven Dosis Geschichte etwas Frischluft: Die in einem großen Park gelegene Villa Croce fungiert seit 1985 als Museum für zeitgenössische Kunst, vor allem italienische Werke ab den 1930er-Jahren sind Teil der Sammlung, die beständig wächst und heute auch Fotografie, Video und Design der jüngsten Generation umfasst.

Dass auch die weite Welt in der Hafenmetropole kulturelle Wurzeln geschlagen hat, ist kein Wunder. Im Museo d’Arte Orientale Edoardo Chiossone ist es der Ferne Osten, dank einer Stiftung des gleichnamigen Künstlers, der im 19. Jahrhundert in Japan lebte. Heute zählt es zu den größten und wichtigsten Sammlungen japanischer Kunst in Europa – passenderweise wurde das Gebäude so designt, dass der Blick weit übers Meer schweift.

Spannender Kontrast

Zeitgenössische Kunst in noblem Rahmen im Museo Villa Croce.

© Contemporary Art Museum Villa Croce

Traum vom Süden

Die Villa Croce, gelegen in einem üppig-mediterranen Parkareal.

© Maurizio Beatrici

Archaisch abstrakt

»Horizontal Black Egg« von Lucio Fontana im Museo Villa Croce.

Contemporary Art Museum Villa Croce
Dauerausstellung
villacroce.org

© Fontana

SAMSTAG

Heute beginnen wir mit einer Lektion Lokalgeschichte: Das Museo di Certosa hat seinen Namen vom 1297 gegründeten Kartäuserkloster im Val Polcevera. Die Räume und Exponate in diesem monumentalen Komplex mit seinem großen Arkadenhof bieten Einblick in das mönchische Leben vor Ort – aber auch die Gegenwartskunst fehlt hier nicht, denn 2026 lädt das Museum Street-Art-Künstler ein, sich mit viel Farbe am Storytelling der Stadthistorie zu beteiligen.

Vergangenheit und Zukunft stehen heute am Programm: Eine Zeitreise vom mittelalterlichen Kloster bis zum digitalen Weltraum.

Zeit-Tunnel

Gruppenausstellung im MAIIIM Lab, das sich der Kunst des dritten Jahrtausends widmet.

© MAIIM Lab, Luca Mori

Angedockt

Das MAIIIM in einem Lagerhaus am Hafen von Genua ist erste Adresse für Kunst am Puls der Zeit.

© MAIIM Lab, Luca Mori

Ferne Welten

Die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Forschung verschmelzen im MAIIIM.

MAIIIM
Unruhige Ruhe | Restless Quiet, 4. 6.–4. 7. 2026
maiiim.com

© MAIIM Lab, Luca Mori

Kunst und Frieden

Ein ganz anderes, weniger sorglos-buntes Kapitel der italienischen Geschichte erzählt die Casa del Mutilato. Das expressionistische Gebäude aus der Mussolini-Ära wurde in durchaus heroisierender Absicht zur Erinnerung an die Kriegsversehrten errichtet, eines von mehreren in ganz Italien. Heute gestaltet sich sein Programm weit weniger martialisch: Pazifismus, Kultur und Erinnerung werden hier vermittelt, und dies geschieht unter Kurator Matteo Lenuzza auch mit mehreren Ausstellungen pro Jahr zu künstlerischen Positionen. Ein Genua-Geheimtipp abseits von Palazzi und Prunk.

Nach diesen Rückblicken eine 180-Grad-Wendung in die Zukunft. Der Kunst des dritten Jahrtausends hat sich das MAIIIM stolz ins Programm und in den Namen geschrieben. Mitten im Hafen von Genua gelegen, wird hier innovativ den neuen Medien Raum geboten. Digitale Kunst, Film, Performance und Video werden miteinander kurzgeschlossen, die Grenzen zwischen Kunst und Forschung sind fließend. Einmal pro Jahr lädt man zur MAIIIM Art Week, aber auch in den 51 anderen Wochen lohnt der Besuch. Danach lässt sich der Samstagabend in der spektakulären Hafenkulisse ausklingen.

Sprechende Wände

Wandmalerei am Museo di Certosa in einem ehemaligen Kapuzinerkloster.

© Matteo Fontana

Farbtupfer

Mit »Certosa a colori« öffnet sich das Museo di Certosa 2026 der Street Art.

Muce – Museo di Certosa
Certosa a colori, bis 21. 6. 26
visitgenoa.it

© Domenico Dalessandro

Schwergewicht

Die Casa del Mutilato di Genova kontrastiert dunkle Kapitel der Geschichte mit Positionen der Gegenwartskunst.

Anmig – Casa del Mutilato di Genova
Kommende Ausstellung im Herbst
instagram.com/casadelmutilato

© Casa del Mutilato di Genova

SONNTAG

Unter den Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts ist der von Geschwindigkeit, Maschinen und Männlichkeit berauschte Futurismus zweifellos die eindeutig italienischste. In diesem Sommer ist ihm im Palazzo della Meridiana in Genua eine von Simona Bartolena und Armando Fettolini kuratierte große Schau gewidmet, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie widmet sich der Spätphase der Bewegung, ihrer Verherrlichung der Luftfahrt und ihrer Verbreitung in Ligurien. Lustvolle Erkenntnisse sind garantiert.

Eine Hommage an den Futurismus, und zum Abschluss ein idyllisch-musealer Ausflug an die ligurische Küste.

Flug in die Zukunft

Der Begeisterung für die Aeronautik widmet sich dieses Jahr eine große Ausstellung zum Futurismus.

© Wolfsonian Museum

Über den Wolken

Gemalter Technologie-Enthusiasmus im Palazzo della Meridiana.

Palazzo della Meridiana
Futurismo, bis 12.7. 2026
palazzodellameridiana.it

© Wolfsonian Museum

Heimatkunde

Der Futurismo, die italienischste Kunstströmung des 20. Jahrhunderts, hat auch in Ligurien seine Spuren hinterlassen.

© Palazzo della Meridiana

Trio mit Meerblick

Auch wir erkunden die ligurische Küste, die nicht nur mit mondänen Orten wie Portofino glänzt, sondern auch eine Küste der Kulturen ist. Im malerischen Ort Nervi an der Riviera di Levante wartet ein ganzer Komplex an Museen auf uns, der in Vorbereitung auf Genuas Rolle als Kulturhauptstadt Europas 2004 aufgefrischt und fusioniert wurde. Die Galleria d’Arte Moderna in der Villa Saluzzo Serra ist seit fast einem Jahrhundert eine in die Natur ausgelagerte Schatzkammer des Zeitgenössischen mit über 3.000 Werken.

Unmittelbarer Nachbar: die Villa Grimaldi Fassio mit der Sammlung Frugone, die die gleichnamigen Brüder Lazzaro und Luigi einst der Stadt vermachten, darunter einzigartige Werke des Porträtmalers Giovanni Boldini.
Und noch ein weiterer Sammler hat die Schatzkammer von Nervi bereichert: der Amerikaner Mitchell »Micky« Wolfson Jr. Das daraus entstandene Wolfsonian Museum vervollständigt das Museums-Triumvirat, der Schwerpunkt liegt hier auf dekorativer und plakativer Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Bellissimo – und jetzt haben wir uns den Badeurlaub verdient.

© Galleria d’Arte Moderna Genova

Moderne al Mare

Die Galleria d’Arte Moderna (GAM) in der Villa Saluzzo Serra in Nervi.

 

Fest des Faltenwurfs

Die Sammlung Frugone in Nervi umfasst italienische Malerei der frühen Neuzeit.

Galleria d’Arte Moderna & Raccolte Frugone
Inside Monet Genova, bis 31. 5. 2026
(kommende angefragt)
museidigenova.it

Wolfsonian Museum
Giovanni Korompay, bis 1. 11. 2026
museidigenova.it

© Galleria d’Arte Moderna Genova, Alex Dvihally

Bella Figura

Porträtmalerei in der Raccolta Frugone.


Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 4/2026

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Maik Novotny
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