Bescheidener Luxus: Architektur in Portugal
Lissabon gilt heute als die angesagteste Wohndestination für Expats. Eine gute Gelegenheit, eine der spannendsten Architekturszenen Europas zu entdecken. Denn Portugal, das melancholische Land am Rande Europas, hat sich still und leise in den Mittelpunkt bewegt.
Portugal gilt zu Recht als Land der leisen Töne. Während sich die iberischen Nachbar:innen aus Spanien extrovertiert und dezibelstark geben, blickt man im äußersten Südwesten Europas in sanfter Melancholie auf den Atlantik. Ganz leise hat sich Portugal auch in den letzten Jahren zu einer der begehrtesten Wohndestinationen für Nichtportugiesen entwickelt. Laut einer aktuellen Studie ist Lissabon die attraktivste Stadt der Welt für Expats. Einige Gründe dafür: relativ leistbares Wohnen, gute Gesundheitsversorgung, Sicherheit, gute Luft dank Atlantikbrise.
Ganz ohne Drama
Wobei das mit dem leistbaren Wohnen so eine Sache ist: Seit 2020 sind hier die Mieten um über 40 Prozent gestiegen, im Frühjahr 2026 zahlte man für eine Wohnung im Zentrum von Lissabon durchschnittlich mehr als 5.000 Euro pro Quadratmeter. Das hat auch den Blick auf Portugals Immobilien geschärft und somit den auf die Architektur des Landes. Und diese hat einiges zu bieten. Denn Portugal gehört derzeit zu den spannendsten Architekturszenen Europas – ganz ohne großes Drama und PR.
Bevor wir uns der jungen Generation zuwenden, gilt es, den beiden Vätern der modernen portugiesischen Architektur Ehre zu erweisen, denen das kleine Land zwei Pritzker-Preise verdankt. Den ersten bekam Álvaro Siza Vieira, der in den 1960er-Jahren mit seinem Felsen-Pool an der Küste nördlich von Porto berühmt wurde, heute noch eine einzigartige Sehenswürdigkeit. Seine Wohnbauten, Museen und Kirchen bezeugen ein tiefes Wissen über traditionelle Bauformen, die er ins 20. Jahrhundert übersetzte.
2011 ging der Pritzker-Preis an Eduardo Souto de Moura, dessen Bauten eine ganz ähnliche luxuriöse Bescheidenheit ausstrahlen, immer mit einer Feinfühligkeit dem Material gegenüber, sei es Holz, Stein, Beton oder Stahl. Seine »Casa das Histórias« in Cascais ragt in Terrakottarot wie ein soeben entdeckter Tempel in die Höhe, und das Stadion in Braga, errichtet für die Fußball-EM 2004, ist vielleicht das schönste Fußballstadion der Welt.
Stille Einfachheit
Der jahrelang als Abstellfläche für Autos verwendete Dorfplatz im Bergdorf Piódão wurde vom jungen Duo João Branco und Paula del Río sensibel repariert und dient heute wieder als Wohnzimmer des Ortes.
© Frederico MarinoNeue Synthesen
Eine seiner Mitarbeiterinnen, Graça Correia, gründete 2005 mit dem Italiener Roberto Ragazzi das Büro Correia/Ragazzi, das den portugiesischen Traditionen noch etwas mehr internationale Moderne beimischt. Ein Beispiel: der Wohnbau »Marechal 720«, bei dem sie die für Porto typischen Patio- und Maisonettewohnungen ganz neu zu hochverdichteter Eleganz kombinierten; für die Fassade entwarfen sie eigene Fliesen, ebenfalls eine respektvolle Geste an die regionale Baugeschichte. »Architektur ist für uns immer eine Synthese des Materiellen und Immateriellen«, sagen die beiden.
Matt schimmernde Fliesen, hier in sattem Moosgrün, zieren auch die Fassade eines kleinen Stadthauses in Porto, das der Architekt Ricardo Bak Gordon in eine schmale Baulücke in der Altstadt setzte. Fast japanisch-minimalistisch wirkt es mit seinem feinen Holzgitter vor dem Eingang, in den Wohnräumen lassen Sichtbeton, helles Holz und viel Luft das Haus viel größer wirken, als es ist. »Ich glaube, dass Kontinuitäten in der Architektur wichtiger sind als harte Brüche«, ist Bak Gordon überzeugt. Das sieht man seinen Bauten an.
Eine Kontinuität, die sich auch in der nächsten Generation der Architekt:innen zwischen 30 und 40 fortsetzt. João Branco und Paula del Río aus Coimbra etwa gingen bei der Rettung eines von Autos zugeparkten Platzes im Bergdorf Piódão ganz zurückhaltend vor: aufräumen, neu ordnen, benutzbar machen. Ein neues Pflaster aus lokalem Stein, ein paar Kirschbäume, und der Platz wurde wieder zum Wohnzimmer für das Dorf. Zeitlos schön und dauerhaft.
Lässiges Implantat
Ein kleines Haus mit mini-malistischem Materialaufwand und vielen Ideen von Fala Atelier in Vila Nova de Gaia.
© Giulietta Margot GardenProvokante Farbtupfer
Stein, Holz, Beton, Natürlichkeit – das prägt die portugiesische Architektur von heute, aber vollständig wäre das Bild nicht ohne rebellische Farbtupfer. Diese liefert seit einigen Jahren das international wohl bekannteste junge Architekt:innenteam, Fala Atelier. Gegründet 2013 von Filipe Magalhães, Ana Luisa Soares und Ahmed Belkhodja, wurde Fala 2020 vom namhaften Magazin domus unter die 50 wichtigsten Architekt:innen der Welt gereiht. Sie bezeichnen sich selbst als naiv und leidenschaftlich, und ihre Bauten zeugen von einer sehr portugiesischen Liebe zum Alltag. Ihre kleinen Bauten und Interieurs wirken oft, als sei gerade eine 80er-Jahre-Party zu Ende gegangen und hätte hier und da pinke, gelbe und türkisfarbene Reste zurückgelassen. Es sind einfache und provokant kostengünstige Designgesten, die das junge Kollektiv so besonders machen – und die nur hier entstehen konnten.
Denn viele ihrer Projekte verdanken sich dem Immobilienboom in Lissabon und Porto, der innerstädtische Grundstücke auch für heimische Käufer:innen attraktiv machte. Darunter beispielsweise Restflächen, Garagen, Souterrains. Genau hier setzt die Ideenfabrik von Fala an: Das Unmögliche wird möglich, das Unkonventionelle wird zur Hauptsache. Dazu passt die absichtlich unglamouröse Art, wie sie ihre Bauten fotografieren lassen: in entsättigten Farben, alltäglich, fast nebenbei, wie zufällig vorgefunden.
»Porto war schon besonders, bevor es vom Tourismus wiederentdeckt wurde«, sagen sie. »Die Architektur ist eklektisch, das Essen ist von poetischer Schwere. Auch die Leute sind hier authentischer, weniger metropolitan.« Den einen oder anderen melancholischen Wermutstropfen im Portweinglas nimmt man ebenfalls hin: »Es regnet hier viel, aber uns macht das nichts aus«. Lakonische Bescheidenheitmit Tiefsinn – typisch Portugal.