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© Luis Diaz Diaz

Bunte Wachküsser: BURR Studio

Architektur
Bauwesen
Bau
Farbe

Das spanische Architekturbüro BURR Studio hat sich auf Industrial Chic und auf die Wiederbelebung alter, leer stehender, in Vergessenheit geratener Fabrik- und Gewerbebauten spezialisiert. Und sie haben dabei keine Angst vor Farbe und roughen Baustoffen.

Wie baut man einen mexikanischen Burrito-Laden, und das mitten in Madrid? »Sicherlich nicht, indem man kitschige Klischeebilder Lateinamerikas bedient«, sagt Jorge Sobejano, »erst recht nicht, wenn das Lokal Brutal Burrito heißt. Ein Nachahmen von klassischen Versatzstücken Mexikos wie etwa Fliesen, Frida Kahlo und Kolonialarchitektur kam für uns nicht infrage. Wir wollten bewusst einen Bruch schaffen.«

BURR Studio

2010 wurde das Architekturbüro von Álvaro Molins, Elena Fuertes, Ramón Martínez und Jorge Sobejano gegründet. Inzwischen hat sich das Quartett aus Madrid auf die Revitalisierung alter Industrieruinen spezialisiert.

burr.studio

Maru Serrano

Und das ist auch gelungen. Mit einem kleinteilig gepflasterten Betonboden, wie er in Mexico City entlang der Avenidas verlegt ist, mit grün lackierten Tischen, grauen Hockern und ziemlich viel Metall an der Decke. Das Highlight bildet – wie ein roughes, industrielles Zitat auf historische Arkaden irgendwo im Süden, zwischen Hitze und Agaven – eine knallgelbe LKW-Plane, die dem Lokal einen Hauch Käse, Sonne, Kukuruz verleiht.

Brutal Burrito

Freche Baustoffe und knallige Farben, die sich nicht auf lateinamerikanische Klischees beziehen, sondern auf Lust und Streetfood-Style, sorgen für mexikanisches Flair. »Funktionale Ästhetik« heißt das in der Sprache von BURR Studio.

© BURR Studio

»Mexiko ist ein Land voller Humor, mit Menschen, die in der Lage sind, über sich selbst und sogar über den Tod zu lachen, und diese Ironie wollten wir ins Projekt miteinbeziehen«, sagt der 38-jährige Architekt, einer von insgesamt vier Partnern im Madrider Architekturbüro BURR Studio.

»Farbe spielt in diesem Fall eine große Rolle, denn sie schafft nicht nur Raum und Atmosphäre, sie ist also nicht nur eine Frage der ästhetischen Gestaltung, sondern birgt immer auch einen gewissen Code, eine ganz bestimmte Botschaft.« Gelb, erklärt er, stehe somit nicht nur für Käse und Kukuruz, sondern auch für Strom, für Baustellen, für städtischen Verkehr, für Geflügelmesser in der Küche sowie für schnelles und billiges Streetfood, das aber auch echt gut sein kann.

Wohnhaus Patio

Einst eine Lagerhalle im Süden von Madrid, heute das Wohnhaus für die polnisch-spanische Künstlerin Johanna Jaskowska. Der grobe Putz – auf Spanisch »Mortero a la Tirolesa« – ist ein Zitat auf das Alte und Vergessene.

johwska.com

© Maru Serrano

Atelier Eulalia

Für den spanischen Fotografen Juan Baraja wurde eine alte Fabrik zum Wohnatelier ausgebaut. Die Fotografien lagern überall, hinter der mintgrünen Schiebetür verbirgt sich eine Schlafhöhle.

juanbaraja.com

© Luis Diaz Diaz

Diese sogenannte »Funktionale Ästhetik« zieht sich durch die Arbeit von BURR. Gegründet wurde das Architektur-, Design- und Kunstkollektiv 2010, mitten in der spanischen Wirtschaftskrise, damals noch unter dem Namen Taller de Casquería, auf Deutsch so viel wie Innereien-Werkstatt. 2018 wurde das Büro schließlich in BURR umbenannt. »In der Krise gab es kein Geld, keine Arbeit, keine öffentlichen Aufträge, das ganze Land war auf null heruntergefahren«, sagt Sobejano. »Wir mussten uns ganz auf uns, auf unsere eigenen inneren Werte konzen­trieren und aus eigenen Stücken selbst Projekte aus der Taufe heben. Daher auch der Name.«

O14

In der Calle de Oñate 14 in Madrid wurde eine alte Fabrik zum Wohnhaus in Ziegelbauweise ausgebaut. Das postmoderne Korallenrot an der Fassade wird mit blau gekachelten Küchen konterkariert. So schön kann Farbe sein!

© BURR Studio
© BURR Studio

Mit BURR, dem englischen Begriff für Leftovers, Überbleibsel, Abfallspäne, die bei der Holz- und Metallverarbeitung anfallen, bringen die Architekt:innen nun vor allem ihre Projekt- und Grundstückssuche zum Vorschein. Denn: Im Fokus der eigenen Arbeit stehen das Erspähen von leerstehenden Immobilien, vor allem von verlassenen Fabrik- und Gewerbearealen im Süden von Madrid, und das Aufsuchen von potenziellen Bauherr:innen, die an einem Wachküssen dieser alten Dornröschenschlaf-Häuser Gefallen finden könnten. Der Schwerpunkt zieht sich durchs gesamte Portfolio, und manche Projekte erzeugen Gänsehaut an der Schnittstelle von gestern und heute, von Vergessenheit und poetischer Wiederbelebung.

Plantasia

Auf der Feria Internacional del Libro 2024 im mexikanischen Guadalajara, der größten spanischsprachigen Buchmesse der Welt, entwarf BURR Studio diesen Erholungsgarten mit spanischen und mexikanischen Pflanzen.

fil.com.mx

BURR Studio, Maro Serrano

So geschehen beispielsweise beim Wohnhaus »Patio« für die polnische Künstlerin Johanna Jaskowska, beim Atelierprojekt »Eulalia« für den spanischen Fotografen Juan Baraja sowie beim kürzlich fertiggestellten »O14« in der Calle de Oñate 14, wo ein Art-déco-Industriebau aus dem Jahr 1933 zu einem Wohnhaus mit Ziegelfassade und hübschen, korallenroten, fast schon postmodern anmutenden Keramik­reliefs ausgebaut wurde.

»Viele dieser Gewerbebauten sind in den letzten Jahren verschwunden, weil sie Platz gemacht haben für moderne Wohnhäuser«, sagt Jorge Sobejano. »Damit geht ein Stück städtischer Identität verloren. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, mit unseren Wohn- und Atelierprojekten die alten Häuser zu retten und in ihrem Charakter zu bewahren. In gewisser Weise könnte man sagen, ist das die DNA unseres Büros.« Ein wertvoller Beitrag zum Erhalt von Baukultur, ein Suchen nach wertvollen Leftovers in einer sich immer schneller verändernden Welt.


Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 4/2026

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Wojciech Czaja
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