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Meister der Gegensätzlichkeiten: Architekt Smiljan Radić Clarke

Architektur
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Der chilenische Architekt Smiljan Radić Clarke arbeitet mit harten Kontrasten wie Leicht und Schwer, Ewig und Flüchtig, Modern und Steinzeitlich. Nun wurde der 61-jährige Alleinkämpfer, der nicht einmal eine eigene Website hat, mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Kein Gewächshaus, kein Flugzeughangar, keine provisorische Lagerhalle irgendwo am Stadtrand. Und doch weist das Regionaltheater Bío-Bío in Concepción de Chile, nur wenige Schritte vom Pazifik entfernt, typische Elemente einer ephemeren, temporären Architektur auf – mit einer spröden Betonstruktur, einer Säulenreihe im Erdgeschoß, die wie ein Tausendfüßler über den Vorplatz zu krabbeln scheint, und einer billigen, einfachen Polycarbonat-Fassade, wie sie üblicherweise in der Landwirtschaft eingesetzt wird, wenn es darum geht, Tulpen und Tomaten ein angenehm warmes Klima zum Gedeihen zu bieten.

Smiljan Radić Clarke

»Ich habe die letzten 30 Jahre in einem kleinen Büro gearbeitet und stets versucht, unter den gegebenen Bedingungen das Beste zu erreichen. Architektur war schon immer meine Leidenschaft.«

pritzkerprize.com

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»Nein, das ist keine Provokation und auch keine versteckte Botschaft«, sagt der chilenische Architekt Smiljan Radić Clarke, der den ungewöhnlichen Theaterbau in der Provinz Bío-Bío in Zusammenarbeit mit Eduardo Castillo und Gabriela Medrano geplant hat. »Es geht eher um das Antworten in der richtigen, zur Verfügung stehenden Sprache. Architektur bewegt sich zwischen großen, massiven, beständigen Formen – zwischen Bauwerken, die jahrhundertelang der Sonne trotzen und auf unseren Besuch warten – und kleineren, fragilen Konstruktionen, flüchtig wie das Leben einer Fliege, oft ohne klares Schicksal. In diesem Spannungsfeld unterschiedlicher Zeiten streben wir danach, Erlebnisse zu schaffen, die emotional berühren und die Menschen dazu anregen, innezuhalten und die Welt mit neuen Augen zu betrachten, an der sie so oft gleichgültig vorbeiziehen.«

Restaurant Mestizo

Ein Balanceakt aus archaischen Felsbrocken und schwarzem Minimalismus: In diesem Luxusrestaurant ist nicht nur das Essen appetitanregend.

mestizorestaurant.cl

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Damit genau das nicht passiert, wurde Radić Clarke kürzlich mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet. Der von der Hyatt Foundation vergebene Preis wird seit 1979 vergeben, holte weltweit bereits 55 Architekt:innen vor den Vorhang und gilt mit einem Preisgeld von 100.000 US-Dollar als Nobelpreis der Architektur. Aktuell ist der Preis aufgrund seines Stifters und Namenspatrons Thomas Pritzker, dessen Name in fast 2.500 Dokumenten der Epstein-Files auftaucht, imagemäßig ziemlich angeschlagen, »und doch ist der Preis eine große Überraschung, ich konnte es kaum glauben«, so der 61-jährige Laureat.

Theaterzentrum NAVE

Ein Potpourri der Kontraste: Der bestehende Kolonialbau wurde saniert und ausgehöhlt. Auf dem Dach befindet sich nun ein Veranstaltungssaal für Off-Produktionen.

nave.io

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Radić Clarke, geboren 1965 in Santiago de Chile, der Vater aus Kroatien, die Mutter aus Großbritannien, verbrachte den Großteil seiner Kindheit mit Zeichnen, erst noch zaghaft und voller Selbstzweifel, und kam mit 14 Jahren zum ersten Mal mit dem Thema Bauen in Berührung. Sein Kunstlehrer stellte ihm die Aufgabe, ein Haus zu entwerfen und die Raumerlebnisse in Worte und Zeichnungen zu fassen. Sein Architekturstudium an der Pontificia Universidad Católica de Chile war holprig, das Diplom schaffte er erst beim zweiten Anlauf. Doch dafür lernte er auf der Uni die Bildhauerin Marcela Correa kennen, mit der er heute verheiratet ist und die seine Arbeit in all den Jahren stark prägen sollte.

Guatero

Auf dem Paseo de la Reforma in Santiago de Chile baute Radić Clarke diese temporäre Veranstaltungshalle auf. Die hauchdünne Silberfolie ließ sich damals wie ein Ballon aufblasen.

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Sein Œuvre ist eine Konzentration aus Kontrasten – aus Groß und Klein, aus Leicht und Schwer, aus Ewig und Flüchtig, aus Praktisch und Poetisch, aus Modern und Steinzeitlich. Und während sich nur die wenigsten seiner Projekte harmonisch und unauffällig in die Landschaft fügen und mit ihr regelrecht zu verschmelzen scheinen, wie etwa seine Villen und Weingüter, erwecken die meisten seiner Bauten – vor allem Kulturhäuser und öffentliche Architekturen in der Stadt – einen oft schrägen, kuratorisch-konzeptionellen, ja sogar surreal-deplatzierten Eindruck. Nirgendwo zeigt sich das besser als bei der Veranstaltungshalle Guatero, die sich wie ein riesiges Daunenkissen aus hauchdünner Silberfolie über den Köpfen der Besucher:innen aufbläst, oder beim Theaterzentrum NAVE, wo Radić Clarke einem eleganten Kolonialbau ein gelb-rotes Zirkuszelt übergestülpt hat.

Serpentine Pavilion

Ein bisschen wie Stonehenge: Der temporäre Kunstpavillon (2014) im Londoner Hyde Park war eine transluzente Fiberglas-Konstruktion, balancierend auf mächtigen Felsbrocken als Sockel.

serpentinegalleries.org

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Das wahrscheinlich radikalste Projekt aus der Feder des nun ausgezeichneten Architekten ist eine appetitanregende Schock-Überraschung, ein Balanceakt aus Wackeln und Wow: Im Bicentenario-Park am Rande von Santiago de Chile setzte Smiljan Radić Clarke das Luxusrestaurant »Mestizo« in die Wiese – ein teils archaisches, teils filigranes Flickwerk aus schwarz lackierten Betonträgern, die fast gespenstisch auf tonnenschweren Felsbrocken aus einem nahegelegenen Steinbruch balancieren. Zwischen Licht und Schatten, zwischen Himmel und Erde kann man sich durch köstliche Menüs durchgustieren. Sinnlicher kann Architektur nicht sein.

Teatro Regional del Bío-Bío

Hochkultur und High-End-Architektur für wenig Geld: An der Küste von Concepción liegt dieser werkstattartige Theaterbau, der von oben bis unten in Polycarbonat-Stegplatten eingekleidet ist.

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Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 3/2026

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Wojciech Czaja
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