»Cemetery House« in London: Eine viktorianische Friedhofslodge wird zum Familienhaus
Mit Eiche, Travertin, Backstein und sensiblen Eingriffen verwandelt Studio Hallett Ike eine gotische Lodge am historischen Friedhof »Paddington Old Cemetery« in ein Familienhaus.
Ein Familienhaus auf einem Friedhofsareal überrascht zunächst. Beim »Cemetery House« in London wird diese ungewöhnliche Ausgangslage jedoch zum eigentlichen Reiz. Die viktorianische Lodge wurde ursprünglich 1855 von Thomas Little als Vikarshaus für zwei Kapellen des Paddington Cemetery in Kilburn im Nordwesten Londons entworfen.
Heute liegt sie am »Paddington Old Cemetery«, umgeben von alten Bäumen, historischen Mauern und einer Landschaft, die dem Ort eine besondere Ruhe gibt. Statt diese Atmosphäre zu glätten, nimmt Studio Hallett Ike sie im Umbau auf. Die steilen Giebel, die spitz zulaufenden Fenster und die helle Fassade bewahren den gotischen Charakter und öffnen ihn zugleich für heutiges Wohnen.
Ein Ort zwischen Abgeschiedenheit und Alltag
Was dieses Projekt besonders macht, ist die Balance zwischen Rückzug und Offenheit. Die Lage bringt eine beinahe klösterliche Abgeschiedenheit mit, zugleich sollte aus dem Haus ein lebendiger Ort für den Alltag einer Familie werden. Genau daran setzt der Umbau an. Statt die Vergangenheit zu überformen, arbeitet das Projekt mit gezielten Eingriffen, die Licht, Blickbezüge und neue Nutzungsqualitäten ins Haus holen.
Von außen ist das bereits an den neuen rückwärtigen Ergänzungen zu erkennen. Die Erweiterung tritt als ruhige, helle Architektur auf, die sich klar vom historischen Bestand absetzt und ihn dennoch nicht verdrängt. Große Glasflächen öffnen das Haus zum Garten, während Bäume und bepflanzte Flächen für einen weichen Übergang zwischen Innenraum und Außenraum sorgen.
Mehr Licht und mehr Verbindung zum Garten
Im Inneren setzt sich die Idee von Rückzug und Offenheit fort. Die Küche zeigt, wie behutsam das »Cemetery House« in die Gegenwart geführt wurde. Heller Stein, warme Holzfronten und viel Tageslicht schaffen einen Raum, der funktional bleibt und dennoch wohnlich wirkt. Der Küchenblock steht wie ein ruhiger Mittelpunkt im Raum, während sich die Architektur seitlich zur Terrasse und zum Garten öffnet. So wird Kochen Teil des Wohnens und nicht vom Alltag getrennt.
Der Essbereich wirkt wie eine natürliche Erweiterung davon. Der runde Tisch, die dunklen Holzstühle und die schlichte Leuchte bilden eine stimmige Komposition. Die hohen Holzeinbauten geben dem Raum Tiefe und Ordnung, ohne ihn schwer wirken zu lassen. Dadurch entsteht ein Essplatz mit Nähe, Ruhe und Alltagstauglichkeit.
Eine neue räumliche Ordnung
Der Flur zeigt besonders deutlich, wie behutsam das »Cemetery House« neu gedacht wurde. Einige Stufen, ein schmaler Läufer und die gotische Haustüre am Ende geben dem Durchgang Rhythmus und Orientierung. Der Grundriss ordnet das Haus über Blickachsen, Übergänge und Höhenwechsel. Dadurch entsteht eine klare Bewegung durch die Räume, ohne dem historischen Bestand seine Eigenart zu nehmen. Alt und Neu greifen hier ineinander.
Wohnlichkeit bis ins Freie
Die Atmosphäre des Wohnbereichs entsteht vor allem über Material, Farbe und Haptik. Ein großzügiges Sofa, textile Kissen, helle Steintische und ein Teppich in warmen Rosé- und Erdtönen bringen Wärme, Ruhe und Struktur in den Raum. Der Vorhang und die Keramik setzen weiche Akzente, während Eiche, Putz, Stein und Stoffe dem historischen Bestand eine neue Wohnlichkeit geben.
Der Gartenhof führt diese Idee ins Freie weiter. Unter dem Blätterdach eines Baumes steht eine kleine Sitzgruppe, ergänzt durch eine zurückhaltend integrierte Feuerstelle in der weißen Wand. Filigrane Möbel, helle Bodenflächen und ruhige Bepflanzung schaffen einen geschützten Außenraum, der sich natürlich in das Haus einfügt und den Alltag nach draußen verlagert.
Gotische Spuren, modern weitergedacht
Am stärksten zeigt sich der Umgang mit dem historischen Erbe in den privaten Räumen. Im Schlafzimmer rahmt ein spitz zulaufender Bogen den Schlafbereich wie eine architektonische Nische. Die sichtbaren Holzbalken erinnern an den Bestand, während helle Textilien, warme Wandtöne und die beiden kleinen Pendelleuchten neben dem Bett dem Raum eine weichere, intimere Wirkung geben. Auch die reduzierte Möblierung hält sich zurück. Das Bett steht nicht einfach in einem Zimmer, sondern in einem geschützten Raum mit eigener Atmosphäre.
Historische Form, zeitgemäßer Komfort
Das Bad wird im »Cemetery House« nicht als rein funktionaler Raum behandelt. Die hohe, spitz zulaufende Fensteröffnung erinnert an die Herkunft der viktorianischen Lodge, während Wanne, Waschtisch und helle Steinflächen den Raum in die Gegenwart holen. Der Teppich am Boden und die warme Materialpalette nehmen dem Bad die Strenge und machen es zu einem wohnlichen Rückzugsort.
Ein Familienhaus mit Geschichte
Die besondere Lage am »Paddington Old Cemetery« wird nicht entschärft, sondern als Teil des Wohnens verstanden. Studio Hallett Ike lässt die viktorianische Lodge nicht hinter einer neuen Gestaltung verschwinden, sondern arbeitet mit ihren Proportionen und ihrer Patina weiter. So entsteht ein Familienhaus, das seine Herkunft nicht versteckt, sondern in eine warme, gegenwärtige Wohnform übersetzt.
Ort: London, UK
Architektur: Studio Hallett Ike
Typologie: Renovierung und Erweiterung einer viktorianischen Lodge
Lage: Paddington Old Cemetery
Status: Fertiggestellt
Materialien: Eiche, Putz, Backstein, Travertin, Microcement
Bildmaterial & Quelle: Studio Hallett Ike
Fotocredit: Michael Sinclair