Wie man einen Platz macht: Architekturporträt »Marko and Placemakers«
Das Londoner Büro Marko and Placemakers hat seinen Namen zum Programm gemacht: Igor und Petra Marko planen und konzipieren öffentliche Orte, Plätze und Parkanlagen. Ein Spaziergang durch Europa.
Eigentlich war London nie geplant, alles nur ein Zufall, damals in den 1990er-Jahren. »Begonnen hat alles mit einer zweitägigen Stippvisite«, sagt Igor Marko. »Ich hatte einem befreundeten Künstler bei einer Ausstellung geholfen, und plötzlich habe ich am zweiten Tag völlig unerwartet ein Jobangebot bekommen. Wie konnte ich da widerstehen?« 1996, so der in Bratislava geborene Architekt und Stadtplaner, sei eine wilde, kreative Zeit gewesen, kurz nachdem Thatcher das halbe Land privatisiert und in den gesellschaftlichen Ruin gezogen habe, gleichzeitig aber mitten in sozialen und kreativen Umbrüchen. »Der Vibe war unglaublich! Also habe ich beschlossen, in London zu bleiben.«
Die Platzmacher:innen
Igor und Petra Marko sind in Ost und West tätig und verbinden ihre Arbeit auf diese Weise mit der eigenen Biografie. Im Fokus steht der menschliche Maßstab.
© Morley von SternbergKomplett umgedacht
Damit war das privatwirtschaftlich geflippte Großbritannien auf einen Schlag um einen Urbanisten reicher, der sich zeit seines Lebens für den öffentlichen Raum, für das städtische Miteinander, für das uns allen gehörende gemacht hat. 2006 gründete er mit Kolleg:innen aus der Kunst, Kreativwirtschaft und Landschaftsarchitektur das Büro FoRM Associates. Die ersten öffentlichen Projekte – darunter Plätze und Parkanlagen – waren gerade aus der Taufe gehoben, doch schon zwei Jahre darauf kam die Watsche der Weltwirtschaftskrise. »Viele Entwicklungen wurden gestoppt, darunter auch eine Brownfield-Nutzung in Ealing in London. Also war klar: Wenn wir das Projekt realisieren wollen, dann müssen wir komplett umdenken.«
Gesagt, getan. Mit dem Abbruchmaterial des alten Wembley-Stadions, das Platz machen sollte für Norman Fosters neue XXL-Wembley-Arena, wurden in Ealing vier kreisrunde, surreal wirkende, fast schon alienhafte Hügel aufgeschüttet. Das Deponieren und Modellieren der Landschaft aus den alten Baustoffen kam Marko entgegen, schließlich war Recycling damals noch exorbitant teuer, die heutige CO2-Debatte lag noch in weiter Ferne, und so konnte man für nur wenig Pfund dem Flachland ein paar Highlights draufsetzen und den Menschen einen generationenübergreifenden Naturspielplatz zum Sporteln und Rodeln anbieten – eine Win-win-Situation für alle.
»In gewisser Weise war der Northala Fields Park der Schlüssel zu einer neuen Form von Stadtgestaltung«, erzählt Igor Marko, »mit Partizipation, offenen Prozessen und co-kreativen Ansätzen. Und ich finde, es gibt nichts Schöneres, als wenn sich die Bevölkerung für ihre Stadt starkmacht und wir als Planer:innen sie dabei begleiten und unterstützen dürfen.«
2013 wurde FoRM Associates aufgelöst. Mit seiner Frau Petra Marko, die heute das Metropolitan Institute Bratislava (MIB) leitet, gründete er daraufhin das Büro Marko and Placemakers. Der Name ist Programm. Zu den heutigen Projekten zählen Stadtquartiere, Verdichtungsprojekte sowie Revitalisierungen von industriellen Brownfields in Großbritannien, Deutschland und Finnland, vor allem aber auch in osteuropäischen Großstädten wie etwa Prag, Liberec, Ostrava, Bratislava, Budapest, Tirana und Kiew. In der slowakischen Hauptstadt entstand am Fuße des Burgbergs ein kleines, fast schon dörfliches Wohnstädtchen namens Vydrica, mit Treppen, Fußgängerzonen und überaus sympathischen, kleinmaßstäblichen Bauten. Viele davon haben direkten Blick auf die Donau und die futuristische Donaubrücke mit dem UFO-Restaurant in 80 Meter Höhe.
Northala Fields Park, London
Urbanes Recycling: Unter den kreisrunden Aufschüttungen verbirgt sich das Abbruchmaterial aus dem alten Wembley-Stadion. Heute ist der 27 Hektar große Park in Ealing ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Londoner Bevölkerung.
© Marko and PlacemakersIn Budapest haben Marko and Placemakers erst kürzlich einen Masterplan-Wettbewerb für den neuen Stadtteil Rákosrendező im Nordosten der Stadt gewonnen. Und in Prag arbeiten die Platzmacher im Dreieck zwischen Hauptbahnhof, Busbahnhof und dem Lokalbahnhof Masarykovo Nádraží gerade an einem Brownfield-Development, wo über den bestehenden Gleisen ein neues innerstädtisches Wohn- und Business-Quartier entstehen soll.
»Es ist ein wunderschöner Job, mit dem wir das Wachstum von Stadt beeinflussen dürfen«, sagt Igor Marko. »Gleichzeitig sind das von der ersten Skizze über den Wettbewerb, die Entwicklung und Bebauung von Grundstücken bis hin zu den Baustellen, Besiedelungen und Belebungen der neuen Stadtteile ewig lange Prozesse, die sich oft über zehn, 20 Jahre ziehen. Ungeduld ist hier fehl am Platz.« Denn: Die wichtigste Dimension von Stadt, meint der Urbanist, sei die Zeit.