Zum Inhalt springen
Foto beigestellt

»Design darf nicht modisch denken«: Philippe Starck im LIVING-Interview

Salone del Mobile
Interview
Interior Design
Mailand

Am Salone del Mobile zeigte Philippe Starck gemeinsam mit Kartell eine Reihe neuer Entwürfe – von poetischen Lichtobjekten bis zu Möbeln, die zwischen Ironie und ikonischer Klarheit oszillieren. Wir sprachen mit dem Star-Designer über Emotionalität und AI im Interior-Design und warum ihn Trends grundsätzlich langweilen.

LIVING: Monsieur Starck, so schön Sie wieder zu treffen. Auch heuer präsentiert Kartell Ihre kreativen Produktneuheiten und ich habe mich gefragt: Wie viele verschiedene Stücke haben Sie für die Brand im Laufe der Jahre eigentlich kreiert?

Philippe Starck Ah, wie viele waren es? Eine Menge! Ich denke insgesamt 111 Produkte innerhalb von 30 Jahren enger Zusammenarbeit und guter Freundschaft.

Gibt es ein Stück, das Sie gerne heute selbst mit nach Hause nehmen würden?

Was ich entwerfe, mag ich auch. Also müsste ich meine Wohnung mit allem vollräumen, was ich bisher designt habe (lacht). Aber ja, es gibt immer wieder Stücke, die ich besonders finde. Angetan hat es mir in dieser Kollektion der Sessel »Gio«. Er ist wirklich besonders, in seiner Gesamtheit ein wunderbares Stück zeitloser italienischer Kultur. Er hat diese perfekte Balance zwischen strenger Form und strukturreicher Oberfläche.

Ja, irgendwie archetypisch – beinahe wie die Essenz eines Stuhls. War Reduktion das Ziel?

Immer. Ein Stuhl ist eines der schwierigsten Objekte überhaupt, weil jeder glaubt, alles darüber zu wissen. Mich interessiert die Idee der Essenz: Wie wenig braucht ein Objekt, um vollständig zu sein? Die »Gio« Chairs versuchen, sich auf das Wesentliche zu reduzieren, ohne emotional kalt zu wirken.

Viele Ihrer Entwürfe wirken trotz technologischer Raffinesse erstaunlich emotional. Ist Emotionalität im Design heute wichtiger geworden?

Menschen suchen heute Trost, Ruhe, Sinnlichkeit. Früher wollten wir Objekte besitzen. Heute suchen wir Erfahrungen. Ein gutes Designstück sollte den Alltag verbessern – leise, aber nachhaltig. Und da spielt eben die Emotion eine große Rolle.

Take a Seat! Der »Bonheur Du Jour« Chair ist laut Starck ein »persönlicher Rückzugsort«. Und: Es gibt ihn neuerdings auch in weiteren Farbvarianten.

© Kartell

Esstisch-Jewels. Wie wenig braucht ein Objekt, um vollständig zu sein? Die »Gio«-Sessel versuchen, auf das Wesentliche zu reduzieren, ohne emotional kalt zu wirken.

© Kartell

Einer der beliebtesten Entwürfe für Kartell ist der Sessel »Bonheur Du Jour«. Schon der Name klingt beinahe poetisch ...

Das Wort bonheur – Glück – interessiert mich sehr. Nicht das große dramatische Glück, sondern diese kleinen Momente des Wohlbefindens. Ein Sessel muss heute mehr sein als funktional. Er ist ein persönlicher Rückzugsort. Der »Bonheur Du Jour« ist eine Einladung, langsamer zu werden, sich zurückzulehnen, vielleicht nichts zu tun – und genau darin Sinn zu finden.

Der Entwurf wirkt weich, beinahe umarmend, gleichzeitig sehr präzise in seiner Silhouette. Wie finden Sie diese Balance?

Präzision ist eine Form von Respekt. Für den Körper, für das Material, für den Raum. Ich mag keine dekorative Aggression. Eleganz entsteht für mich dann, wenn etwas selbst-verständlich wirkt – als hätte es immer schon existiert.

Kartell steht traditionell für Innovation in Materialität. Wie verändert Nachhaltigkeit Ihren Designprozess?

Nachhaltigkeit darf kein Marketingwort sein. Sie muss unsichtbar werden – selbstverständlich. Das Ziel ist nicht, »ökologisch auszusehen«, sondern intelligent zu produzieren. Weniger Material, bessere Lebensdauer, mehr Verantwortung. Die Zukunft des Designs wird biologisch und poetisch zugleich sein.

Ihre Kollektionen werden heuer vor einem Kunstwerk präsentiert, das zu jedem Stück passend von der AI entwickelt wurde.  Künstliche Intelligenz verändert gerade auch die Kreativbranche. Was sagen Sie dazu?

Ich habe keine Angst vor künstlicher Intelligenz. Die Wahrheit ist: Wir Menschen sind voller Gewohnheiten, voller Erinnerungen, voller kultureller Reflexe. Das macht uns reich – aber manchmal auch begrenzt. Eine Maschine hat diese Last nicht. Sie ist neutral. Sie kann uns helfen, effizienter und vielleicht sogar ehrlicher zu gestalten.

Bedeutet das, dass Designer künftig ersetzt werden?

Nein. Das ist eine naive Angst. AI hat keine Intuition, keine Verantwortung, keine Moral. Sie träumt nicht. Die kreative Richtung wird weiterhin von Menschen kommen. Aber die AI kann uns helfen, bessere Fragen zu stellen. Beim Design geht es nicht darum, schöner zu dekorieren – sondern mit weniger Material, weniger Energie und mehr Intelligenz zu arbeiten. Wenn AI uns dabei hilft, ist das eine wunderbare Nachricht.

Der Salone gilt als Seismograf der Designwelt. Mit welchen Gedanken sind Sie heuer nach Mailand gekommen?

Mit derselben Idee wie immer: weniger Ego, mehr Klugheit. Design ist heute keine Frage des Stils mehr, sondern der Bedeutsamkeit. Wir leben in einer Welt voller Objekte – die meisten davon sind unnötig. Wenn ich etwas Neues entwerfe, frage ich mich zuerst: Verdient dieses Objekt wirklich seine Existenz?

Gibt es etwas, das Sie derzeit langweilt?

Trends langweilen mich grundsätzlich. Wenn jemand einem Trend folgt, ist er bereits zu spät. Design darf nicht modisch denken. Es muss zeitlos genug sein, um Menschen über viele Jahre zu begleiten.

Was wünschen Sie sich, dass Menschen empfinden, wenn sie Ihre heurigen Entwürfe zu Hause erleben?

Frieden. Vielleicht Freude. Vielleicht ein kleines Lächeln am Morgen. Ein gutes Objekt spricht nicht laut – aber es begleitet Sie. Wenn ein Mensch sich zu Hause etwas besser fühlt, dann hat das Design seine Aufgabe erfüllt.


Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 4/2026

Zum Magazin

Angelika Rosam
Angelika Rosam
Falstaff LIVING Herausgeberin
Mehr zum Thema
1 / 11