Die große Lust am Staunen: Der Salone del Mobile 2026
Auf der Milano Design Week 2026 ging es weniger um leise Konzepte als um eindrucksvolle Erlebnisse. Zwischen einem pinken Labyrinth, kinetischen Bühnen und markengetriebenen Spektakeln zeigte die Branche, wie sehr sie nach Entertainment fiebert – und wie sich genau darin neue kreative Energien freisetzen. Der LIVING-Lokalaugenschein zwischen Showbusiness, Kunst, Bühne und Ausstellung.
Mailand – das Epizentrum des Designs – wirkte in diesem Frühjahr wie ein Organismus mit eigenem Puls: vibrierend, einzigartig, anspruchsvoll, auch ungeduldig. Diese Energie wurde von der Milano Design Week 2026, auch bekannt als Fuorisalone, in der Tat nicht nur aufgenommen, sondern – mehr als in den Jahren zuvor – verstärkt und gebündelt. Zugleich wurden aber auch Risse offengelegt.
Während viele Installationen nachhaltigkeitsbewusst und mit viel Materialsensibilität präsentiert wurden (ganz nach dem diesjährigen Motto »A Matter of Salone«), wurde diese Woche, die mittlerweile als wichtigste in der Branche gilt, auch aufgrund von zu viel temporärer Markeninszenierung und dem Übermaß an Eventkultur kritisiert. Eine zu große Spannung zwischen ethischer Botschaft und kommerziellem Showbusiness, hieß es in Insiderkreisen. Als weniger einheitlich, dafür suchender und inhaltlich mutiger kommentierte es weiters die Designindustrie – vielleicht auch den politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten geschuldet, die sich in den Arbeiten widerspiegelten.
Dieser vielseitige Charakter der heurigen Edition zog sich jedenfalls durch das gesamte Geschehen: Als wir durch die Straßen Breras streiften, in überfüllten Ateliers standen und uns durch lange Schlangen Zutritt zu Präsentationen verschafften, wurde sehr deutlich, dass die Milano Design Week neben ihrer Verantwortung für Materialität und Handwerk ohne Entertainment und Markenmacht nicht mehr auskommt. Immersive Installationen, spektakuläre Inszenierungen und emotionale Storytelling-Welten bestimmten vielerorts die Aufmerksamkeit – nicht immer das Produkt selbst.
Und gerade darin zeigte sich ohne Zweifel die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Design muss heute beides können. Es darf emotionalisieren, überraschen und verführen – aber es sollte sich nicht in Inszenierung erschöpfen. Der Kompromiss liegt ganz klar zwischen Substanz und Spektakel, zwischen handwerklicher Integrität und der Realität eines globalen Markenmarktes. Und vielleicht war genau das die ehrlichste Botschaft in Mailand 2026: nicht die perfekte Antwort zu liefern, sondern sichtbar zu machen, wie komplex die Frage geworden ist, was gutes Design heute überhaupt bedeutet. Wir nehmen Sie auf den kommenden Seiten auf die experimentierfreudige Reise mit.
Hochglanzpoliert
Starten wir mit dem pinkfarbenen Labyrinth von Lina Ghotmeh. Es war mehr oder weniger in diesem Jahr der heimliche Auftakt der Milano Design Week – nicht offiziell, aber atmosphärisch. Schon am ersten Morgen standen Besucher:innen davor, als wäre es ein Portal, das den Ton für die Woche vorgibt: verspielt, irritierend, durchlässig und zugleich überraschend präzise. Die transparenten Paneele, die flirrenden Farbschichten, die kontrollierte Verwirrung – all das erzeugte eine Architektur, die weniger führte als verführte. Ghotmeh gegenüber LIVING: »Ein Raum muss manchmal erst widersprechen, um verstanden zu werden.« Dieses Labyrinth tat genau das: Es stellte die Frage nach Orientierung und machte klar, wie wenig selbstverständlich zeitgenössische Raumlogik eigentlich ist.
Von hier aus begann eine Woche, die sich über fein gestimmte Spannungen definierte. Aesop etwa setzte auf eine stille Radikalität. Die Installation bestand aus gedämpften Räumen, deren Materialien nicht präsent, sondern präzise waren. Ein Designer des Teams formulierte es so: »Wir wollten einen Raum, der nicht schaut, sondern atmet.« Inmitten einer Stadt, die in diesen Tagen pulsierte wie ein überfordertes Nervensystem, war das fast eine Wohltat.
Zwischen Bühne & Ausstellung
In Nina Yashars »Nilufar Grand Hotel« dagegen herrschte jener sinnliche Überfluss, der Mailand zuweilen magisch macht. Räume wie Collagen, Flure wie Essays, Objekte, die sich gegenseitig befragen. Die Grenze zwischen Bühne und Ausstellung, zwischen Erzählung und Experiment, verschwamm. Es war ein Ort, der sich nicht konsumieren ließ – man musste sich ihm aussetzen. Und genau das machte ihn zu einem der kulturell vielschichtigsten Beiträge der Woche.
Ganz anders Laila Cooks »Carousel«: ein kinetisches Schauspiel, das durch seine spielerische Direktheit auffiel. Besucher:innen traten ein, drehten sich, begegneten einander. Wie ein kleiner sozialer Motor mitten in der Stadt, wollten wir wissen? Cook im LIVING-Talk: »Bewegung ist immer Beziehung.« Vielleicht war es gerade diese Unmittelbarkeit, die das Werk so zwingend machte.
Das jährlich legendäre L'Appartamento by Artemest im Palazzo Donizetti schlug bereits zum vierten Mal in Folge eine andere Richtung ein: eine sorgfältig kuratierte Ode an das italienische Handwerk – allerdings ohne Nostalgie. Hier war Tradition ein Werkzeug, kein sentimentaler Anker. Die Räume wirkten konzentriert, fast diszipliniert. Kurator Davide Rossi: »Das Erbe ist unser Material, aber wir bearbeiten es zeitgenössisch.« Der Satz beschreibt die Ausstellung besser als jede Kritik.
Bei Buccellati schließlich zeigte sich, wie Luxus im Jahr 2026 wirken kann, wenn er nicht pathetisch, sondern bewusst eingesetzt wird. Gold und Silber verwandelten sich in Strukturen, die so fein gearbeitet waren, dass man fast vergaß, wie opulent ihre Materialien eigentlich sind. Allegra Buccellati brachte es auf den Punkt: »Wir hören unseren Materialien zu – sie führen uns.« Ein schöner Gedanke in einer Branche, die oft zu laut spricht.
Überraschend erwachsen zeigte sich Audi. Keine futuristische Bildsprache, keine Tech-Parade, sondern eine Installation, die Mobilität als kulturellen Zustand begriff. Das Creative-Team formulierte es so: »Wir wollten die Idee von Bewegung entdramatisieren.« Das Ergebnis war eine der angenehm nüchternsten Markenpräsentationen der Woche. Und dennoch kam man aus dem Staunen nicht heraus.