Grüne Wohnbauten zwischen Bäumen und Oasen
Grüne Wohnbauten sind nicht nur schön anzusehen, sondern verbessern auch das lokale Klima und bieten den Bewohner:innen kühle, luftige Plätze an Teichen, unter Bäumen und inmitten von Urban Gardening. Ein Streifzug durch Wien und Bad Vöslau.
Ein fertiger Neubau, rundherum Asphalt und Betonsteine, auf denen man im Winter ausrutscht und im Sommer dampfgegart wird, weit und breit kein Baum, keine Sitzgelegenheit, kein Fünkchen einer lebendigen Stadtnatur. Szenen wie diese sind in der Großstadt bis heute leider keine Seltenheit. Doch mit der zunehmenden Alarmstufe namens Klimakrise – und dazu gehören nicht nur der Temperaturanstieg, sondern auch die Übersäuerung der Böden und der immense Biodiversitätsverlust, den wir heute schon zu verzeichnen haben, scheint sich das nun zu ändern. Vielen Bauträgern ist ein grünes Licht aufgegangen.
So zum Beispiel auch in der gelb-weißen Wohnhausanlage Nordbahnhof 1 auf dem Areal der ehemaligen, namensgebenden Gleisanlage, wo die beiden Bauträger Migra und Wogem in Zusammenarbeit mit querkraft architekten eine grüne Oase errichtet haben, in der die Natur aus den Balkonen im Sockelbereich förmlich hinauszuwuchern scheint, mit derzeit noch jungen Bäumchen in der Ebene, und wo sie in Form von grünen Wiesenbändern wie ein Gebirgsbach über die Treppenanlage hinunterplätschert.
Die Maßnahme ist nicht nur was fürs Auge und für die Aufenthaltsqualität für die insgesamt 250 Wohnungen, sondern auch ein Beitrag gegen sogenannte Urban-Heat-Islands, gegen die immer heißer werdenden, sommerlichen Betonwüsten.
»In vielen Städten herrscht im Sommer ein richtiger Backofen-Effekt«, sagt Helga Fassbinder, Stadtplanerin und Chefredakteurin des internationalen Biotope City Journal. »Erfreulicherweise aber sind städtische Begrünungen Studien zufolge imstande, das Mikroklima um zumindest zwei Grad Celsius zu reduzieren. Und: Je mehr Grün man verwendet und je mehr Schattenplätze und Wasserflächen man einplant, wie etwa Teiche, Kanäle und Wasserspiele, desto mehr sinkt auch die am menschlichen Körper subjektiv empfundene Temperatur.«
Genau das war auch das Motto, nur wenige Schritte von der gelb-weißen Wohnhausanlage entfernt, in der sogenannten »Freien Mitte«, die das grüne Zentrum des Nordbahnhof-Grätzels bildet. Anstatt das Entwicklungsgebiet vollständig zu bebauen, entschied sich die Stadt Wien, einem Konzept des Stadtplanungsbüros Studio Vlay Streeruwitz zu folgen und die Bebauung rundherum in bis zu 100 Meter hohen Hochhäusern zu verdichten, dafür aber eine 12 Hektar große »Gstätten« übrigzulassen – teils gestaltet, teils verwildert, teils erhalten wie sie einst war, als hier noch tonnenschwere Güterzüge geparkt und rangiert wurden, mit Wegen, Stegen, Stiegen, Buschwerk, Gräsern, Stauden und romantischen Hide-aways.
Am sogenannten Hirschfeld an der Gerasdorfer Straße errichtete die ARE mit S.E.A. Shibukawa Eder Architects fünf freistehende, polygonale Atriumhäuser mit insgesamt 174 freifinanzierten Wohnungen. Zwischen messingfarbenen Balkonen und Terrassenbändern eröffnet sich eine grüne, dörfliche Wohnlandschaft nach Plänen des Landschaftsarchitekturbüros Simma Zimmermann. Aufgrund der Geothermie, der nachhaltigen Gemeinschaftsheizung und der naturnahen Freiraumgestaltung wurde das Projekt mit dem österreichischen Gütesiegel klima:aktiv Silber ausgezeichnet.
Auch außerhalb der Großstadt eröffnen sich ungeahnte ökologische Potenziale: Auf den ehemaligen Alvorada-Gründen in Bad Vöslau plant die BUWOG mit Gustin Zieser Architekten ein Wohnprojekt mit rund 520 freifinanzierten Wohnungen. Wie in einem Amphitheater gruppieren sich die Wohnungen um eine luftige Freiraumoase, die nicht nur grüne, sondern auch blaue Infrastruktur umfasst: An einem Teich, umgeben von Schotter, Pagoden und Wildblumenrabatten, werden die rund 1.300 Bewohner:innen die Möglichkeit haben, ein Platzerl im Schatten zu nehmen und die wissenschaftliche Theorie der sommerlichen Kühlung durch Grün und Blau in der alltäglichen Praxis auf Herz und Nieren zu testen. Die Vermarktung hat bereits begonnen. Geplante Fertigstellung: Frühjahr 2027.
Viéno, Bad Vöslau. Am ehemaligen Alvorada-Gelände entsteht
eine Wohnhausanlage mit 520 freifinanzierten Wohnungen. Fertigstellung: 2027.