Kelly Wearstler: »Der perfekte Mix ist immer instinktiv«
Ein Geist von Freiheit, Optimismus und Leichtigkeit weht durch alle Räume der kalifornischen Designerin Kelly Wearstler. Im Interview mit LIVING präsentiert sie ein brandneues kollaboratives Projekt und verrät, was an ihrer Arbeit typisch amerikanisch ist.
Kelly Wearstler ist unermüdlich und überall. Die kalifornische Designerin, bekannt für Designkonzepte für Hotels wie für das »Proper Hotel« in San Francisco (das aktuelle LIVING Cover), wie auch für private Wohnungen für Stars wie Cameron Díaz, kennt keine Grenzen, wenn es um Kreativreichtum, Möbel und Objekte geht. Die scheinbar mühelose Kombination von Gegensätzen zu einem stimmigen Ganzen hat sie zur Perfektion entwickelt. Mit ihrem 1995 gegründeten Studio Kelly Wearstler Interior Design hat sie ein Imperium aufgebaut, ruht sich aber nicht auf ihren Lorbeeren aus. Ganz im Gegenteil: Dank ihres legendären Arbeitsethos – 30 Meetings pro Tag sind keine Seltenheit – steht der Dynamo der kreativen Erfindung nie still. Eine Egomanin will die 57-Jährige aber keineswegs sein, denn für sie liegt die Inspiration in der Zusammenarbeit mit anderen. So ist es nur konsequent, dass die Meisterin der Interiors dieser Zusammenarbeit einen Raum stiftet. Im Oktober lancierte sie die Plattform Side Hustle, die internatio-nale Designer:innen und Künstler:innen aller Generationen zum gemeinsamen Entdecken einlädt, mit Kelly Wearstler als Partnerin. Die gleichzeitig eröffnete Ausstellung »Again, Differently« in einer Villa in Beverly Hills diente als glamouröser Startschuss für dieses kollaborative Experiment.
Im Interview mit Falstaff LIVING erzählt Kelly Wearstler, was die Inspiration für Side Hustle war, was das Geheimnis ihrer Philosophie der »Mixology« ist, wie man die emotionale Temperatur eines Raumes bestimmt und wie der kalifornische Freigeist, das amerikanische Arbeitsethos und die starken Frauen in ihrer Familie sie geprägt haben.
LIVING Im Oktober lancierten Sie die Plattform Side Hustle, die Architekt:innen und Designer:innen zusammenbringt. Was hat Sie dazu motiviert und welche Rolle spielt die Kooperation in Ihrem kreativen Prozess?
Kelly Wearstler Side Hustle fühlt sich für mich an wie die natürliche Weiterentwicklung von allem, was ich seit der Gründung meines Ateliers aufgebaut habe. Zusammenarbeit war für mich immer zentral, denn sie ist eine endlose Quelle von Entdeckung, Inspiration und Antrieb. Die Kooperation mit anderen Künstler:innen, von jungen Talenten bis zu etablierten Figuren, hat meine Arbeitsweise geformt. Side Hustle verwandelt diesen Dialog in etwas Größeres: einen Raum für den kreativen Austausch.
Gleichzeitig eröffneten Sie die Ausstellung »Again, Differently«. Welchen Bezug hat diese zu Side Hustle?
»Again, Differently« markiert das Debüt der ersten Generation von Side Hustle, einer internationalen Riege von Künstler:innen, darunter Karl Holmqvist, Leonor Antunes, Sonia Gomes und andere. Die Ausstellung lotet aus, auf welche Arten ein Publikum Kunst und Design erleben kann, von Soundwelten bis zum Storytelling. Dabei geht es nicht nur darum, schöne Objekte zu zeigen, sondern um eine andauernde kulturelle Resonanz. Der Titel spricht für sich selbst: Tut man etwas nochmals, aber anders, eröffnet das komplett neue Arten der Wahrnehmung.
Was ist Ihre eigene Rolle bei Side Hustle?
Ich biete den Rahmen und den Startpunkt. Es ist eine Plattform, auf der die Künstler:innen die Kontrolle haben, und ich bin die Unterstützerin, die hilft, dass sich Ideen entfalten können.
Ihre Arbeit umspannt Architektur, Inneneinrichtung und Objekte. Wie beeinflussen sich diese Welten gegenseitig?
Ich finde endlose Inspiration in den Schnittmengen zwischen Medien. Sobald kreative Grenzen verschwimmen, entsteht Spannung, entstehen neue Formen. Deshalb liebe ich Teamarbeit so. Die junge Designerin Sam Klemick mit ihrem Hintergrund in der Modebranche brachte uns beispielsweise dazu, uns mit Vorhängen und Textilien als bewegten Skulpturen zu beschäftigen. Das eröffnete uns völlig neue Welten. In kreativen Begegnungen wie diesen entsteht eine Art Magie.
Sie haben Ihre Design-Philosophie einmal als »Mixology« bezeichnet. Was bedeutet das für Sie? Was ist das Rezept für die perfekte Mixtur?
Für mich geht es darum, ein Gleichgewicht von Spannung und Gegensätzen zu finden. Eine Balance zwischen dem Zeitgenössischen und dem Historischen, zwischen dem Rohen und dem Verfeinerten. Ich entwerfe so, wie ich mich anziehe: Ich kombiniere Vintage-Elemente mit edlen neuen Stoffen. Der perfekte Mix ist immer instinktiv. Das Rezept ist, den Kontrast zu einem verbindenden Element werden zu lassen.
Bei Interiors spielt die Atmosphäre eine ebenso entscheidende Rolle wie das Material. Wie komponiert man eine Stimmung im Raum?
Licht und Farbe sind hier das A und O, denn sie bestimmen die emotionale Temperatur eines Raumes, und das wiederum entscheidet, wie wir diesen Raum empfinden. Ein Beispiel: Bei der ersten Ausstellung zu Side Hustle war es unser Ziel, ein Umfeld zu schaffen, das als erhaben, aber auch als intim empfunden wird. Die Villa in Beverly Hills, die wir dafür auswählten, bot einen idealen Rahmen. Hohe Decken, natürliches Licht, weiße Wände. Es ist eine Galerie, aber gleichzeitig auch die Erweiterung eines privaten Wohnraums.
Würden Sie sagen, dass es typisch amerikanische Aspekte Ihrer Arbeit gibt, und, wenn ja, welche?
Absolut! Ich stamme aus den Südstaaten, und meine Arbeit hat ihre Wurzeln in einem kalifornischen Lebensgefühl. Sonnenlicht, natürliche Materialien, ein Dialog zwischen Innenraum und Natur. Dieser Geist von Freiheit, Optimismus und Leichtigkeit fühlt sich für mich eindeutig amerikanisch an. Es geht darum, Räume zu schaffen, die erlesen und besonders sind, aber nicht steif und leblos wie Kulissen. Meine Räume sollen luxuriös sein und sich gleichzeitig wohnlich anfühlen.
Sie sind bekannt für Ihre legendäre Disziplin und Energie. Sind dieser Tatendrang und dieses Arbeitsethos für Sie auch typisch amerikanische Eigenschaften?
Mein Arbeitsethos ist zunächst etwas sehr Persönliches. Das wichtigste Vorbild für mich waren die starken Frauen in meiner Familie, die mir den Wert von Ausdauer und Neugier beigebracht haben. Aber ja, es stimmt, dass diese Mischung aus Ehrgeiz und Unabhängigkeit eine zutiefst amerikanische Eigenheit ist. Der kreative Prozess ist für mich eine permanente Quelle der Energie. Das Erschaffen, das Experimentieren, das Weiterentwickeln. Das ist es, was mich antreibt.