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LIVING SALON Gespräch: »Wie wohnt man am besten allein?«

LIVING Salon
Interview
LIVING Interview

Der Trend ist ungebrochen: Fast 40 Prozent aller österreichischen Haushalte sind Single-Wohnungen. Doch was sind beim Alleinwohnen die Dos and Don’ts? Darüber sprechen der Wiener Architekt Christian Seethaler, die Salzburger Soziologin Sarah Untner und die Serviced-Apartment-Betreiberin Sina Nikolussi.

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Die Gesprächspartner:innen

Die Skeptikerin

Sarah Untner (48) studierte Soziologie und Kommunikationswissenschaften in Salzburg und gründete 2015 ihr eigenes Büro raumsinn. Sie ist Mediatorin, Moderatorin, zertifizierter Businesscoach, Expertin für Beteiligungsprozesse und Prozess-begleiterin in der Regional- und Quartiers-entwicklung. Zu ihren Kund:innen zählen v.a. Gemeinden und Bauträger. Zudem hat sie Lehraufträge an der FH Salzburg und Oberösterreich sowie an der Freien Universität Berlin.

raum-sinn.at

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Die Vermieterin

Sina Nikolussi (40) machte eine Ausbildung zur Hotelkauffrau und war 20 Jahre lang in der Hotellerie tätig, u. a. in Wien sowie im La Pura Women's Health Resort in Gars am Kamp. Seit 2023 leitet sie Room4Rent Serviced Apartments, eine Marke der immo 360 grad gmbh im ÖSW Konzern. Das Unternehmen umfasst rund 1.000 Serviced Apartments für Expats und Singles – mit acht Standorten in Wien, u. a. bei der Messe Wien, im Q Tower St. Marx und in der Music Box im Sonnwendviertel.

room4rent.at

 

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Der Planer

Christian Seethaler (67) studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst in Wien sowie an der Cornell  University in New York. 1984 gründete er das Büro 6B Architekten (heute Mascha & Seethaler Architekten), das er mit seinen Partnern Christian Mascha und Johannes Will leitet. Themenschwerpunkte sind Wohnbau, Hotels und Quartiersentwicklung. Im Lebenscampus Wolfganggasse haben M&S für die Bauträger WBV-GPA und Neues Leben Wohnungen für Alleinerziehende geplant.

architects.co.at

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LIVING Fast jeder hat schon einmal allein gewohnt. Wie ist das so?

Sina Nikolussi Ich wohne auch heute noch allein, und ich genieße das sehr, muss ich gestehen. Man kommt nach Hause, wann man möchte, man muss auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen, und es gibt keine Zahnpastatuben-Streitereien.

Sarah Untner Allein wohnen bedeutet für mich vor allem: Platz! Eigentlich wollte ich mich vor ein paar Jahren als Single verkleinern, war damals auf der Suche nach einer kleineren Wohnung, aber alles, was ich gefunden habe, war nicht nur kleiner, sondern leider auch teurer. Also bin ich in meiner großen Wohnung geblieben – und habe das sehr genossen!

Christian Seethaler Ich habe viele Jahre in großen Wohngemeinschaften mit fünf, sechs, sieben Leuten gewohnt, und da ist immer was los, alles ist in Bewegung. Alleine zu wohnen – das ist für mich vor allem ein Moment der Ruhe.

Das klingt alles sehr positiv. Was sind denn die Nachteile des Alleinwohnens?

Nikolussi Man muss sich um alles selbst kümmern. Es gibt niemanden, der um sieben Uhr in der Früh den Rauchfangkehrer in die Wohnung lässt, der ein Paket annimmt, wenn man nicht zu Hause ist, oder der die Hausverwaltung anruft, wenn es etwas zu klären gilt.

Seethaler Ein Nachteil ist das Gefühl, nach Hause zu kommen – und niemand begrüßt dich.

Untner Beim Alleinwohnen gibt es immer wieder Momente der Einsamkeit und der fehlenden Struktur. Am Sonntagabend alleine »Tatort« zu schauen, das fühlt sich manchmal schon eigenartig an!

Seethaler Auch das Aufkochen und Essen ist allein ganz was anderes als zu zweit oder in der Familie. Meine Erfahrung ist: Wenn man füreinander kocht, dann ernährt man sich bewusster und gesünder und zelebriert mit dem gemeinsamen Essen ein gewisses soziales Ritual, das ich sehr schätze.

Spielregeln fürs Alleinwohnen

Die Faktoren für ein glückliches Wohnen, sagen die Expert:innen, liegen vor allem in der Nachbarschaft und im sozialen Miteinander. Von links nach rechts: Sarah Untner, Soziologin und Geschäfts-führerin von raumsinn, Sina Nikolussi, Leiterin von Room4Rent, einer Marke der immo 360 grad gmbh, und Christian Seethaler, Gründungs-partner von M&S Architekten.

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Die Geschichte des Wohnens ist eine Geschichte des Kollektivs, der Großfamilie, der gemeinsam bewirtschafteten Bauernhöfe und Gewerbebetriebe.Wann und wodurch wurden die Haushalte erstmals kleiner?

Untner Tatsächlich ist Wohnen, wie Sie sagen, geschichtlich bedingt eine Form des Kollektivs. Über viele Jahrtausende hat der Mensch im Rudel, in der Großfamilie, in Zweckpartnerschaften gelebt und gewohnt.

Seethaler In der Gruppe war der Lebensalltag leichter und auch wirtschaftlicher und effizienter zu meistern – ob das nun die Lebensmittelversorgung betrifft oder auch die Bedarfsdeckung mit Alltagsgütern oder Dienstleistungen. Das gilt im Wesentlichen bis heute, denn allein zu wohnen ist immer noch die teuerste Wohnform – nicht nur, was die Wohnkosten betrifft, sondern auch in Hinsicht auf die Lebenserhaltungskosten.

Untner Das alleinige Wohnen war lange Zeit eine soziale Stigmatisierung. Und die hat vor allem die Frauen betroffen – ob das nun Witwen, Ledige oder alleinerziehende Mütter waren, deren Männer im Krieg gefallen sind. Wirklich verändert hat sich der erst mit der Moderne und mit der allmählichen Emanzipation der Frau innerhalb der Gesellschaft.

Nikolussi Ich finde ja sogar, dass die Stigmatisierung bis heute besteht. Wohnungen für Ein-Personen-Haushalte werden je nach Region oder Branche immer noch als »Single-Wohnung« bezeichnet …

Untner … und erwecken damit den Eindruck, dass es sich um Singles handelt, obwohl die Wohnform per se ja nichts über den sozialen Beziehungsstatus aussagt. »Single-Wohnung« ist ein sehr problematisches Wort! Das Wort »Garçonnière« würde es viel besser treffen!

»Das alleinige Wohnen war lange Zeit eine soziale Stigmatisierung. Und die hat vor allem Frauen betroffen – ob das nun Witwen, Ledige oder alleinerziehende Mütter waren, deren Männer im Krieg gefallen sind.«

Sarah Untner, Soziologin und Geschäftsführerin von raumsinn

Zu den Vorläufern des Alleinwohnens zählen Arbeiterwohnungen sowie reformatorische Konzepte wie etwa das Einküchenhaus der deutschen Frauenrechtlerin Lily Braun. Wie kam es dazu?

Nikolussi Das Einküchenhaus war der Versuch, genau diesen Alleinwohnenden, Alleinstehenden, oftmals Alleinerziehenden den Alltag zu erleichtern. Die einzelnen Haushalte waren klein und kompakt und dadurch auch billig in der Miete, dafür aber gab es fürs gesamte Haus eine Großküche, in der jeden Tag groß aufgekocht wurde. Damit konnten sich die Bewohner:innen viel Geld und Zeit sparen.

Untner Eigentlich ein sehr kluges Modell, das in vielen Großstädten in den Industrieländern übernommen wurde. Solche Einküchenhäuser gab es beispielsweise in Berlin, Hamburg, Zürich, Amsterdam und in diversen englischen Großstädten.

Seethaler Auch in Wien wurden ein paar wenige dieser Einküchenhäuser realisiert, aber spannend finde ich, dass das gemeinschaftliche Teilen der Küche im Roten Wien nie wirklich gefördert und akzeptiert wurde. Im Roten Wien gab es zwar gemeinschaftliche Waschküchen, Kindergärten, Ateliers, Theatersäle, Greißler und sogar Kinderfreibäder, aber beim Kochen und Essen wurde dann doch die klassische Familie mit der unbezahlten Haushaltsarbeit der Hausfrau in den Mittelpunkt gestellt.

Untner Das Einküchenhaus hat als Modell zwar nicht wirklich überlebt, aber immerhin kann man sagen, dass es den Weg geebnet hat für viele innovative Wohnmodelle, die wir heute am Markt vorfinden. Das reicht vom Studierendenwohnheim über Clusterwohnungen bis hin zu temporären Wohnmodellen für Expats, Geschiedene und Geflüchtete.

Bei temporären Wohnmodellen, wie etwa bei Room4Rent, handelt es sich ja nicht nur um ein Wohnmodell, sondern auch um eine Dienstleistung. Wie genau funktioniert das?

Nikolussi Wir vermieten Wohnungen auf Zeit, und zwar komplett möbliert und mit allen Zusatzleistungen wie Strom, Wärme und Internet. Und so, wie Sie sagen, Frau Untner, meistens handelt es sich um Leute, die kurzfristig dringend Wohnraum benötigen – sei es aus beruflichen, sei es aus privaten Gründen.

Wie lange bleiben die Menschen bei diesem sogenannten Kurzzeitmodell?

Nikolussi Als ich vor drei Jahren die Leitung von Room4Rent übernommen habe, lag die Durchschnittsdauer bei 3,5 Monaten. Mittlerweile beträgt die durchschnittliche Verweildauer 5,5 Monate. Aber manche Gäste bleiben auch jahrelang!

Seethaler Aus welchen Gründen? Wissen Sie das?

Nikolussi Sie genießen das hotelartige Flair, das sorgenlose Wohnen wie im Hotel, die Rezeption, die von Montag bis Freitag besetzt ist, und so weiter.

Kann ich die Room4Rent-Wohnung nach eigenem Belieben ausmalen und tapezieren?

Nikolussi Nein, das ist leider nicht möglich. Aber ich denke, bei längeren Aufenthalten finden wir sicherlich eine passende Lösung für alle!

Seethaler Spannend finde ich ja, dass es viele Schriftsteller gibt, die einen Großteil ihres Lebens im Hotel gewohnt haben. Ich denke da nur an Marcel Prawy mit seinen Plastiksackerln im »Hotel Sacher«.

Untner Oder etwa die Psychoanalytikerin Erika Freeman, die im »Hotel Imperial« wohnt. Insgesamt beobachte ich schon, dass Wohnen immer mehr zur Dienstleistung wird – was für die Bildung von Nachbarschaften natürlich ziemlich schwierig ist.

»Wir vermieten Wohnungen auf Zeit, und zwar komplett möbliert und mit allen Zusatzleistungen. Meistens handelt es sich um Leute, die kurzfristig dringend Wohnraum benötigen – sei es aus beruflichen, sei es aus privaten Gründen.«

Sina Nikolussi, Leiterin von Room4Rent

Wie bildet man solche Nachbarschaften?

Untner Auf der sozialen Ebene zum Beispiel über ein Besiedelungsmanagement, auf der räumlichen Ebene etwa über Gemeinschaftsräume, die eine klare Funktion und eine hochwertige Ausstattung brauchen.

Seethaler Meine Beobachtung ist: Es braucht ein räumliches Angebot, aber es braucht auch eine menschliche Seele. Das kann eine professionelle Begleitung sein, das kann aber auch ein einzelner Mensch sein, der als Katalysator wirkt und den Gemeinschaftsräumen Leben einhaucht. Ich zum Beispiel wohne in einem gründerzeitlichen Haus, und im Erdgeschoß im Innenhof wohnt Herr Kurt – das ist die gute Seele des Hauses! Ohne ihn wäre unsere Nachbarschaft eine andere.

Nikolussi Gemeinschaftsräume gehören bei all unseren Einrichtungen zum Standard dazu. Wir haben beispielsweise eine Lobby, einen Fitnessbereich und diverse Coworking-Spaces. Die Frage, wie diese Bereiche angenommen werden, hängt stark von der jeweiligen Klientel ab. Junge Leute und Studierende nehmen das Angebot gerne an, Business-Expats ab einem gewissen Alter hingegen, aber auch Menschen in prekären Lebenssituationen, ziehen sich tendenziell in den Privatbereich zurück.

Untner Die menschliche Komponente ist wirklich wichtig. Das räumliche Angebot ist so etwas wie die Hardware. Aber es braucht eben auch eine soziale Software.

Seethaler Es braucht einen Herrn Kurt!

Eine Sonderform von gelebter, zelebrierter Nachbarschaft sind Themenwohnbauten. Was hat es damit auf sich?

Seethaler Viele Menschen – vor allem auch Alleinwohnende und Alleinstehende – sehnen sich nach einer gewissen sozialen Zugehörigkeit. Auf dieser Basis sind in den letzten 20 Jahren einige spannende Themenwohnbauten entstanden – ob das nun ein Wohnbau für Gärtner:innen oder für leidenschaftliche Radfahrer:innen ist, mitsamt Schwimmbad und eigener Fahrradwerkstatt im Haus. Durch das Teilen von Interessen entstehen Gemeinsamkeiten.

Untner Der Wiener Architekt Harry Glück, berühmt für seinen Wohnbau Alterlaa, hat einmal gesagt: »In der Badehose sind alle Menschen gleich.« Daher baue er auf den Dächern seiner Wohnhäuser so gerne Schwimmbäder. Das Gleiche trifft auch auf Urban Gardening zu: Probleme mit Schnecken und Würmern hat jeder – ganz gleich, ob Vorstandsdirektor oder Supermarktverkäuferin.

»Allein zu wohnen, das ist auch heute noch die teuerste Wohnform – nicht nur, was die Wohnkosten betrifft, sondern auch in Hinsicht auf die Lebenshaltungskosten.«

Christian Seethaler, Gründungspartner von M&S Architekten

Ein interessanter Themenwohnbau der letzten Jahre ist der Lebenscampus Wolfganggasse in Wien-Meidling, wo Sie für die beiden Bau­träger WBV-GPA und Neues Leben ein Wohnhaus geplant haben, das unter anderem Wohnungen für Alleinerziehende umfasst.

Seethaler Das war von Anfang an ein interessantes, aber auch umstrittenes Konzept. Zu Beginn war die Idee, die Wohnungen für Alleinerziehende alle auf einer Stiege zu konzentrieren, damit die betroffenen Personen in der Nähe voneinander wohnen.

Nikolussi Wirklich? Ich bin zwar keine Spezialistin, aber das klingt für mich gar nicht gut! Warum sollte man Menschen in der gleichen Lebenssituation dermaßen konzentrieren? Ist das nicht eine gewisse Stigmatisierung?

Seethaler Eben! In Zusammenarbeit mit einem Soziologen ist uns bald klar geworden, dass niemandem damit geholfen ist, wenn man Menschen mit den gleichen Schwierigkeiten im Lebensalltag auf einen Haufen schmeißt. Also sind wir bald dazu übergegangen, die Wohnungen für Alleinerziehende im ganzen Haus quer zu verteilen.

Untner Sehr gute Idee! Die Konzentration von prekären Lebensbiografien sehe ich in der Tat sehr problematisch. Die meisten Alleinerziehenden haben weder Geld noch Zeit. Die soziale Hilfe findet also eher über die Heterogenität statt. Gemeinsamkeiten schweißen zusammen, aber ein zu starker Fokus auf Gemeinsamkeiten kann eben auch zu Segregation führen. Man muss die richtige Balance finden.

Welche aktuellen Trends sehen Sie auf uns zukommen? Wohin geht die Reise?

Seethaler Ich sehe, dass die Pro-Kopf-Wohnfläche in Mitteleuropa kontinuierlich steigt. Das heißt: Immer mehr Menschen
wohnen allein in immer größeren Wohnungen.

Untner Ich sehe, dass die Lebensbiografien immer vielfältiger werden. Dass Menschen auch im hohen Alter noch WGs gründen, dass verheiratete Paare in zwei getrennten Wohnungen leben, dass die klassische Familienwohnung immer mehr in den Hintergrund rückt.

Nikolussi Und ich beobachte, dass sich Wohnen und Arbeiten immer mehr vermischen – und dass beides, falls nötig, auch auf knapper, kompakter Fläche stattfinden kann. Wenn es sein muss, auch mit dem Laptop auf der Schlafcouch.

Zu Beginn habe ich Sie zum Alleinwohnen befragt. Zum Schluss würde mich interessieren: Wenn Sie sich einen Mitbewohner, eine
Mitbewohnerin wünschen dürften, wer wäre denn das?

Nikolussi Ich bin ein großer Fan von Gabrielle Bonheur Chasnel, besser bekannt als Coco Chanel. Ein paar Wochen mit dieser Frau zusammenzuwohnen, das wäre schon spannend. Ich hätte so viele Fragen!

Untner Ich hätte gerne Harry Glück als meinen Mitbewohner. Ein toller Architekt und Menschenkenner!

Seethaler Ich würde gerne mit meinem zweiten Ich zusammenwohnen. Und zwar mit dem Ich, das ganz andere Entscheidungen getroffen hat als ich, und mich mit ihm darüber unterhalten, wie sich sein Leben so entwickelt hat im Laufe der Zeit.

»Die Lebensbiografien werden immer vielfältiger: Menschen gründen auch im hohen Alter noch WGs, verheiratete Paare leben in zwei getrennten Wohnungen, die klassische Familien­wohnung rückt immer mehr in den Hintergrund.«

Sarah Untner, Soziologin und Geschäftsführerin von raumsinn


Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 5+6/2026

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Wojciech Czaja
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