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Pure Chemie? Warum im Flugzeug plötzlich die Tränen fließen

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Reise

In 10.000 Metern Höhe gelten offenbar eigene Regeln: Filme berühren stärker, Speisen schmecken anders und selbst vertraute Sinneseindrücke verändern sich. Was hinter den überraschenden Effekten des Fliegens steckt, dem sind Forscher:innen auf der Spur.

Wer schon einmal im Flugzeug bei einem Film geweint hat, obwohl die Handlung eigentlich kaum Anlass dazu gab, ist damit keineswegs allein. Das Phänomen ist so verbreitet, dass es inzwischen sogar einen eigenen Namen trägt: den »Mile Cry Club«. Gemeint sind Passagier:innen, die über den Wolken deutlich emotionaler reagieren als am Boden.

Den Anstoß für die Debatte gab einst das Model und die Kochbuchautorin Chrissy Teigen. Auf Social Media fragte sie ihre Follower, ob sie bei Filmen im Flugzeug ebenfalls häufiger weinen würden. Die Resonanz fiel eindeutig aus: Von romantischen Komödien über Superheldenfilme sogar bis hin zu – informativen und recht drögen – Sicherheitsvideos: Zahlreiche Reisende fühlen sich auf Flugreisen emotional dünnhäutiger und berichteten von unerwarteten Gefühlsausbrüchen in der Luft. Willkommen im »Mile Cry Club«? Das in Alaska ansässige Medium Anchorage Daily News ging dem Phänomen auf den Grund.

Wenn Körper und Psyche reagieren

Wissenschaftlich sei das Phänomen demnach zwar noch nicht umfassend erforscht, Psycholog:innen sehen jedoch mehrere mögliche Ursachen. Flugreisen bedeuten für viele Menschen einen Verlust von Kontrolle. Hinzu kommen Zeitdruck, Sicherheitskontrollen, ungewohnte Umgebungen und bei manchen Reisenden auch unterschwellige Flugangst.

Gleichzeitig wirkt die Flugumgebung selbst auf den Körper ein. Die Luft in der Kabine ist trocken, der Sauerstoffgehalt geringer als auf Meereshöhe und die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Müdigkeit, leichte Dehydrierung und die Belastung durch lange Reisetage können die emotionale Widerstandskraft zusätzlich reduzieren.

Die Folge: Gefühle werden intensiver wahrgenommen. Szenen, die am heimischen Sofa vielleicht nur ein Schmunzeln hervorrufen würden, können über den Wolken plötzlich Tränen auslösen.

Schon ein Sicherheitsfilm kann während des Flugs ein Gefühlschaos auslösen
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Schon ein Sicherheitsfilm kann während des Flugs ein Gefühlschaos auslösen

Warum Tomatensaft über den Wolken besser schmeckt

Nicht nur die Emotionen spielen in der Luft verrückt. Auch Geschmack und Geruch verändern sich während eines Fluges deutlich. Studien zeigen, dass die niedrigere Kabinenluftdrucksituation die Wahrnehmung von süßen und salzigen Aromen abschwächt. Salz wird um bis zu 30 Prozent weniger intensiv wahrgenommen, süße Geschmacksnoten verlieren ebenfalls an Kraft.

Dafür gewinnen sogenannte Umami-Aromen an Intensität. Das erklärt ein bekanntes Phänomen vieler Fluggesellschaften: Tomatensaft gehört an Bord seit Jahren zu den beliebtesten Getränken, obwohl er am Boden deutlich weniger häufig bestellt wird. Die Kombination aus niedrigerem Kabinendruck, trockener Kabinenluft und konstantem Fluglärm verändert die Geschmackswahrnehmung.

Tomatensaft oder gar Bloody Mary – Flug-Passagier:innen lieben Umami.
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Tomatensaft oder gar Bloody Mary – Flug-Passagier:innen lieben Umami.

Geruchsinn verändert sich in der Höhe

Auch der Geruchssinn leidet unter den Bedingungen an Bord. Die trockene Luft lässt die Nasenschleimhäute austrocknen, wodurch Duftstoffe schlechter wahrgenommen werden. Essen wirkt deshalb oft weniger aromatisch als gewohnt. Fluggesellschaften reagieren inzwischen auf diese Erkenntnisse. Einige setzen verstärkt auf würzige Zutaten und Umami-reiche Speisen. Selbst spezielle Teemischungen oder eigens für große Flughöhen entwickelte Spirituosen wurden bereits getestet, um den veränderten Geschmackssinn der Passagier:innen auszugleichen.

Der Körper passt sich an

Trotz all der kleinen Unannehmlichkeiten geben Mediziner:innen Entwarnung. Für die überwiegende Mehrheit der Reisenden stellt Fliegen keine besondere Belastung dar. Der menschliche Organismus verfügt über erstaunliche Anpassungsmechanismen und gleicht die veränderten Bedingungen meist problemlos aus.


Travel-Redaktion
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