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Rote Segel: Die traditionellen Dschunken sind ein unverwechselbares Symbol Hongkongs.

Rote Segel: Die traditionellen Dschunken sind ein unverwechselbares Symbol Hongkongs.
© Getty Images

Travel-Guide Hongkong: Metropole der Kontraste

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In Hongkong prallen schwindelerregendes Tempo und jahrtausendealte Tradition aufeinander. Nach politischen Turbulenzen und der rigiden Zero-Covid-Politik erwacht die Weltstadt nun wieder zum Leben – ein idealer Moment, um sie neu zu entdecken.

Keine andere Metropole sei vergleichbar mit Hongkong, findet Michael Groll, General Manager des »Landmark Mandarin Oriental«. Groll kam 2008 zum ersten Mal nach Hongkong; inzwischen lebt der gebürtige Münchner insgesamt elf Jahre hier – wenn auch nicht am Stück. Dazwischen führte ihn sein Job nach London, Dubai, Singapur, Doha, Kuala Lumpur und Bali. Doch keiner dieser Orte habe ihn je so tief berührt wie Hongkong. Kein Wunder, dass er unbedingt zurückwollte: »Hongkong hat dieses schwindel­erregende Tempo und zugleich tief verwurzelte Tradition«, schwärmt Groll.

Denkt man genauer darüber nach, wirkt diese Kombination widersprüchlich – und ist doch wohl die einzige Konstante in dieser sich stetig wandelnden Megacity. Ein Musterbeispiel für diesen faszinierenden Gegensatz ist das »Landmark Mandarin Oriental« selbst. Das Fünf-Sterne-Haus liegt in Central, dem Finanz- und Geschäftszentrum der Stadt; bei Kreativen aus der Mode- und Designszene ist es ebenso beliebt wie bei Reisenden aus der Finanzbranche. Momentan gleicht es aber einer Großbaustelle: Die Immobiliengruppe Hongkong Land investiert derzeit umgerechnet rund 370 Millionen Euro in die umfassende Neugestaltung und Erweiterung des Gebäude­komplexes, in dem sich das Hotel befindet. Weitere knapp 560 Millionen Euro sollen von Luxusmarken wie Cartier, Chanel, Dior und Louis Vuitton fließen, die hier selbstverständlich wie in jeder westlichen Metropole Verkaufsflächen betreiben.

Schimmer aus Glas und Stahl

Doch die Stadt hat sich verändert, seit China seinen Einfluss unverhohlen geltend macht. Mehr als 150.000 Menschen sind aus Hongkong allein nach Großbritannien geflohen. Lebten laut Volkszählung 2021 noch 593.000 Ausländer in Hongkong, waren es im Juli letzten Jahres nur noch 270.000. Große internationale Unternehmen haben sich inzwischen aus der Stadt zurückgezogen, darunter Dell, HP, Linkedin, Hasbro, Puma und Nike – ein Exodus, der sich durch die drakonische Zero-Covid-Politik weiter verstärkt hat.

Und doch hat all das nicht das Ende Hongkongs als Tourismusmetropole bedeutet, im Gegenteil: Die Stadt setzt alles daran, ihre Rolle als globales Reiseziel nicht nur zu behaupten, sondern weiter auszubauen. Auf der jüngsten »Internationalen Tourismus-Börse« (ITB) in Berlin zeigte sich, wie entschlossen Hongkong um Besucher wirbt – mit neuen Kampagnen, attraktiven Reiseangeboten und einer klaren Neupositionierung als kultureller Schmelztiegel, gestützt durch zahlreiche neu eröffnete Kulturinstitutionen wie das Museum »M+« im West Kowloon Cultural District.

Viele Reisende kommen mit dem Kreuzfahrtschiff. Wer abends am neuen Kai Tak Cruise Terminal anlegt, blickt zuerst auf eine glitzernde Stadt aus Glas und Stahl. Mit etwas Glück lässt sich der Sonnenuntergang direkt von der Reling aus beobachten – ein Farbenspiel, das den Victoria Peak mit interessanten Silhouetten schmückt und die Bucht in Gold und Rosa erstrahlen lässt. Kurz darauf zündet die Stadt ihr ganz besonderes Lichterspiel: In keiner Metropole der Welt stehen mehr Wolkenkratzer als hier; auf den mehr als 500 verschiedenen Fassaden tanzen abends bunte LED-Lichter, die sich auf dem ruhigen Wasser des Hafens widerspiegeln.

Alte Traditionen und neue Talente

Auch die auffallenden, gezielt platzierten Öffnungen in Gebäuden oder Hochhauskomplexen leuchten im feierlichen Lichtspiel auf: Das sind sogenannte »Drachentore« – sie sollen gemäß der Feng-Shui-Lehre, die seit über 3.000 Jahren tief in der chinesischen Kultur verankert ist, als Flugtore dienen, damit Drachen morgens ungehindert von den Bergen zum Meer hin- und abends wieder zurückfliegen können. Diese architektonischen Elemente sind besonders in Hongkong verbreitet, wo moderne Baukunst und traditionelle Überzeugungen in eindrucksvoller Weise verschmelzen.

 

Wer vom Hafen ins Stadtinnere läuft, landet irgendwann in Hongkong Central – dem pulsierenden Geschäfts- und Einzelhandelszentrum der Stadt. Hier, zwischen den gläsernen Fassaden moderner Bank- und Bürotürme und den historischen Kolonialbauten, entfaltet sich eine leben­dige Kunstszene, die Tradition und Avantgarde kunstvoll miteinander verwebt. Besonders durch die »Art Basel Hongkong« rückt die Metropole fest auf den Reisekalender des internationalen Kunstpublikums. Zuletzt zog die Messe 240 Galerien aus 42 Ländern und rund 91.000 Besucher aus über 70 Ländern an, die hier nach außergewöhnlichen Werken und neuen Talenten suchen.

Ebenfalls ein kultureller Anziehungspunkt: das »M+«, ein visionäres Museum für moderne Kunst und visuelle Kultur im West Kowloon Cultural District. Mehr als zehn Jahre lang brauchte man für die Fertigstellung des Baus in Form eines auf dem Kopf stehenden Ts. In den mehr als 33 darin beherbergten Galerieräumen sind Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, mit Fokus auf Asien und Hongkong, zu sehen. Das Museum sieht sich auf Augenhöhe mit internationalen Institutionen wie dem Pariser Centre Pompidou oder dem »MoMA« in New York.

Täschchen fürs Herz

Lokale Kunst in überschaubarer Dosis kann man während eines Besuchs im Shopping- und Ausgehviertel Tsim Sha Tsui, einem der lebhaftesten und geschäftigsten Viertel der Stadt, bei einem Abstecher ins Lifestyle-Hotel »Mondrian« erleben: Im hoteleigenen »The Corner Shop«, einer ehemaligen Wechselstube gegenüber des Hotels, werden wechselnde Ausstellungen mit lokalen Künstlern präsentiert. Als das »Mondrian« im Dezember 2023 seine Türen öffnete, setzte es ein Zeichen dafür, wie sich ein Hotel heute als aktiver Teil der Stadtgemeinschaft etablieren kann: Anstelle einer VIP-Eröffnungsnacht mit viel Glanz und Glamour entschied sich das Haus für einen anderen Ansatz: Es lud alleinerziehende Eltern ein und schenkte ihnen eine Übernachtung im Hotel und einem kostenlosen Besuch im »M+«-Museum.

Auch kulinarisch hat Hongkong viel zu bieten: Wandert man durch die vielen unterschiedlichen Viertel der Stadt, liegt oft der würzige Duft von Ingwer, Sojasauce und frittiertem Tofu in der Luft, gepaart mit einer salzigen Meeresbrise. Bambuskörbchen mit exzellenten dampfenden Dim Sum – mit Fisch, Fleisch oder Gemüse gefüllte chinesische Teig­taschen, die »das Herz berühren« (so die Bedeutung des Begriffs) – findet man zuhauf in Hongkongs Straßen. Um die brutzelnden Garküchen drängen sich von früh bis spät dicht an dicht Menschen mit ihren Plastikschüsseln.

Magische Anziehungskraft

Wem dieses Streetfood zu urban ist, der lässt sich Dim Sum in Drei-Sterne-Qualität von Chan Yan Tak zum Lunch auftischen; im Restaurant »Lung King Heen« im »Four Seasons«. Hongkong kann nämlich beides sehr gut, Fastfood und Edelküche. Um dem lauten Trubel der Stadt zu entkommen, muss man nicht weit gehen: 70 Prozent Hongkongs bestehen aus Nationalparks. Auch innerhalb der Stadt gibt es immer wieder Oasen der Ruhe. Im Wong Tai Sin District liegt Hongkongs schönster Park, der Nan Lian Garden. Dort schwimmen Kois in Teichen unter Kiefern, während Mönche barfuß durch die stille Grünanlage wandeln.

 

Gleich daneben kann man die buddhistische Tempelanlage des Nonnenklosters Chi Lin erkunden. Sie soll Harmonie zwischen Mensch und Natur symbolisieren und wurde dafür komplett aus Zypressenholz ohne einen einzigen Nagel erbaut. Beim Blick auf Augenhöhe wird dieses Ansinnen noch heute vermittelt – schweift der Blick jedoch höher, fängt einen die Moderne wieder ein, in Gestalt der umliegenden Hochhäuser. Auf Lantau Island, in der »grünen Lunge Hongkongs«, warten das Po-Lin-Kloster und der monumentale Tian-Tan-Buddha auf Entdecker – oft in Nebel gehüllt, als hätte die Zeit hier angehalten und die Welt ihre rastlose Bewegung vergessen.

Hongkong habe viele Herausforderungen durchgemacht, und das nicht nur in den letzten zehn Jahren, sagt Groll; aber die Stadt sei daraus stets gestärkt hervorgegangen und er könne sich keinen anderen Ort vorstellen, der dieselbe Anziehungskraft auf Menschen ausübt: »Hongkong ist noch immer so spektakulär und dynamisch, wie ich es von meinem allerersten Besuch 2008 in Erinnerung habe!«

Best-of Hongkong: Die schönsten Spots


 

Erschienen in
Falstaff TRAVEL Magazin 02/2025

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Katharina Kotrba
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