Island: Eine Reise zwischen Mythos und Naturgewalt
Walbeobachtungen vor Reykjavík, heiße Quellen am Atlantik und begehbare Eishöhlen – Island ist ein Land, das die Grenzen zwischen Mystik und Wirklichkeit verschwimmen lässt.
Wer nach Island reist, erlebt die Natur in ihrer ursprünglichsten Form. Zwischen schroffen Küsten, aktiven Vulkanen und gewaltigen Gletschern reiht sich ein spektakuläres Erlebnis an das nächste – und hinter jeder Kurve wartet eine Landschaft, die beeindruckender scheint als die vorherige.
»Auf neun Uhr. Und auf elf Uhr.« Die Stimme von Kapitän Valgeir Hreiðarsson ist ruhig, fast unaufgeregt. Wenige Seemeilen vor Reykjavík drosselt das Boot die Fahrt. Kein Radar, kein Alarm – Erfahrung und ein Blick für das Wasser reichen aus. Dann hebt sich die Oberfläche. Zuerst einer. Dann ein zweiter, dritter – schließlich sechs Buckelwale. Sie kommen nah ans Boot heran, stoßen hörbar Luft aus, verschwinden wieder und tauchen wenig später an anderer Stelle erneut auf. Immer wieder dieser besondere Moment davor: die mächtige Schwanzflosse, ein letzter Schlag ins Licht, bevor sie in die Tiefe gleiten …
BADEN ZWISCHEN TROLLEN
Langsam setzt das Boot wieder Kurs Richtung Küste. Die Silhouette von Reykjavík rückt näher. Rund 50 Autominuten vom Hafen entfernt wartet ein anderes Highlight der Natur: Die Fahrt führt hinaus aus der Stadt, vorbei an schwarzem Lavagestein, das sich wie erstarrte Wellen über die Halbinsel legt. Moos setzt sich weich in die poröse Landschaft. Die »Blue Lagoon« wirkt inszeniert, fast wie ein Bild, und entsteht doch genau hier – aus dem, was unter der Oberfläche arbeitet. Das Wasser ist geothermisch gespeist, kommt aus rund 2.000 Metern Tiefe und wird mit bis zu 40 Grad Celsius in die Becken geleitet.
Die »Blue Lagoon« hat ihren eigenen Geschichtenerzähler: Während er über Silica, Mikroalgen und Temperatur spricht, erwähnt er nebenbei die »hidden people«, die beim Bau respektiert wurden. Feen und Trolle der isländischen Folklore werden nicht als Aberglaube verstanden, sondern als Teil einer kulturellen Wahrnehmung, in der Landschaft mehr ist als Kulisse. Ganz real, im Kontrast zu den Geschichten draußen, zwischen Lava und Dampf, genießt man im selben Gebäude ein Tasting Menu im »Moss Restaurant«, das einen Michelin-Stern trägt.
Island versteht seine Badekultur im Kontext einer UNESCO-Initiative nicht als Wellnessidee, sondern als soziale Praxis. »Schwimmbäder sind ein selbstverständlicher Teil unseres Lebensstils – einzigartig und zentral für die isländische Gesellschaft«, sagt der ehemalige isländische Präsident Guðni Jóhannesson, Historiker und Initiator des Antrags. Hier ist Baden kein Ritual, sondern Teil des gelebten Alltags.
HEISSE QUELLEN AM FJORD
Je weiter Reykjavík in die Ferne rückt, desto ruhiger wird die Straße. Der Hvalfjörður (Wal-Fjord) zieht sich lang ins Land hinein. Eine Panoramastraße führt direkt am Wasser entlang, gelegentlich liegen Robben auf den Felsen und ruhen sich aus. Am Ende zweigt ein Weg zum Glymur-Wasserfall ab. Der Pfad führt in eine Schlucht, über Steine und kleine Flussläufe, bis der Wasserfall plötzlich sichtbar wird – mit 198 Metern ist er der zweithöchste Islands.
Die heißen Quellen von Hvammsvík liegen direkt am Fjord. Holzstege führen hinunter bis ans Wasser, die Becken sind unterschiedlich temperiert. Tatsächlich sind diese so in die Felsen integriert, dass sie sich kaum von natürlichen Gezeitenpools unterscheiden. Ganz unten mischt sich bereits Meerwasser hinein – der Übergang ist fließend. Im warmen Wasser wandert der Blick über die kalte Oberfläche des Atlantiks. Wenige Meter weiter stehen gemütliche Lodges mit Blick über die Bucht.
Mit der Landschaft verbindet sich auch Geschichte: Es heißt, dass sich auf dem Gelände 1942 historische Persönlichkeiten wie Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt Jr. getroffen haben sollen…
Entlang des Fjords gelangt man wieder Richtung Atlantik in den Fischerort Akranes. Der alte Leuchtturm aus dem Jahr 1918 gilt als einer der malerischsten Islands. Wer den neuen Leuchtturm wenige Meter weiter besteigt, hat einen weiten Blick bis zu den Gletschern. In seinem Inneren finden regelmäßig Konzerte und Vernissagen statt.
ISLAND ERZÄHLT SICH
Weiter geht es ins Landesinnere nach Reykholt. Hier lebte im 13. Jahrhundert Snorri Sturluson – Dichter, Jurist und Chronist einer Zeit, in der Island seine Geschichten erstmals systematisch aufschrieb. Ohne seine Texte wären viele Figuren der nordischen Mythologie kaum in dieser Form überliefert – und auch spätere kulturelle Adaptionen, etwa in »Der Herr der Ringe« oder »Game of Thrones«, wohl anders ausgefallen. Im Snorrastofa Museum wird diese Geschichte mit Ruhe vermittelt – ohne Pathos, aber mit klarer Einordnung.
Eine Perspektive, die hier nicht nur wissenschaftlich, sondern auch biografisch verankert ist: Bergur Þorgeirsson, Direktor des Hauses, sieht sich als Nachfahre Snorri Sturlusons. Warum wirken nordische Mythen oft dunkler und tragischer als die griechische Mythologie? »Nordische Mythen entstehen in einer Welt, in der Winter, Dunkelheit und unberechenbare Naturkräfte Teil des Alltags sind. Das spiegelt sich in den Geschichten wider: Selbst die Götter kämpfen ständig gegen Chaos und Zerstörung.«
Von Reykholt nach Húsafell verändert sich die Landschaft wieder. Sie wird weiter, offener, zunächst noch grün und weich – bevor sie in Richtung des isländischen Hochlands übergeht. Húsafell ist so etwas wie ein Tor zum Hochland. Hier beginnt die »Into the Glacier«-Tour. Zuerst geht es mit einem Shuttlebus zum Basislager und dann mit Spezialfahrzeugen hinauf zum Langjökull, dem zweitgrößten Gletscher Islands.
Die ganzjährig begehbare Eishöhle ist technisch in das Eis geschnitten und abhängig von den Bedingungen im Hochland. Drinnen wird es still. Orientierung und Geräusche verschwinden fast vollständig. Unter dem Gletscher wirken geologische Kräfte, die diese Landschaft über Jahrtausende mitgeprägt haben. Island ist ein Land der Übergänge: Lavahöhlen entstehen aus erstarrten Lavaströmen, während sich in den Gletschern im Winter natürliche Eishöhlen bilden, die sich ständig verändern und nur für kurze Zeit zugänglich sind. Die begehbare Höhle im Langjökull ist dagegen eine kontrollierte Annäherung an diese sonst kaum zugängliche Welt.
LAVA UND KULINARIK
Das Restaurant im »Hotel Húsafell« unter der Leitung von Küchenchef Ingólfur Piffl gilt als eine der spannendsten kulinarischen Adressen Islands. Piffl, halb Österreicher, halb Isländer, arbeitet mit dem, was die Umgebung hergibt: Wildkräuter, Pilze, Algen und Beeren wie Crowberries, die hier wild wachsen und eine herbe, erdige Note tragen. Gerichte wie BBQ-Rentiertatar mit Miso und Mädesüß oder glacierte Lammhaxe mit Ume und Blutwurstpüree greifen diese Landschaft direkt auf, inklusive japanischer Techniken.
Seine Küche sei »grenzwertig Avantgarde«, sagt Piffl. Der »Crispy Lamb Head Doughnut« wirkt ungewöhnlich, bleibt aber klar in der isländischen Tradition verankert. »Lammkopf ist das typischste Gericht in Island«, sagt Piffl. In der Region rund um Húsafell wird die Wärme aus dem Untergrund bis heute genutzt: Das traditionelle isländische Rúgbrauð, ein Roggenbrot, gart langsam in der Erde. Der Teig wird in Formen oder verschlossenen Behältern vergraben und über Stunden allein durch geothermische Wärme gebacken.
Zurück in Reykjavík interpretiert Chefköchin Helga Haraldsdóttir im Restaurant »Matur og Drykkur« alte isländische Rezepte neu – reduziert, klar und küstennah. Meeresalgen scheinen den Atlantik unmittelbar auf den Teller zu bringen. Nach all dieser fast direkten Begegnung mit dem Inneren der Erde wirkt die Stadt ruhiger, fast entschleunigt. Wer auf der Reise noch keine echte Lava gesehen hat, erlebt in Reykjavík bei der Lava-Show noch einmal unmittelbar, wie flüssiges Gestein sich bewegt. In einem Raum wird echte Lava bei rund 1.100 Grad Celsius in Bewegung gebracht.
Zwischen Ende August und April sind Nordlichter möglich – über Stadt, Küste und Meer hinweg. Auch in Reykjavík stehen die Chancen gut. Ein besonders stiller Ort dafür ist der Leuchtturm von Grótta. Aber wie so oft, bleibt Island am Ende auch hier offen…
Wer die isländische Kunst kennenlernen und auch fantastische Wechselausstellungen genießen möchte, ist hier zu Hause. listasafn.is
Das Kultur- und Forschungszentrum in Reykholt konzentriert sich vor allem auf den Gelehrten und Schriftsteller Snorri Sturluson aus dem Mittelalter, der hier gelebt hat. snorrastofa.is
Nicht nur das spektakuläre Gebäude selbst, dessen Fassade vom dänisch-isländischen Künstler Ólafur Elíasson gestaltet wurde, auch das Programm kann sich sehen lassen. harpa.is
Hotels
Reykjavík Konsulat Hotel Die Herzen von Design-Fans schlagen hier sofort höher: dunkles Holz, Leder, alte Fotos und moderne Akzente. Einst war das geschichtsreiche Gebäude ein Kaufhaus, heute bietet es elegant gestaltete Zimmer und Suiten als stilvollen Rückzugsort im Herzen der Stadt.
Hotel Sand Charmant und doch klassisch elegant: Das Boutique-Hotel liegt zentral an der Haupteinkaufsstraße Laugavegur und somit in bequemer Nähe zu Boutiquen, Cafés und kulturellen Angeboten. Es bietet mit seinem klaren Design einen harmonischen Gegenpol zum Trubel der Stadt.
Hotel Húsafell Es ist vor allem die Lage, die hier punktet und umfangreiche Outdoor-Abenteuer in der Gegend ermöglicht. Die Hraunfossar-Wasserfälle und die Húsafell Canyon Baths sind in der Nähe. Das Hotel selbst bietet moderne, geräumige Zimmer und Suiten in vier verschiedenen Kategorien.
Heiße Quellen
Sky Lagoon Das Geothermalbad liegt nur wenige Minuten von Reykjavík entfernt, lässt die Besucher tief in die Geschichte der isländischen Badekultur eintauchen und punktet mit seiner Lage direkt am Meer. Der Infinity-Rand der Lagune kreiert die Illusion, dem Meer entgegenzuschwimmen.
Blue Lagoon Die geothermische Lagune ist einmalig – in ihrer Lage inmitten eines Lavafelds, ihrer fast überirdisch wirkenden blauen Farbe und ihrer heilungsfördernden Wirkung. Und als Sahnehäubchen gibt’s gleich Cuisine auf Michelin-Niveau – das »Moss Restaurant« trägt die Natur Islands nicht nur im Interieur, sondern bringt sie auch kunstvoll und köstlich auf den Teller.
Hvammsvík Hot Springs Direkt am Atlantischen Ozean in Hvalfjörður situiert, bietet die Anlage den Zugang zu acht verschieden großen und verschieden temperierten Naturpools. Man hat hier die Gelegenheit, sich nach der wohligen Wärme direkt im Meer selbst zu erfrischen. Wer dann eine Stärkung braucht, findet sie im »Stormur Bistro«.
Restaurants
Matur og Drykkur Unter der Leitung von Helga Haraldsdóttir kommen Natur und Traditionen Islands auf den Teller. In Form von allem, was seine Erde zu bieten hat und allem, was in alten Rezepten und Kochbüchern überliefert wurde – saisonal und neu interpretiert.
OTO Japanisch-italienische Fusionsküche im stilvollen, lebendigen Ambiente mitten im Herzen der isländischen Hauptstadt. Neben der Qualität des Geschmacks überzeugt auch die Präsentation am Teller. Begleitet von klassischen Cocktails oder Signatur-Drinks.
Jómfrúin Eine kulinarische Feier des dänischen Smørrebrød – mit isländischen Zutaten, aber mit unerschütterlicher Interpretation des Klassikers: reich dekoriert, richtig gut belegt und herzhaft.