Die fünf schönsten Weinwanderungen in der Schweiz
Wie kein anderes Land vereint die Schweiz Wanderlust und Weinkultur. Wir zeigen die schönsten Routen, auf denen Riesling, Chasselas und Pinot Noir nicht nur im Glas, sondern auch in der Landschaft erlebbar werden.
Die Weinregionen der Schweiz lassen sich am schönsten zu Fuss erkunden. Weinwanderungen verbinden körperliche Bewegung mit sinnlichem Genuss – und öffnen den Blick für das, was hinter einem guten Tropfen steckt: Arbeit, Geduld und Terroir. Ob Halbtagestour mit Picknick im Rebberg oder mehrtägige Wanderung mit Übernachtung in kleinen Winzerbetrieben: Die folgenden fünf Routen gehören zum Schönsten, was die Schweizer Weinkulturlandschaft zu bieten hat.
Lavaux
Kein anderer Weinwanderweg der Schweiz geniesst so viel internationale Strahlkraft wie jener durch das Lavaux. Zwischen Lausanne und Vevey erstrecken sich auf rund dreissig Kilometern terrassierte Rebhänge, die seit 2007 zum UNESCO-Welterbe zählen. Der klassische Wanderweg führt von Lutry über Cully und Rivaz bis nach St-Saphorin und bietet dabei unaufhörlich neue Blickwinkel auf den Genfersee und die Savoyer Alpen im Süden. Gepflanzt wird hier vor allem Chasselas, der in seinen verschiedenen Appellationen – Dézaley, Saint-Saphorin, Épesses – eindrücklich beweist, was ein einziger Rebstock aus unterschiedlichem Terroir herauszuholen vermag. Entlang des Weges laden zahlreiche kleine Caveaux und Winzerbetriebe zur Degustation ein. Wer die Stimmung voll auskosten will, wandert früh morgens, wenn das Licht schräg durch die Rebzeilen fällt und der See noch im Morgendunst liegt.
Bielersee
Das Bieler Weingebiet mit seinen Gemeinden Ligerz, Twann und Schafis ist eine der kleinsten Weinregionen der Schweiz. Der Rebhangweg, der sich oberhalb der steil abfallenden Hänge dahinzieht, ist ein Kleinod – nicht überlaufen, nicht ausgeschildert bis zur Selbstverständlichkeit, sondern eingebettet in eine stille, fast vergessene Landschaft. Angebaut werden vor allem Chasselas und Pinot Noir, dazu vereinzelt Spezialitäten wie Gewürztraminer und Riesling. Der Weg lässt sich hervorragend mit einem Abstecher in die historische Altstadt von Twann kombinieren, wo das Dorfwirtshaus seit Generationen ausschliesslich lokale Weine ausschenkt. Wer im Frühling wandert, erlebt die Rebstöcke in der Blüte; im Herbst leuchten die Blätter in warmen Rottönen über dem blaugrauen See.
Visperterminen
Wer im Wallis wandert, denkt zunächst an Fendant und Cornalin in den Talsohlen. Doch für Abenteuerlustige führt der Weg hinauf nach Visperterminen, wo auf über tausend Metern über dem Meer die angeblich höchsten Rebberge Europas gepflegt werden. Der Primus dieser ungewöhnlichen Höhenlage ist der Heida – ein weisser Wein aus der Savagnin-Traube, der mit seiner würzigen, mineralischen Art seinesgleichen sucht. Die Wanderung beginnt in Visp und steigt entlang von Trockenmauern und Suonen – den alten Bewässerungskanälen des Wallis – hinauf in die Bergrebberge. Die Aussicht auf das Rhonetal, die Viertausender und die umgebenden Alpendörfer ist grandios. Gleichzeitig erzählt jeder Schritt von der zähen Arbeit der Bergbauern, die diese Reben unter extremen Bedingungen grossziehen. Nach der Wanderung empfiehlt sich ein Besuch bei der St. Jodern Kellerei in Visperterminen, die den Heida in verschiedenen Ausbauvarianten präsentiert.
Bündner Herrschaft
Die Bündner Herrschaft gilt als eine der elegantesten Weinregionen der Schweiz. Der Weinwanderweg führt durch eine Landschaft, in der Föhnwinde die Reben reifen lassen und der Kalkstein dem Pinot Noir, seine typisch kühle, kirschige Note verleiht. Die Route zwischen Landquart und Fläsch ist besonders empfehlenswert: schmale Rebwege, uralte Sandsteinmauern und immer wieder der Blick auf den Rhein und die liechtensteinischen Berge. Maienfeld selbst ist als Heimat von Johanna Spyris «Heidi» weltberühmt, doch weinaffine Besucher:innen kommen vor allem wegen der Kleinstwinzer, die hier ausgezeichnete Blauburgunder keltern.
Tessin
Das Mendrisiotto ist die südlichste Ecke der Schweiz – und fühlt sich an wie ein anderes Land. Zwischen Mendrisio und Castel San Pietro öffnet sich eine sanft gewellte Hügellandschaft. Hier regiert der Merlot, der im Tessin seit über hundert Jahren heimisch ist und längst eine eigenständige Identität entwickelt hat. Der Wanderweg durchs Mendrisiotto führt vorbei an alten Rustici, durch Kastanienwälder und über sanfte Hügelkuppen mit Blick bis in die lombardische Ebene. Wer genauer hinschaut, entdeckt auch Winzer, die mit Merlot Blanc, Bondola oder autochtonen Tessiner Sorten experimentieren und dem Weinbau hier eine neue Dynamik verleihen. Nach der Wanderung lohnt sich ein Halt in einer der kleinen Osteria im Dorfkern – ein Glas Merlot, ein Teller Salumi, die Abendsonne über den Rebbergen.