Kinderverbot im Zugabteil? Ein Aufschrei in Frankreich
Ruhe und Privatsphäre – ganz ohne lärmende Kinder – scheint für viele Zugreisende in Frankreich oberste Priorität zu haben. TGV bietet nun auf Schnellzugstrecken eine »Optimum-Klasse« mit kinderfreier Zone an. Die Bahngesellschaft erhält Gegenwind.
In Frankreich sorgt ein neues Angebot der französischen Staatsbahn SNCF für Aufsehen: Seit rund zwei Wochen können Reisende auf zahlreichen Strecken der Schnellzuglinie TGV von und nach Paris eine sogenannte »Optimum-Klasse« buchen – ein exklusiver Wagen in der ersten Klasse, in dem Kinder nicht erlaubt sind. Die Maßnahme richtet sich an Pendler:innen und Geschäftsreisende, die unterwegs Ruhe und Privatsphäre suchen.
No-Kids-Areas in Zügen stehen in Kritik
Laut SNCF bietet die »Optimum-Klasse« flexible Tickets, einen speziellen Kundenservice und einen Wagen »für Privatsphäre und Zugang zu einem ruhigen, exklusiven Bereich an Bord«. Die Preise sind entsprechend höher: Während ein Sitzplatz in der traditionellen ersten Klasse auf der Strecke Paris-Lyon zuletzt etwa 132 Euro kostete, verlangt die »Optimum«-Klasse rund 180 Euro.
Doch die Maßnahme trifft auf Kritik. Sarah El Haïry, Ministerin für Gesundheit, Soziales und Arbeit, äußerte sich auf Instagram: »Angesichts des Drucks der #NoKids-Bewegung darf SNCF nicht nachgeben.« Sie spielte damit auf den Trend hin zu kinderfreien Räumen an, der in sozialen Medien diskutiert wird.
Ähnlich argumentierte die Unternehmerin und Podcasterin Stéphanie d’Esclaibes im Interview mit CNN: »Die Entscheidung der Bahngesellschaft stellt eine direkte Diskriminierung von Kindern dar. Ich verstehe, dass man Ruhe im TGV braucht, wenn man arbeiten möchte, aber ich denke auch, dass dies nicht auf Kosten einer sozialen Gruppe, nämlich der Kinder, geschehen sollte.« Sie plädierte dafür, die Gestaltung von Familien- und Kinderbereichen in den Zügen neu zu überdenken.
Auch die Essayistin Naïma M’Faddel übte scharfe Kritik auf X: »SNCF erfindet eine ›Optimum‹-Klasse … ohne Kinder. In einem Land, das sich Sorgen um seine Geburtenrate macht, ist dieses Signal katastrophal.« Frankreich hatte im vergangenen Jahr erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Todesfälle als Geburten verzeichnet – ein Umstand, der die Debatte zusätzlich anheizt.
SNFC verweist auf Platz für alle im Zug
Die Staatsbahn verteidigt ihr neues Angebot. Eine Sprecherin erklärte CNN: »Diese Optimum-Sitze machen nur acht Prozent des verfügbaren Platzes in unseren Zügen von Montag bis Freitag aus. Das bedeutet, dass 92 Prozent der anderen Plätze für alle verfügbar sind, und 100 Prozent an Wochenenden. Unsere Dienstleistungen sind für alle konzipiert, und natürlich auch für Familien.«
Die Debatte zeigt, wie sensibel das Thema Ruhe, Exklusivität und Familienfreundlichkeit im öffentlichen Verkehr ist – und dass selbst kleine Änderungen sofort landesweit diskutiert werden.