Multi Gen Travel: wo Familienzeit besonders gelingt
Mehrgenerationen-Reisen boomen – und das aus gutem Grund: Wenn Jung und Alt gemeinsam Urlaub machen, entstehen Erinnerungen fürs Leben. Was bei der Planung zählt – und wo Familienurlaub besonders gut gelingt.
Im »Parkhotel Holzner« oberhalb von Bozen treffen die Gäste gerade zum Abendessen ein. Ein grauhaariger Mann um die 70 sitzt an einem der großen Esstische. Sein entspannter Gesichtsausdruck wird noch eine Spur weicher, als eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand und einem quengelnden Baby im Arm das Restaurant betritt. Noch bevor sie ihm den unruhigen Säugling gibt, ist klar: Sie gehören zusammen. »Jetzt gehst du zu Opa«, sagt die Frau und setzt sich mit dem Mädchen an den Tisch, während Großpapa das Baby sanft wiegt und dabei auf und ab läuft.
Auffällig ist, dass es nicht der einzige Tisch ist, an dem Kinder, Eltern und Großeltern einträchtig beisammensitzen. Kein Wunder: Mehrgenerationen-Urlaube sind gerade der Trend. Laut einer Umfrage des Touristikunternehmens TUI in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Appinio unternahmen 2024 rund 18 Prozent der Befragten sogenannte »Multi-Gen«-Trips.
Parallel dazu belegen Studien von Virtuoso und Forbes, dass der Mehrgenerationen-Urlaub zu den am stärksten wachsenden Reisesegmenten zählt. Über die Hälfte der befragten Elterngeneration gibt an, dieses oder nächstes Jahr einen Trip mit den Großeltern zu planen. Wie kommt es zu dieser Entwicklung? Was sind die Chancen und die Herausforderungen eines Urlaubs mit mehreren Generationen? Welche Reisearten bieten sich dafür an und wie gehen Hotels konkret darauf ein?
Wiedersehen mit der Familie
»Hinter dem Trend stehen mehrere demografische Entwicklungen«, erklärt Heike Schänzel, Professorin an der Auckland University of Technology und international eine der führenden Expertinnen für Familien- und Generationentourismus. Familien werden immer kleiner, sagt sie – mit sieben Kindern und 15 Enkelkindern fahre man eher nicht gemeinsam in den Urlaub, mit einem Kind und ein bis zwei Enkeln wird das deutlich leichter; und auch wichtiger, denn: Familien leben nicht mehr wie früher zusammen, sondern oft weit voneinander entfernt. »Da muss man teils gemeinsam auf Urlaub gehen, um sich überhaupt zu treffen«, so Schänzel.
Darüber hinaus wird die heutige Großeltern-Generation älter, ist deutlich länger aktiv und finanziell meist gut aufgestellt. Dem Zeitgeist entsprechend hinterfragen viele, ob sie ein neues Auto oder ein großes Haus wirklich benötigen – mit dem Ergebnis, das Geld lieber in die gemeinsame Zeit mit der Familie zu investieren. Corona habe diese Entwicklung befeuert, erklärt Schänzel: Kurz nach der Pandemie seien die meisten Urlaube Familienzusammenführungen gewesen. Aber der Wunsch nach gemeinsamer Zeit habe sich schon davor abgezeichnet – und bleibe auch Jahre nach Corona eine der Hauptmotivationen für Mehrgenerationen-Reisen.
Weil sie ihre Enkelkinder im Alltag vermissen, sind es häufig Oma und Opa, die einen gemeinsamen Urlaub anstoßen und ihn zum Teil auch planen und organisieren. Bei Großvätern kommt ein weiterer Punkt hinzu: Als Elternteil hatten sie zum Großteil die klassische Versorger-Rolle inne und erkennen jetzt, wie wenig Zeit sie mit ihren Kindern verbracht haben. Mit den Enkeln können sie das nun nachholen – und damit auch ein Stück weit wiedergutmachen, was sie bei den eigenen Kindern versäumt haben.
Zwischen Rückzug und Aktion
Eltern genießen zwar die gemeinsame Familienzeit, haben aber zusätzlich das Bedürfnis nach Ruhe und Entlastung, vielleicht auch nach Zweisamkeit. Schänzel spricht von »own time« versus »family time«: Während die Großeltern im Alltag viel Raum für sich haben, fehlt genau dieser bei den meisten Eltern – insbesondere, wenn die Kinder noch klein sind.
Das ist eine der großen Herausforderungen bei Reisen mit der erweiterten Familie: Unterschiedliche Generationen haben unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen an ihren Urlaub. Um Konflikte zu vermeiden, gilt es, diese vorab zu klären. Ganz wichtig: Erwarten die Eltern, dass sich Oma und Opa um die Enkel kümmern? Wollen die Großeltern das? Aber auch: Wer will was unternehmen? Sport treiben, mit anderen Kindern spielen, im Spa entspannen? Und wie viel Privatsphäre braucht jede Partei?
Im »Martinhal Sagres Beach Family Resort« ist man auf diese Fragen vorbereitet: »Unser Konzept ist nicht nur ›kinderfreundlich‹, sondern ausdrücklich ›familienfreundlich‹«, betont Roman Stern. Der Zürcher hat das Resort an der Westspitze der portugiesischen Algarve zusammen mit seiner Frau Chitra konzipiert, geplant und 2010 eröffnet. Es war eines der ersten Luxusfamilienhotels in Europa – und »Familie« inkludierte hier von Anfang an auch die Großeltern.
Gewinn für alle Beteiligten
Die Basis dafür, dass sich verschiedene Generationen im gemeinsamen Urlaub wohlfühlen, bilden die Unterkünfte, erklärt Stern. Im Familien-Hotelzimmer mit Verbindungstür oder in einer der großzügigen Villen können sich die einzelnen Familienmitglieder zurückziehen, wenn sie Ruhe suchen, und gemeinsame Zeit verbringen, wann immer sie möchten.
Auch das Angebot ist darauf zugeschnitten, unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen: vom Kids Club für die Kleinen bis zum Tennis für die Großeltern, vom Wassersport für Teenager bis zur Massage für müde Eltern. Darüber hinaus gibt es Aktivitäten für die ganze Familie, zum Beispiel Minigolf, Familien-Fußball oder gemeinsame Wanderungen. »Wir sind der festen Überzeugung, dass die Zeit, die Familien miteinander verbringen, in unserer heutigen schnelllebigen Welt besonders wertvoll ist«, sagt Roman Stern. Die Buchungen beweisen, dass andere seine Ansicht teilen.
Großeltern berichten laut Stern, dass sie es sehr schätzen, im Urlaub nicht nur als »Babysitter« dabei zu sein, sondern als aktive Familienmitglieder. Auf diese Weise hätten sie ihren eigenen Raum und könnten ihre eigenen Urlaubserlebnisse genießen. Eltern wiederum fühlten sich in jeder Hinsicht entlastet, so Stern, weil sie die Kinder in guten Händen wüssten – ob bei den Großeltern, im Kids Club oder bei anderen betreuten Aktivitäten.
Getrennt und doch vereint
Neben Resorts, die mit Kinderbetreuung, vielfältigen Unterkunftsmöglichkeiten und Aktivitäten im Bereich Familienurlaub schon länger stark vertreten sind, bieten sich auch andere Reisetypen für Mehrgenerationen-Trips an. Heike Schänzel nennt hier vor allem Kreuzfahrten: »Auf einem Schiff hat jeder seinen eigenen Bereich und kann seinen Interessen nachgehen. In der Regel gibt es viele verschiedene Angebote, spätestens zu den Mahlzeiten kommt man aber wieder zusammen.«
Ranches, Safari-Lodges oder Glamping-Anlagen bieten gemeinsame Erlebnisse und Abenteuer in der Natur mit luxuriösen Annehmlichkeiten, die insbesondere ältere Reisende – aber auch viele Eltern – schätzen. Wellnesshotels wie das »Chalet Mirabell« in Südtirol setzen vermehrt auf generationenübergreifende Spa-Momente – gemeinsam oder auch getrennt voneinander: Mit einem Family-Spa und einem Adults-only-Bereich stehen Gästen alle Möglichkeiten offen.
Auch Städtetrips punkten mit einer Vielzahl an Aktivitäten für alle Altersstufen. Bislang sind City-Hotels allerdings weniger auf Mehrgenerationen-Reisende eingestellt. Eine Ausnahme ist hier erneut Martinhal: Das jüngste Haus der Sterns, das »Lissabon Oriente«, bietet neben Studios auch Zwei- oder Drei-Zimmer-Apartments mit Küche und einem gemeinsamen Wohnzimmer an. Auch die Shangri-La-Gruppe setzt ihr speziell auf Familien und Mehrgenerationenreisen zugeschnittenes Konzept »Fam.ily« in einigen Stadthotels, etwa in Hongkong und Singapur, um – mit speziellen Zimmern, Erlebnissen und Services.
Mehr Budget für mehr Familienleben
Ob in der Stadt oder auf dem Land: Häufig sind es die Großeltern, die den signifikanten Anteil der Urlaubskosten übernehmen. Studien zufolge zahlt rund die Hälfte sogar für die gesamte Familie. Fazit: höhere Reisebudgets – und eine Präferenz für qualitativ hochwertigere Erlebnisse. Das bestätigt Monika Holzner vom »Parkhotel Holzner« – das Haus in Oberbozen ist ein echter Pionier des Mehrgenerationen-Urlaubs: »Meine Schwiegereltern haben sich in den 90er-Jahren für das Konzept ›Familienhotel‹ entschieden. Das bezog sich von Anfang an auf die Familie als Ganzes«, erklärt sie. »Dazu gehören die Oma, der Onkel, der Cousin, sogar die gute Freundin, die wie Familie ist.«
Das vielfältige Angebot sorgt dafür, dass sich hier alle Generationen wohlfühlen: Es gibt einen Kinderklub und zwei Tennisplätze, ein Familien- und ein Adults-only-Spa. Im großen Park können Kinder toben und Großeltern flanieren. In der Hotelbar versammelt eine Spielesammlung völlig selbstverständlich mehrere Generationen bei Kakao und Cocktails. Wer Ruhe sucht, kann sich in den Jugendstil-Lesesaal zurückziehen. Mit der Seilbahnstation in direkter Nähe liegt die Stadt Bozen gerade einmal zwölf Minuten entfernt. Genauso schnell gelangt man in die umliegende Natur auf dem Ritten, wohin regelmäßig Wanderungen führen – auch solche für die ganze Familie.
Das Wichtigste aber sei der besondere »Spirit« im »Parkhotel«. Monika Holzner formuliert es so: »Bei uns kann jeder so sein, wie er ist.« Das scheint bei den Gästen anzukommen – um die 80 Prozent kommen immer wieder, manche Eltern waren schon selbst als Kinder da.
In den letzten Jahren hat Holzner eine Veränderung bemerkt: Früher seien die Kinder viel öfter zum Abendessen in den Kids Club geschickt worden. Heute würden die meisten Gäste das gemeinsame Essen am großen Familientisch zelebrieren. »Tagsüber kann jeder tun, was er möchte, abends genießen alle das Beisammensein.«
Zukunftsaussichten
Was Holzner außerdem beobachtet, sind ein steigendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit sowie ein zunehmendes Interesse an der Natur und Kultur in der Urlaubsgegend. »Die Gäste stellen vermehrt Fragen wie: Werden die Wiesen gedüngt? Wo kommen eure Äpfel her? Was hat es mit der Geschichte Südtirols auf sich?« Solche Fragen würden nun regelmäßig im Morgenjournal thematisiert, das jeden Tag zum Frühstück auf den Tischen ausliegt.
Roman Stern stellt fest, dass parallel zu Mehrgenerationen-Urlauben auch sogenannte »Skip-Gen«-Trips zunehmen, also Reisen von Großeltern mit Enkeln, aber ohne Eltern. Das bestätigt auch Heike Schänzel. Ob mit oder ohne Zwischengeneration sieht Stern außerdem einen Trend zu längeren Aufenthalten, bei denen Urlaub, Arbeit und Familienzeit miteinander verschmelzen. Martinhal hat darauf bereits mit passenden Angeboten reagiert: Die Unterkünfte bieten Platz und Infrastruktur, um remote zu arbeiten; das »Lissabon Oriente« sogar einen Co-Working-Space. Der erweiterte Familienurlaub ist wohl gekommen, um zu bleiben.