Zum Inhalt springen
© Marcel Urlaub

Die Hohe Kunst der Couture: Träume aus Stoff

Glamour

Der Ball der Bälle ist ein Ereignis für sich, doch erst die große Robe macht den Auftritt komplett. Die Opernball-Organisatorinnen Susanne Athanasiadis, Birgit Reitbauer und Maryam Yeganehfar haben sich für Couture aus österreichischer Hand entschieden. Falstaff hat hinter die Kulissen geblickt und die Modemachenden Lena Hoschek und Thomas Kirchgrabner, Michel Mayer sowie Susanne Bisovsky in ihren Ateliers besucht.

Lena Hoschek

Die in Graz geborene Designerin Lena Hoschek absolvierte die Modeschule Hetzendorf in Wien, anschließend folgte ein einjähriges Praktikum bei Vivienne Westwood in London. 2005 gründete sie ihr Label »Lena Hoschek« in Graz, 2012 übersiedelte sie nach Wien, wo sie heute ein großräumiges Atelier in einer ehemaligen Strickwarenfabrik aus den 1920er-Jahren in Meidling betreibt. Ihr Stil ist feminin und selbstbestimmt, geprägt von präziser Schnittführung und einer klaren Betonung der weiblichen Silhouette. Hoschek entwirft jährlich zwei Prêt-à-porter-Kollektionen, Trachtenmode für »Lena Hoschek Tradition« sowie seit 2023 auch »Lena Hoschek Business«. 2012 erweiterte sie ihr Haus um die Couture-Linie »Lena Hoschek Atelier«, die seit 2013 von Thomas Kirchgrabner als Head of Couture Atelier geleitet wird. 2025 feierte das Label sein 20-jähriges Bestehen.
lenahoschek.com

Betritt man das Atelier von Lena Hoschek in der Wiener Längenfeldgasse, ist man in einer anderen Welt. In einer, in der holzvertäfelte Stiegenhäuser zu Schneiderpuppen in kunstvollen Kleidern führen, in der Bänderröcke von der Decke baumeln und meterweise taubenblaue Seide und bordeauxroter Pünktchentüll auf ihren Einsatz warten. Eine Welt, in der sich auch die Frage nach der perfekten Robe für den Opernball fast von alleine beantwortet.

Für das Opernball-Komitee, bestehend aus Susanne Athanasiadis, Birgit Reitbauer und Maryam Yeganehfar, ist die Antwort jedenfalls klar. Sie setzen mit ihrer diesjährigen Kleiderwahl bewusst ein modisches Zeichen für die heimischen Kreativen. Für Yeganehfar, auf dem Ball für das »Look & Feel« der Staatsoper verantwortlich, fiel die Wahl auf »Lena Hoschek Atelier«.

»Wenn man Couture macht, ist der Opernball die größte und schönste Bühne in Österreich«, so Hoschek. Gerade zu Beginn ihrer Karriere sei es ein Meilenstein gewesen, ein Kleid auf dem Opernball platzieren zu dürfen. Heute arbeitet das Atelier bewusst selektiv: »Wir produzieren Ballkleider nicht in Serie, sondern ausschließlich maßgeschneiderte Einzelstücke: mit mehreren Fittings, aufwendiger Drapierung und hohem handwerklichem Einsatz«, erklärt die Kleidermacherin.

© Marcel Urlaub

Vom ersten Entwurf bis zur fertigen Robe: Maryam Yeganehfar (li.) im Gespräch mit Lena Hoschek und Thomas Kirchgrabner.

© Marcel Urlaub

Neben dem gekonnten Umgang mit Material und Farbe soll die Robe dabei stets die Persönlichkeit der Trägerin unterstreichen – und manchmal auch neue Seiten freilegen: »Ein Kleid kann jemanden in einen Star verwandeln.« Für jenes von Maryam Yeganehfar setzte das Atelier zunächst auf eine bewährte Signature-Silhouette, im zweiten Schritt entschied man sich für violetten Samt. »Auf dem Wiener Opernball österreichische Couture zu tragen, zeigt, dass einzigartiges Design nicht nur in Paris oder Mailand, sondern auch vor unserer Haustür zu finden ist«, so Yeganehfar. Ihr Kleid stehe für das, wofür sie selbst arbeitet: »Tailored not uniform.«

Die Umsetzung verantwortet Thomas Kirchgrabner, der seit 2013 für Hoscheks Couture-Linie verantwortlich zeichnet. Die Handschrift des Hauses beschreibt er als feminin und elegant, mit Fokus auf die Taille. »Es geht nie um ein lautes ›Look at me‹, sondern darum, dass die Trägerin bestmöglich aussieht.« Gearbeitet wird fast ausschließlich mit Naturmaterialien. Bei Yeganehfars Robe bildet ein maßgefertigtes Korsett die Basis, darauf aufgebaut Drapierungen und ein asymmetrisches Schulterelement. »Das Teil wirkt schwebend«, sagt Kirchgrabner, »ist aber technisch exakt fixiert.« Hoscheks Großmutter würde dazu wohl sagen: »Das Kleid hat Chic.«

Michel Mayer

Nach ihrer Ausbildung an der HBLA Herbststraße gründete Michaela Mayer-Lee 1996 das Label MICHEL MAYER und entwirft seither Ready-to-wear- und Couture-Kollektionen. 2001 eröffnete die gebürtige Niederösterreicherin Boutique und Atelier im ersten Wiener Bezirk. Ihr Modestil ist geprägt von konzeptioneller, zeitloser Gestaltung und der Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Körper und Design. Drapierungstechniken bilden die Grundlage ihrer klaren, abstrakten Formen. Im Verlauf ihrer Karriere wirkte sie an vielfältigen Projekten mit, darunter gestalterische Arbeiten für Gastronomie, Tanz und Theater. Seit 2021 arbeitet sie gemeinsam mit Monica Ferrari-Krieger an Kostümen für die Filmindustrie unter dem Label »Costumes Couture«.
michelmayer.com

© Marcel Urlaub

Bodenlang ist obligatorisch – für Michel Mayer, hier im Austausch mit Susanne Athanasiadis (re.), darf es beim Opernballkleid aber auch darüber hinaus »schon mal ein bisschen mehr« sein.

© Marcel Urlaub

Michel Mayer und die Robe für die eine Nacht

Ortswechsel in die Wiener Singerstraße:
Wo einst ein Taschenbuchladen untergebracht war, hat Designerin Michel Mayer seit 2002 ihr modisches Refugium. Auf knapp 65 Quadratmetern gehen Boutique und Atelier fließend ineinander über. An der Wand reihen sich Schrägbänder in präziser Ordnung, von Buttergelb bis Mitternachtsblau. Diese Präzision prägt auch ihre Entwürfe: klare Linien, abstrakte Formen und sorgfältig ausgewählte Stoffe. Entwickelt werden die Designs in einem kreativen Drapierungsprozess – ein Ansatz, der auch der Opernballrobe von Susanne Athanasiadis zugrunde liegt.

Es ist immer etwas Besonderes, eine große Robe zu tragen. Ähnlich wie die Oper, die sich für diesen Abend in ein neues Kleid wirft.

Michel Mayer

Der Wiener Opernball ist für Michel Mayer »eine spannende Mischung aus Tradition, Kultur, Wirtschaft und Politik – und gleichzeitig eine Bühne für eine Nacht«. Für sie sei es »ein einzigartiger Ort, wo man die Sehnsucht nach großen Roben frei ausleben kann«. Entsprechend hoch ist die Bedeutung der Ballsaison für die heimische Mode.

Über die letzten Jahre zeige sich ein eindeutiger Trend hin zu österreichischem Design, so Mayer. Auch Athanasiadis, Marketingchefin der Staatsoper und Organisationsleiterin für den Opernball, entschied sich bewusst dafür: »Der Wiener Opernball ist ein Aushängeschild für Wien und unser Land. Wir bemühen uns, auch bei Gastronomie und Lieferanten so regional wie möglich zu agieren – somit ist österreichische Couture für mich fast selbstverständlich.«

Der Ausgangspunkt der Robe war die Farbe. »Beim letztjährigen Couture Salon sind wir ins Gespräch gekommen. Sie trug eine Seidenbluse in einer wunderschönen Farbe – da war eigentlich schon alles entschieden«, erinnert sich Mayer. Es folgte die Suche nach dem passenden Material, erst danach entwickelte sich die Silhouette. Athanasiadis beschreibt den Entstehungsprozess als Dialog: »Sie hat das ganze Material eingebunden, ohne Schnitt. Das Kleid entstand nur durch Drapieren. Faszinierend!« Man habe sich angenähert, sagt sie, »Michel hat aber geführt«.

Entstanden ist ein Zweiteiler aus matt changierender Dupionseide. Für Athanasiadis vereint das Kleid vieles von dem, was gemeinhin mit dem Opernball assoziiert wird: zeitlos, elegant, edel. Ihr persönliches Lieblingsdetail bleibt dennoch bodenständig-pragmatisch: »Die Druckknöpfe, die Bluse und Rock verbinden – so kann nichts verrutschen.«

Susanne Bisovsky

Die in Linz geborene Modeschöpferin absolvierte die Meisterklasse für Mode an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, studierte bei Vivienne Westwood und arbeitete mit Jean-Charles de Castelbajac sowie Helmut Lang. 1990 etablierte Susanne Bisovsky ihr gleichnamiges Label für Couture und Konfektion, das sie seit 2000 gemeinsam mit Joseph Bonwit Gerger führt. Ihren Stil bezeichnet sie als »Wiener Chic«: ein langfristiger Ansatz, abseits schneller Trends, der Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges im Textilen aufgreift. Neben ihrer Atelierarbeit entwarf sie unter anderem auch Kostüme für die Wiener Staatsoper, die Salzburger Festspiele und das Teatro alla Scala. 2022 erschien der Bildband »Wiener Chic – Susanne Bisovsky«.
bisovsky.com

Bisovskys üppige Wonne

Einige Bezirke weiter, im ersten Stock einer ehemaligen Seidenmanufaktur in Wien- Neubau, liegt indes das Atelier von Susanne Bisovsky. Zwischen Vintage-Funden, floralen Motiven und liebevoll gehüteten Kuriositäten entfaltet sich ein Kosmos, der so opulent wie persönlich ist: Vintage-Metalldosen als Wandbehang, ein Schatullen-Sammelsurium hinter Glas, Rosenmosaik und Marienwinkel hier, ein zum Lampenschirm umfunktioniertes Empirekleid da. Im Kleiderzimmer bündeln sich Häkelblumen zu opulenten Sträußen, Hüte aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Mode-Ären zieren den Raum.

Aus diesem schillernden Arbeitskosmos entsteht in diesem Jahr auch jene Robe, mit der Bisovsky Birgit Reitbauer für den Wiener Opernball einkleiden wird. Für Bisovsky sind Anlässe wie dieser essenziell: »Um in einer und für eine Stadt wie Wien große Mode zu entwerfen, braucht es – immer noch – Anlässe wie eine Ballsaison mit einem prominenten Opernball.« Gerade in einem kleinen Land entstehe dabei »ein ganz eigenes Flair«, in dem der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Teil dieses Abends zu sein, bezeichnet sie als »ehrenvoll«, zugleich sei der Opernball »definitiv ein Schaufenster in die Welt«. Entsprechend klar ist ihr Anspruch: Beim Opernball gehe es um »die Qualität von Couture« – und darum, dass man »wenn möglich, nichts von der Stange kauft«.

Bisovskys Zugang zur Mode ist langfristig, fernab schneller Trends. Ihr »Wiener Chic« verbindet historische Bezüge mit zeitgenössischen Elementen – und bleibt dabei konsequent nach vorn gerichtet. Mit Birgit Reitbauer treffe diese Haltung auf eine Trägerin, die sehr genau wisse, was ihr steht. Der kreative Prozess sei von Offenheit geprägt: »Was den Austausch betrifft, so lässt sie mir völlig freie Hand.« Reitbauer beschreibt genau dieses gemeinsame Erarbeiten als das Spannende – getragen vom Grundvertrauen, »dass schon alles passen wird«. Und ergänzt: »Sie zwingt zu nichts und überzeugt trotzdem von ihrem Standpunkt. Am Ende behält sie, fast immer, recht.« Entstanden ist eine Robe in kräftigem Rosa, in der Entwurf und Persönlichkeit zur Einheit werden. Denn, so Bisovsky, »die perfekte Trägerin verkörpert die Gesamterscheinung zu 100 Prozent«. Reitbauers Lieblingselement steht jedenfalls schon fest: »Die Tasche! Ohne diese geht es nicht.«

Erschienen in
Falstaff Opernball Special 2026

Zum Magazin

Aline Mareiler
Autor
Mehr zum Thema
1 / 11