Architektin Lina Ghotmeh: Die Archäologin der Zukunft
Die libanesisch-französische Architektin Lina Ghotmeh bewegt sich zwischen den Polen Kunst, Design und Architektur. Ihr Anspruch: Sie will Häuser bauen, die mit ihrer Schönheit, Materialität und Liebe zum Handwerk das historische Erbe ins Übermorgen weitertragen.
Als am 4. August 2020 um 18 Uhr Ortszeit ein mehrgeschoßiges Lagergebäude im Hafen von Beirut explodiert, kommt es in weiten Teilen der Stadt zu massiven Zerstörungen. 207 Menschen sterben, 6.500 werden verletzt, mehr als 30.000 müssen ihre Häuser verlassen. Zu groß ist die Gefahr von Einstürzen und herabstürzenden Bauteilen. Eines der Häuser in unmittelbarer Hafennähe jedoch – ein 13-stöckiger Wohnbau, der erst kurz zuvor fertiggestellt und an seine Bewohner:innen übergeben worden ist – bleibt wie durch ein Wunder, ohne auch nur die geringsten Schrammen, völlig unversehrt.
»Der Knall war gewaltig, im ersten Moment musste ich sogar an eine Atomexplosion denken«, sagt die libanesisch-französische Architektin Lina Ghotmeh. »Ich kenne Beirut, ich kenne die Geschichte und Gefahren dieser Stadt, und ich denke, dass mich die Kindheit in Beirut so sehr geprägt hat, dass ich bis heute weiß, wie man hier zu bauen hat.« Den eingangs erwähnten Wohnturm in Al Marfa’a, der in einem Meer von verheerender Zerstörung die Stellung halten konnte, hatte Ghotmeh selbst geplant. Als massiv errichtete Lehm- und Zement-skulptur aus Vor- und Rücksprüngen, als ästhetisches Mahnmal, das den Respekt dieser einzigartigen Stadtgeschichte einfordert.
Lina Ghotmeh
Für die 45-jährige Architektin spielen Handwerk, Kreislaufwirtschaft und Bauen im Einklang mit der Natur eine große Rolle.
linaghotmeh.com
»In Beirut zu bauen, in dieser Stadt, die seit ihrer Gründung bereits siebenmal zerstört und verschüttet wurde, das ist wie eine permanente archäologische Arbeit an den Fundamenten«, sagt Ghotmeh. »Daher wollte ich mich der lokalen Baugeschichte bedienen und das Erbe unserer Vorfahren neu interpretieren.« Das hat auch mit der Bauweise zu tun, denn der sogenannte »Stone Garden«, so der offizielle Titel des 50-Meter-Hochhauses, besteht – ungewöhnlich für ein Gebäude dieser Höhe und Größe – aus Zement, Stampflehm und organischen Holz- und Strohfasern, die für eine gewisse Festigkeit und Elastizität der Putzstruktur sorgen. Die charakteristische Fassade mit Wellentextur macht das Material optisch und haptisch spürbar.
Archäologie an der Zukunft – so bezeichnet die 45-jährige Architektin, die bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, darunter mit dem Prix Pierre Cardin, dem Schelling-Architekturpreis und dem European Museum of the Year Award, ihre eigene Arbeit. Im Fokus stehen das regionale Handwerk, die ablesbaren Spuren der Errichtung, die Arbeit mit ökologischen, regenerativen Baustoffen. »Mit dem Handwerk«, sagt Ghotmeh, »will ich wieder einen menschlichen Maßstab und eine natürliche Kraft in die Architektur zurückbringen. Wir haben eine archäologische Verantwortung, wir müssen mit unseren Projekten sicherstellen, dass wir eine Kontinuität zwischen Vergangenheit und Zukunft schaffen, sodass die von uns geschaffenen Häuser auch übermorgen noch Qualität und Berechtigung haben.«
Maroquinerie Hèrmes, Louviers
Die Leder- und Sattlermanufaktur in der Normandie besticht durch eine ganze Reihe an Lowtech-Technologien und ist der erste Industriebau in Frankreich, der mehr Energie erzeugt als benötigt.
hermes.com
Bahrain-Pavillon, Osaka
Auf der EXPO 2025 in der japanischen Hafenmetropole ließ sich Lina Ghotmeh von den traditionellen Dau-Schiffen der Golfregion inspirieren und baute für Bahrain einen Pavillon aus Holz und Textil.
expo2025.or.jp
500.000 Ziegel
Dieser Ansatz zieht sich durch ihr gesamtes Œuvre. Auf der Expo 2025 in Osaka, die erst kürzlich zu Ende gegangen ist, gestaltete sie den Pavillon des Golfstaates Bahrain mit einer Konstruktion, die sich an den für die Golfregion typischen Dau-Schiffen orientiert. Der Pavillon aus insgesamt 3.000 Holz- und Textilelementen, wurde lediglich ineinander gesteckt – ohne Kleben, Schrauben und Verfugen – und konnte nach der Weltausstellung wieder in seine Einzelteile zerlegt und nach Bahrain zurückgebracht werden.
Und für das Modeimperium Hermès plante Ghotmeh, die 2016 ihr eigenes Büro in Paris gründete und seit 2021 Co-Präsidentin der wissenschaftlichen Extremklima-Architekturplattform RST Arches ist, eine Leder- und Sattlerwerkstatt, die als energiepositives Low-Carbon-Gebäude konzipiert wurde. Der Ziegelbau in Louviers mit seinen mal schmalen, mal weit gemauerten Bögen, eingebettet in die grüne Landschaft der Normandie, wurde aus 500.000 vor Ort gebrannten Ziegeln errichtet und erreicht als erster Industriebau überhaupt den französischen Ökostandard E4C2. Das bedeutet, dass das Haus mehr Energie produziert, als es verbraucht. Zu verdanken ist dies einer Erdwärmepumpe mit 13 Tiefensonden, einer 2.300 Quadratmeter großen PV-Anlage am Dach sowie einigen bewährten Lowtech-Lösungen wie etwa Querlüftung und Nordbelichtung.
Aktuell hat Lina Ghotmeh, die immer wieder zwischen Kunst, Design und Architektur oszilliert, unter dem Titel »Windows of Light« für den Vorarlberger Lichthersteller Zumtobel den Nachhaltigkeits-Jahresbericht 2025 gestaltet.
Les Grands Verres, Paris
Im Palais de Tokyo hat Ghotmeh das »Les Grands Verres« gestaltet – mit eleganten Farben und Fokus auf Vintage und Material-Recycling.
palaisdetokyo.com
Light in Water, Paris
Im Kunstquartier Éléphant Paname gestaltete die Architektin mit dem Eco-Lighting-Hersteller Temeloy 2015 eine temporäre Installation aus Licht und Wasser.
temeloy.com