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© La Diapo Fotografia/David Chipperfield Architects

Architektur: Preisträger David Chipperfield im Interview

Architektur
LIVING Interview

Pritzker-Preisträger David Chipperfield ist weltweit gefragt, aber ikonische Einzelbauten interessieren ihn nicht. Im LIVING-Interview erklärt er, was ihn an Europa fasziniert und warum es manchmal besser ist, den Zeichenstift zur Seite zu legen.

Im festlichen Ambiente des ehrwürdigen Martinický-Palastes auf dem Prager Burgberg zelebrierte das PULSE-Festival letzten November Architektur und Design aus Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Polen. Die Keynote hielt Pritzker-Preisträger David Chipperfield, dem in diesem Rahmen der »Jan Kaplický«-Award verliehen wurde, in Erinnerung an den legendären tschechischen Architekten, der in London das Büro Future Systems gründete. LIVING traf David Chipperfield zum exklusiven Interview vor Ort. Ein Gespräch darüber, warum sich Architekt:innen nicht damit begnügen dürfen, Antworten auf dumme Fragen zu finden, sondern selbst kluge Fragen stellen müssen. Und warum es dafür manchmal notwendig ist, 145 Ziegen in Galizien zu kaufen.

LIVING Das PULSE Festival zelebriert Architektur und Design in Mittel- und Osteuropa. Sie haben ein Büro in Berlin, viele Ihrer Bauten und Projekte stehen in Kontinentaleuropa: Mailand, Athen, Zürich, Wien, Bozen. Gibt es eine speziell mitteleuropäische Kultur, die Sie in Ihrer Architektur aufgreifen?

David Chipperfield Als ich in den 1970er- und 1980er-Jahren studierte, war England provinziell und isoliert – so wie heute nach dem Brexit. Wir jüngeren Architekt:innen schauten damals nach Europa, unsere Vorbilder waren Alvaro Siza, Rafael Moneo, Mario Botta oder Hermann Czech. Diese romantische Sehnsucht nach etwas, das es in England nicht gab, hat mich sehr geprägt.

Gibt es einen Unterschied zwischen Ihren Bauten in England und auf dem Kontinent?

Jedes Projekt ist anders. Manche Architekt:innen haben eine unverwechselbare Handschrift, die sie nur leicht variieren, aber wir versuchen, immer etwas Neues zu entdecken und uns wirklich mit dem Ort auseinanderzusetzen. Ikonische »Signature Buildings« interessieren mich nicht.

Es mag seltsam scheinen, dass ich mich an diesem Punkt meiner Karriere um solche winzigen Aufgaben kümmere. Aber wenn ich sehe, wie sich das Leben der Menschen zum Besseren verändert, denke ich: ich tue genau das Richtige.

David Chipperfield, Architekt

Dennoch werden Sie oft als Star-Architekt bezeichnet. Gefällt Ihnen dieser Begriff?

Überhaupt nicht! Wenn ich zu einem Arzt gehe, will ich doch auch keinen Star-Arzt, sondern einfach einen guten Arzt. Der »Star«-Begriff tut so, als sei der Architekt ein Einzel-Genie außerhalb der Gesellschaft. Eine sehr konsum­orientierte, künstliche Vorstellung von Architektur. Wollen wir denn, dass jedes Gebäude eine Ikone ist? Ein Konzertsaal, okay. Museen schon etwas weniger. Schulen und Wohnbauten auf keinen Fall. Ich möchte, dass Architektur etwas Normales ist. In der Normalität kann auch etwas Besonderes liegen.

Dialog mit der Geschichte
Die James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel dient als Zugang zum Neuen Museum, das von Chipperfield und seinem Team sorgfältig restauriert wurde.

© Simon Menges

2023 wurden Sie mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Hat das Ihre Arbeit verändert? Rufen Bauherren bei Ihnen an, weil sie sich mit einem Pritzker-Architekten schmücken wollen?

Eigentlich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Telefon danach dauernd geklingelt hätte. Ich habe den Preis auch
eher spät im Leben bekommen, als meine Arbeitsweise schon etabliert war. Rafael Moneo, einer meiner Vorgänger als Pritzker-Preisträger, sagte zu mir: Das Gute daran ist, dass du dir jetzt keine Gedanken mehr machen musst, ob du ihn kriegst oder nicht. Aber für unsere Projekte in Galizien hilft der Preis schon, um sich Gehör bei der Politik zu verschaffen.

In der nordspanischen Provinz Galizien haben Sie einen Zweitwohnsitz, betreiben eine kleine Bar und haben mit dem Projekt RIA eine Art Think-Tank etabliert. Was ist das Ziel dieses Engagements?

Es begann mit einer Zuneigung zu dieser Region. Heute haben wir ein Büro, eine Stiftung, wir machen Konferenzen,
Forschung und Workshops, oft mit den Bürgermeister:innen und Bürgern vor Ort. Wir nutzen dafür unsere Erfahrung als Architekt:innen, aber wir zeichnen und bauen nicht, sondern organisieren. Viele Architekt:innen denken, sie könnten alle Probleme am Zeichentisch lösen. Das reicht aber nicht.

Schaufenster der Stadt
Der Walther-Park in Bozen, gestartet als Projekt der SIGNA, wurde im Herbst 2025 eröffnet und vereint Shopping-Mall, Wohnungen und Hotel.

© Peter Unterthruner

Das heißt, es geht darum, Entwicklungen anzustoßen?

Es geht um kleine, aber wichtige Verände­rungen. Um Verkehrsberuhigung im Dorfkern oder eine neue Sitzbank am Ufer in einem Küstenort, wo früher nur ein Parkplatz war. Für einen anderen Ort haben wir 145 Ziegen gekauft, die notwendig waren, um EU-Förderungen für ein Landschafts­projekt zu bekommen. Es mag seltsam scheinen, dass ich mich an diesem Punkt meiner Karriere um solche winzigen Aufgaben kümmere. Aber wenn ich sehe, wie sie das Leben der Menschen zum Besseren verändern, denke ich: ich tue genau das Richtige.

Viele Architekt:innen denken, sie könnten alle Probleme am Zeichentisch lösen. Das reicht aber nicht.

David Chipperfield

Luftige Halle
Die große Erweiterung des Kunsthaus Zürich wurde 2022 eröffnet. Hier holte Chipperfield die Stadt und ihre Plätze ins Innere des Museums.

© Noshe

Die Bauwirtschaft erzeugt rund 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Sie haben in den letzten Jahren immer wieder an die Verantwortung der Architekt:innen appelliert. Was können und sollen sie tun?

Wir müssen darüber nachdenken, warum, für wen, und wie wir eigentlich bauen. Die Wahrheit ist, dass Architekt:innen nicht an der Spitze der Nahrungskette stehen, was Entscheidungen betrifft. Wir bekommen nur die Schuld ab für die Entscheidungen von anderen. Wir sind gezwungen, gute Antworten auf dumme Fragen zu finden. Dabei sollten wir diejenigen sein, die intelligente Fragen stellen. Wir müssen andere Plätze am Verhandlungstisch ein­nehmen. Genau das machen wir in Galizien: Wir stellen die richtigen Fragen.

Rasante Dynamik
Derzeit in Bau: Die Arena Santa Giulia in Mailand soll Schauplatz der olympischen Eishockey-Wettbewerbe werden.

© David Chipperfield Architects

Es ist die Aufgabe von Architekt:innen, sich eine bessere Zukunft vorzustellen und sie zu planen: Wie können wir heute im Zeitalter der Krisen optimistisch bleiben?

Der Mensch ist ein resilientes und ein soziales Tier. Als Architekt:innen denken wir, dass die gebaute Umwelt unsere Lebensqualität bestimmt, und ein schönes neues Museum diese Qualität verbessert. Das stimmt auch. Aber wir müssen uns auf das Wesentliche besinnen: ein gutes Wohnhaus, eine Schule in fußläufiger Nähe, angenehme Plätze und Straßen, ein gutes Café. Wie großartig, wenn alle Menschen das hätten! Wir können es uns auch leisten. Schauen Sie sich die alten Straßen in Galizien an oder hier in Prag. Sie sind sorgfältig gemacht, sie sehen echt aus, sie gehören uns allen, man hält sich gerne hier auf. Ich bin optimistisch, dass wir Wege finden, diese einfachen Freuden des Lebens zu ermöglichen!

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 1/2026

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Maik Novotny
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