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© Studio Yellowdot

Inspiration Essen: Gestaltung, die durch den Magen geht

Genuss & Dekor
Inspiration
Design

Was passiert, wenn guter Geschmack im Design wörtlich genommen wird? Aktuell erobern Formen, Farben und Texturen aus der Küche die Möbel- und Objektwelt. Gestaltung, die durch den Magen geht und zeigt, wie eng Genuss und Ästhetik miteinander verbunden sind.  

Dass Essen inspiriert, ist keine neue Erkenntnis. In der Kunstgeschichte finden sich seit Jahrhunderten köstliche Spuren: Giuseppe Arcimboldo mit seinen fantasievollen Tafelbildern, Antoine Vollon mit realistischen Stillleben oder Andy Warhol, der mit Suppendosen das Alltägliche ironisch überhöhte. Essen diente immer als Projektionsfläche für Schönheit, Überfluss und Vergänglichkeit.

Auch im Design ist diese Nähe längst angekommen. Und aktuell so deutlich sichtbar wie selten. Möbel, Leuchten und Accessoires greifen Formen, Farben und Texturen auf, die uns aus der Küche vertraut sind. Kostprobe gefällig? Faye Toogood ließ sich für eine Sofalandschaft für Tacchini von der Textur schmelzender Butter inspirieren. Robert Stadler entwarf eine Serie von Obst- und Gemüsemöbeln, angesiedelt zwischen Funktionsobjekt und ironischem Kommentar. Und ein Spiegel des Wiener Studios Högl Borowski, dessen Rahmen an einen Schoko-Donut mit bunten Streuseln erinnert, zeigt, wie nah Design und Dessert beieinanderliegen.

Für das Duo ist Essen seit Langem Motor des kreativen Prozesses: »Essen ist emotional, uni­versell verständlich und tief im Alltag verankert. Es umgibt und betrifft uns alle. Zugleich ist es reich an Farben, Formen, Texturen, Gerüchen, Geschmäckern und Temperaturen – ein vielschichtiges sensorisches Feld.«

Diese Vielschichtigkeit wird im Gestaltungsprozess gezielt genutzt, um Emotionen zu transportieren. »In unserer Wahrnehmung ist Design in den letzten Jahren weicher und emotionaler geworden. Vor diesem Hintergrund dient Essen nicht nur als inspirierende Quelle, sondern kann auch als besonders unmittelbares und plakatives Medium für Emotionen eingesetzt werden«, so Stefanie Högl.

Echt fett. Für die Sofalandschaft »Butter« nahm Faye Toogood Butter genauer unter die Lupe. Design auf Zimmertemperatur zum Dahinschmelzen.

tacchini.it

© WETOUCH IMAGEWORK

Erntedank. Robert Stadler setzt Gurke, Banane, Karotte & Co. ins rechte Licht.

robertstadler.net

© Filippo Telaro

Reflexion. Wer wissen will, ob ein Donut als Rahmen um einen Spiegel das Gesicht dicker macht, muss einen Blick riskieren.

hoeglborowski.com

Foto beigestellt

Aufgezuckert

Ähnlich argumentiert Charlotte Høncke. Mit ihrer Kollektion »Sweet« für BoConcept übersetzt sie die skandinavische Liebe zu Gebäck und Desserts in Gestaltung. »Essen spricht mehrere Sinne gleichzeitig an und trägt tiefe emotionale wie kulturelle Bezüge in sich. Jeder Mensch hat eine persönliche Verbindung zu Essen. Es ruft Erinnerungen hervor, von der Kindheit bis hin zu sinnlichen Momenten.«

Høncke überträgt diese Idee konsequent: organische Formen, weiche Rundungen, zarte Wölbungen, Farben wie Buttercreme, Kirsche oder Mandelblüte. Materialien erzeugen eine beinahe essbare Haptik. Alles wirkt vertraut.

Auch Högl Borowski folgen diesem sensorischen Ansatz. »In den meisten Fällen verläuft unser Gestaltungsprozess so, dass wir uns zunächst einem kulinarischen Thema widmen, das wir erforschen möchten – etwa fluffiger Eischnee oder knuspriger Kuchenteig«, erzählen sie. Daraus entstehen Fragen: Wie verhält sich eine Masse? Wie verändert sich ihre Textur? Welche Spannungen entstehen zwischen Zutat und Temperatur?

Hygge naschen. Charlotte Høncke hat sich für die Kollektion »Sweet« von der legendären dänischen Liebe zu Süßigkeiten inspirieren lassen.

boconcept.com

© Karin Hackl

Gestalten mit Gusto

Parallel analysiert das Duo die Materialität im Atelier: Wie lässt sich Holz biegen wie ein Keks? Was passiert, wenn Metall den Glanz von Glasur imitiert? So entstehen Objekte, die spielerisch wirken und zugleich präzise gearbeitet sind. »Das bedeutet, sich intensiv mit dem Wesen eines Gerichts oder einer Süßspeise auseinanderzusetzen, es mit allen Sinnen zu erfassen und dann in einem Designobjekt sichtbar zu machen.«

Was einst bloße Dekoration war, wird so zur Haltung. Design isst mit sozusagen. Was auf den ersten Blick leicht wirkt, entpuppt sich als vielschichtige ästhetische Strategie. Wenn Sessel an Schlagsahne erinnern oder Leuchten wie Obstschalen wirken, geht es nicht um bloße Ironie, sondern um Nähe, Wärme und Genuss. Kurz: um Design, das schmeckt.

»Unsere Arbeitsweise kann man als ›Experimentierküche‹ verstehen, aus der sich neue Ideen entwickeln.«

Stefanie Högl & Matthias Borowski

Studio Högl Borowski

Stefanie Högl & Matthias Borowski

Studio Högl Borowski

Sweet. Hocker, Tisch und Vase zitieren in der Welt von Studio Yellow Dot fröhlich Kekse und Löffelbiskuits, während sich die Wandfliesen ganz der Kunst der Patisserie hingeben.

studioyellowdot.com

© Studio Yellowdot

Zuckerlschock. Eine Schüssel Süßigkeiten, wahrscheinlich mit vielen bunten Smarties, stand wohl für Matteo Thuns Sofa »Tantisassi« Pate.

Entworfen für: rossidialbizzate.it

© Rossi Di Albizzate

Durstlöscher. Eine Aubergine als Wasserkaraffe? Ein durchsichtiges Designmanöver, das dem MoMA gefällt.

moma.org

Foto beigestellt

Knusprig. Der »Glowster« macht sich sicher nicht schlecht bei Tisch und bei glühenden Frühstücker:innen.

headhi.net

Foto beigestellt

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 3/2026

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