Interior Design Lateinamerika: Ein Best of
Die brasilianische Moderne prägte mit der kurvenreichen Architektur von Oscar Niemeyer unser Bild von Lateinamerika. Aber das sinnliche Interior-Design stand viel zu lange im Schatten. Es ist höchste Zeit, die kreative Fusion aus Tradition und Innovation gebührend zu würdigen.
Innovative Formensprache: »Re-Connect« heißt das -Tischensemble, das Matteo Fogale für das Bloomberg-Headquarter in London entworfen hat. matteofogale.com
In Uruguay, wo der Designer Matteo Fogale 1984 geboren wurde, nannte man ihn in der Schule nur »den Italiener«. Sein Vater war mit seinen Großeltern nach Argentinien, dann nach Uruguay ausgewandert, wie so viele andere aus Italien und Spanien. Man nahm Migrant:innen damals mit offenen Armen auf. »Das macht dieses Land so speziell. Diese Einwanderung beeinflusste die Kultur. Sie machte Uruguay sehr europäisch«, sagt Fogale in einem Interview mit »Design Miami«. Südamerika war in den 1950er- und 1960er-Jahren ein kreativer Schmelztiegel: Eine starke lokale Handwerkstradition traf auf europäische Avantgarden, die einen tropischen Twist bekamen. Europa schien mit seinem Mid-Century-Design um die Ecke von Mexiko, Brasilien, Venezuela und Argentinien zu liegen. Matteo Fogale zog mit 17 nach Italien, mittlerweile pendelt er zwischen London und Kopenhagen. Blickt er heute auf Uruguay zurück, dann fallen ihm vor allem Gemeinsamkeiten mit Skandinavien auf: die Liebe zu natürlichen Materialien wie Holz, Leder und Wolle. Die dezenten Farben und der nachhaltige Ansatz. Wobei das Design lange von der Architektur überschattet war. Alle kennen die elegant geschwungenen Gebäude des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer, 1907 in Rio de Janeiro geboren, die ausgerechnet Beton wie den filigransten Baustoff der Welt aussehen lassen. Verspielt, leicht, sinnlich war die brasilianische Moderne. Der Visionär Niemeyer wollte die Menschen mit seinen Gebäuden freier machen. Die Möbel aber entstanden oft erst hinterher, um die kühne Architektur zu füllen. Sie wurden in Kleinauflagen produziert, Designer:innen mussten sich keine Gedanken darüber machen, wie man einen Massenmarkt bedient. Sie konnten hochwertige lokale Hölzer verwenden und auf raffinierte Formen setzen.
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DÄNISCH? BRASILIANISCH!
Deshalb sind die bahnbrechenden Entwürfe von Sergio Rodrigues (1927–2014), der auch als Architekt wichtig war, oder José Zanine Caldas (1919–2001) im Original begehrte Sammelobjekte. Sie erzählen von einem luxuriösen Umgang mit markanten Tropenhölzern wie Palisander, die direkt vor der Haustür wuchsen. Die Möbelstücke waren bequem und zugleich sehr frei im Ausdruck. Rodrigues, der als Vater des brasilianischen Designs gilt, übersetzte Niemeyers kühne Kurven in eine ebenso eigenständige wie eigenwillige Designsprache. Sein 1957 entworfener »Mole Armchair« erntete sogar Lob vom dänischen Designstar Arne Jacobsen, der ihn repräsentativ für die Herkunftsregion hielt. Anders als dänisches Design war der brasilianische Stuhl aus poliertem Jakarta-Holz nämlich schwer und robust. Das Leder ließ an die Gaucho-Kultur denken, die Schlaufen, auf denen der Sitz angebracht war, an südamerikanische Hängematten. Auch Rodrigues’ »Chifruda Armchair« (um 1962), dessen ausladende Lehne an Stierhörner erinnert, zeigt schön, wie humorvoll und assoziationsreich der Designer dachte. Entwürfen, die man auf den ersten Blick Skandinavien zuordnen würde, verpasste er einen brasilianischen Kontext. Auch junge Designer:innen sind von der starken Formensprache Südamerikas geprägt. Abel Cárcamo, 1990 in Santiago de Chile geboren, experimentiert mit Holz, Keramik und Bronze. Seine Möbel sind minimalistische Skulpturen, die von chilenischer Handarbeit geprägt sind. Er arbeitet dafür gern mit lokalen Handwerksbetrieben zusammen, auch um eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schlagen. Mittlerweile lebt er in Paris, viele seiner Entwürfe sind limitierte Editionen. Auch die Campana Brothers haben einen Weg gefunden, das modernistische Erbe von Brasilien mit einer zeitgemäßen Verspieltheit aufzuladen. Ihre farbenfrohen, oft beinahe surrealen Entwürfe fordern unsere Sehgewohnheiten heraus. International berühmt wurden die Campana Brothers mit dem »Vermelha Chair« (1993) für den italienischen Hersteller Edra, der aus mehr als 500 Metern an kunstvoll geknoteten Seilen besteht. Hohe Handwerkskunst trifft da auf befreiende Exzentrik.
ABEL CÁRCAMO: Ist es ein Gebrauchsgegenstand oder eine Skulptur? Abel Cárcamo, 1990 in Santiago de Chile geboren, liebt das Experiment. Seine Entwürfe sind von Handarbeit inspiriert, zielen aber auf einen modernen Minimalismus ab. Mittlerweile lebt der Designer in Paris.
(c) V. J. Sebb
Trotz neuem Lebensumfeld ist die Inspiration aus südamerikanischen Handwerksbetrieben sichtbar. Seine Arbeiten werden in Galerien ausgestellt. studiotwentyseven.com
(c) Galerie Scene Ouverte
CAMPANA BROTHERS: 1984 gründeten die Brüder Fernando und Humberto Campana ihr Designstudio, das schon bald internationale Aufmerksamkeit für seine verspielten und überraschenden Entwürfe bekam.
(c) beigestellt
So besteht ihr Designklassiker »Vermelha Chair« (1993) aus mehr als 500 Metern an raffiniert ver-knoteten Seilen. Ihre Sofas sehen oft wie Wolken aus. Der italienische Anbieter Edra hat einiges im Sortiment. edra.com
(c) EdraARCHAISCHER TWIST
Zanini de Zanine Caldas, 1978 in Rio de Janeiro geboren, ist vom Erbe seines Vaters José Zanine Caldas geprägt. Trotzdem hat er einen eigenständigen Weg gefunden, die brasilianische Moderne innovativ weiterzudenken. Tropenhölzer sind mittlerweile stark bedroht, Umweltschutz und Nachhaltigkeit zentrale Themen geworden. Einige der Massivmöbel von Zanini de Zanine Caldas bestehen aus gefundenen Materialien, die er aus Abrisshäusern gerettet hat. Oft mixt er Holz mit Plastik, Acryl oder Metall für seine archaischen Möbel, die dennoch modern aussehen. Auch Pedro Paulo Venzon ist ein junger Designer aus Brasilien, der erst 2011 sein Studium abgeschlossen hat. Er machte schnell auch international von sich reden, weil er beinahe gewichtslose Tische und Stühle entwirft, die zwischen Kunst und Design angesiedelt sind. Er betrachtet seine Arbeit als politisch, will nicht einen weiteren »sexy chair« entwerfen, für den die brasilianische Moderne berühmt war. Das Sitzen selbst wird bei ihm zum philosophischen Thema. Manche seiner Stühle sind so fragil, dass man kaum auf ihnen verweilen kann. Er möchte gegen auftrumpfenden Faschismus protestieren, wie der Designer betont. Und in groben Zeiten eine neue Zartheit -manifestieren. Gerade an den jungen kreativen Stimmen sieht man schön, was die Faszination lateinamerikanischen Designs ausmacht, das international denkt und doch sehr lokal produziert und reagiert. Maßlose Ausbeutung der Umweltressourcen, ein neuer Rechtsruck und eine starke Handwerkstradition, auf die man sich verstärkt besinnt, all das sind Themen, die uns global verbinden. Doch die Design-Antworten, die man jenseits des Atlantiks findet, sind so eigenwillig und faszinierend, dass man sie auch in Europa viel stärker zur Kenntnis nehmen sollte.
ZANINI DE ZANINE CALDAS: Als Sohn eines berühmten brasilianischen Designers hat man es nicht leicht. Aber Zanini de Zanine Caldas, 1978 in Rio de Janeiro geboren, ist es gelungen, eine eigenwillige Sprache zu entwickeln.
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Seine archaischen Massivmöbel bestehen oft aus ge-funden Materialien, die er aus Abrisshäusern gerettet hat. Er mixt Holz mit Plastik, Acryl oder Metall. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema. r-and-company.com
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SERGIO RODRIGUES: Der Vater des brasilianischen Designs ist für seine bequemen und luxuriösen Sitzmöbel bekannt, die hochwertige lokale Produkte verwenden.
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Sein ausladender »Chifruda Armchair« lässt an Stierhörner denken und zeigt, wie humorvoll der Designer dachte. Mittlerweile sind seine Arbeiten im Original begehrte Sammelobjekte, auch weil sie fantastisch verarbeitet wurden. sergiorodriguesatelier.com.br
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