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Kunst-Trip Toronto

Kunst
Reisetipps

Tolerant, weltoffen und freundlich: So sind die Kanadier und nirgendwo mehr als in der multikulturellen Metropole Toronto. In den jungen, kreativen Stadtvierteln mit ihren Art Spaces und in den großen Museen treffen Kunstschaffende auf kunstsinniges Publikum.

Header-Bild: That’s wild, baby! Der expressive Neubau des Royal Ontario Museum, entworfen von Architekt Daniel Libeskind, macht sich selbstbewusst in der Stadt breit.

Toronto, sagte der zeitlebens für Bonmots bekannte Schauspieler Peter Ustinov einmal, sei wie New York, wenn es von Schweizern organisiert wäre. Das ist vielleicht etwas zugespitzt, aber nicht ganz falsch. Ebenso wie ihre US-amerikanische Kollegin ist die Metropole am Lake Ontario ein multikultureller Schmelztiegel – rund die Hälfte der Bewohner hat internationale Wurzeln. Doch in Toronto geht es deutlich kanadischer zu: friedlicher, freundlicher und ruhiger. Was nicht heißt, dass hier die Gehsteige abends hochgeklappt werden wie in der sprichwörtlichen Schweiz. Stadtviertel wie das LGBTQ+-geprägte Cabbagetown oder Riverdale mit seinen Möbeldesignern sind voller quirligen Lebens, vom Entertainment District mit seinem Nachtleben ganz zu schweigen. Von diesen Attraktionen weiß man nicht nur in Toronto – mit ein Grund, warum die Stadt, die regelmäßig zu den lebenswertesten der Welt gewählt wird, so begehrt und ihre Bevölkerung auf fast drei Millionen angewachsen ist. Das macht vielen Künstler:innen zu schaffen, die sich die rapide steigenden Mieten oft nicht mehr leisten können. Gut, dass Toronto einen ausgesprochenen Sinn für Nachbarschaft hat und sich seinen Spirit nicht abkaufen lässt.

Freitag

Von der Waterfront nach Downtown: Neue Kulturquartiere und nationale Schatztruhen.

Es gibt keinen besseren Ort, um eine Tour durch Toronto zu starten, als das Ufer des Lake Ontario, wo sich der Blick auf die Skyline mit dem CN Tower weitet. Hier wurden um das Jahr 1900 neue Hafenanlagen erbaut, das dazugehörige Kohlekraftwerk bildet heute als Power Plant Contemporary Art Gallery das Zentrum eines lebendigen Kulturquartiers. Sie hat sich der Präsentation zeitgenössischer Kunst verschrieben, mit dem Fokus auf kanadische Kunstschaffende. Seit 2012 ist der Eintritt frei, denn man möchte den Zugang zur Kunst so niederschwellig wie möglich gestalten.

NATUR UND KUNST

Eine wahre nationale Schatztruhe ist das Royal Ontario Museum, das als Konzentrat kanadischer Identität zu den wichtigsten Kulturinstitutionen Nordamerikas zählt. Es gibt nichts, was es hier nicht gibt, von der Naturgeschichte bis zur Kunstgeschichte. 13 Millionen Werke hat man in etwas mehr als einem Jahrhundert angesammelt. Die kanadische Malerei des 19. Jahrhunderts spiegelt die Entdeckung dieses riesigen Landes wider, und die 35.000 Objekte aus indi­genen Kulturen zeigen, dass das Land bereits lange vor der Einwanderung der Europäer besiedelt war. Weniger grenzenlos ist der Rahmen im Gardiner Museum gesetzt, das vom gleichnamigen Sammler-Ehepaar gegründet wurde. Hier steht die Keramik im Mittelpunkt, und auch hier geht es quer durch die Epochen, von den First ­Nations über europäisches Porzellan bis zu zeit­genössischer keramischer Kunst, die derzeit vielerorts im Aufwind ist. Wer selbst tätig werden will, darf das im Community Arts Space des Gardiner bei einem Töpfer-Workshop tun.

Kunst-Kraftwerk: Die Power Plant Contemporary Art Gallery bildet das Zentrum des Kulturbezirks am Hafen, der seit den 1980er-Jahren stetig gewachsen ist.

Kunst-Kraftwerk: Die Power Plant Contemporary Art Gallery bildet das Zentrum des Kulturbezirks am Hafen, der seit den 1980er-Jahren stetig gewachsen ist.

(c) 2016 Victor van Bochove/Shutterstock
Stattlich und königlich: Die Front des Royal Ontario Museum.

Stattlich und königlich: Die Front des Royal Ontario Museum.

© Royal Ontario Museum

Fragile Formen Keramiken von Zachari Logan im Gardiner Museum.

Fragile Formen Keramiken von Zachari Logan im Gardiner Museum.

© Gardiner Museum / TONY HAFKENSCHEID

Funky Shoes In der Ausstellung »Being and Belonging« im Royal Ontario Museum.

© Royal Ontario Museum
Rorschach-Fest: Die Ausstellung »Solastalgia« von Abdelkader Benchamma in der Power Plant.

Rorschach-Fest: Die Ausstellung »Solastalgia« von Abdelkader Benchamma in der Power Plant.

© beigestellt

THE POWER PLANT
Abdelkader Benchamma: Solastalgia, bis 7. 1. 2024
thepowerplant.org

ROYAL ONTARIO MUSEUM
Being and Belonging, bis 7. 1. 2024
rom.on.ca

GARDINER MUSEUM
Zachari Logan: The flourishing Edge, bis 30. 6. 2024
gardinermuseum.on.ca

Samstag

Ein veritables Museumsquartier findet sich in den Kreativvierteln von Torontos Westen.

Manchmal lässt sich am Wandel eines Museums auch der Wandel einer Stadt ablesen. Mehrere Häutungen hat das Museum of Contemporary Art hinter sich, das sich nicht nur von MOCCA in MOCA umbenannte, sondern 2018 auch von seinem ursprünglichen Standort im Kreativviertel Queen West in das neue Kreativviertel Lower Junction umzog. Denn für das MOCA war und ist es unerlässlich, möglichst nahe an jungen, zeitgenössischen Künstler:innen zu sein. Praktisch auch für Besucher:innen, denn so hat man den kreativen Nährboden der Stadt und die Ergebnisse dieses Schaffens am selben Ort vereint.

JUNG UND VITAL

Die Nähe zum Kunstschaffen schon in die Wiege gelegt bekam der Mercer Union Art Space, denn dieser wurde 1979 von zwölf Künstler:innen gegründet, die ihr eigenes Geld in ihren Traum investierten. Auch dieser Art Space zog seitdem nomadisch über viele Zwischenstationen durch die Stadt und ist heute im West End angesiedelt. Wie viele Non-Profit-Institutionen ist man auch hier dezidiert offen und experimentell zugange. Das heißt: Es sind provokante Positionen willkommen, die die kanadische Fassade der liebenswerten Nettigkeit durchbrechen. Ebenfalls im Westen findet sich die Cooper Cole Gallery, die 2009 von Simon Cole gegründet wurde und stellvertretend für die vitale Galerienszene Torontos steht. Der Galerist möchte sich ganz explizit nicht einer Sparte zuordnen lassen, aber wer eine Vorliebe für Performance, Bildhauerei und Konzeptkunst hat, dürfte hier nicht enttäuscht werden. Ein besonderes Anliegen von Cole ist es, jungen Künstler:innen unter 30 eine Bühne für ihre Arbeiten zu bieten.

Licht und Raum Ausstellung von Rochelle Goldberg im Mercer Union Art Space.

© VUK DRAGOJEVIC

In die Röhre geschaut Show von Phyllida Barlow im MOCA.

© MOCA Toronto
Rote Tiefe, tiefes Rot: 
»Meet me at the Floe Edge« von Maureen Gruben in der Cooper Cole Gallery.

Rote Tiefe, tiefes Rot: »Meet me at the Floe Edge« von Maureen Gruben in der Cooper Cole Gallery.

© Cooper Cole Gallery

Stolz und Holz Mit »Dancing in the Light« zeigt die Wedge Collection ihre Sammlung von Black Artists im MOCA.

© MOCA Toronto

Kunst-Silo Das Museum of Contemporary Art MOCA an seinem heutigen Standort.

© MOCA Toronto

MOCA TORONTO:
Museum of Contemporary Art

Phyllida Barlow, bis 4. 2. 2024
moca.ca

MERCER UNION ART SPACE
Rochelle Goldberg, bis 11. 11. 2023
mercerunion.org

COOPER COLE GALLERY
Maureen Gruben, bis 11. 11. 2023
coopercolegallery.com

Sonntag

Zwei Exkursionen in spannende Randbereiche, zum Schluss ein großes Ausrufezeichen.

Heute begeben wir uns ans entgegengesetzte Ende der Stadt, in Torontos Osten. Das Aga Khan Museum ist eines der Symbole für die multikulturelle Vielfalt der Stadt und hat sich der Kunst verschiedener muslimischer Kulturen aus allen Weltregionen verpflichtet, von China über Persien bis Europa. Die umfangreiche Sammlung wird durch Ausstellungen zeitgenössischer muslimischer Künstler:innen bereichert. Entworfen wurde der kantig-weiße Museumsbau vom japanischen Pritzker-Preisträger Fumihiko Maki.

TEXTILE WELTEN

Eine traditionelle Darstellungsform, die von der Gegenwartskunst wiederentdeckt wurde, ist das Arbeiten mit Textilien. Das einzige Museum Kanadas, das sich ausschließlich diesem Material widmet, ist das passend benannte Textile Museum of Canada. Die derzeitige Ausstellung »Gathering« zeigt, was sich alles auf und mit Stoffen erzählen lässt: Migration, Tradition, ­Familiengeschichten, Natur und Umwelt. Sie kombiniert Roben aus dem 19. Jahrhundert mit digitalen Reproduktionen und jungen Textilkünstler:innen von heute. Zum Abschluss darf Toronto nochmal groß auftrumpfen: Die Art Gallery of Ontario (AGO) ist eines der größten Museen Nordamerikas. Bald wird es sogar noch größer, denn der Industrielle Dani Reiss spendete 35 Millionen kanadische Dollar für eine Erweiterung. So ­lange müssen wir aber nicht warten, denn die AGO ist jetzt schon beeindruckend. Ihre Ausstellungen wechseln zwischen großen etablierten Namen wie Jean-Michel Basquiat oder Yayoi Kusama und jungen Künstler:innen. Glücklich und gesättigt von unserem Art-Trip, kehren wir am Schluss noch zum Seeufer zurück für einen letzten Blick auf die Skyline.

Kristalliner Kubus: Das Aga Khan Museum und sein beeindruckender Garten.

Kristalliner Kubus: Das Aga Khan Museum und sein beeindruckender Garten.

© Art Gallery of Ontario

Nicht einfach gestrickt: Im Textile Museum of Canada.

Nicht einfach gestrickt Im Textile Museum of Canada.

© Janet Kimber

Kecker Schwung Die von Stararchitekt Frank Gehry entworfene Erweiterung der Art Gallery of Ontario (AGO).

© Darren Rigo
Spirale Stiege: Seit über 100 Jahren 
wächst die Art Gallery of Ontario immer weiter.

Spirale Stiege: Seit über 100 Jahren wächst die Art Gallery of Ontario immer weiter.

© Shutterstock

AGA KHAN MUSEUM
Cultured Pallets, bis 5. 11. 2023
agakhanmuseum.org

TEXTILE MUSEUM OF CANADA
Gathering, bis 31. 3. 2024
textilemuseum.ca

ART GALLERY OF ONTARIO
Keith Haring, 8. 11. 2023–17. 3. 2024
ago.ca

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 07/2023

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Maik Novotny
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