M.O.O.CON. im Interview: »einen 360-Grad-Blick schaffen«
Ein Projekt fängt nicht erst mit dem Entwurf an, sondern schon viel früher – mit dem Definieren von Wünschen und Bedürfnissen. Damit hat sich am Immobilienmarkt nun eine eigene Berufssparte etabliert. Ein Gespräch mit Bernhard Herzog, Partner im Wiener Consulting-Unternehmen M.O.O.CON.
LIVING Wann ist der beste Zeitpunkt, um M.O.O.CON anzurufen?
Bernhard Herzog: Sobald ein Problem mit einem Gebäude auftaucht und klar ist: Es passt nicht mehr. So geht’s nicht weiter. Irgendwas Neues muss her!
Welches Anliegen hören Sie beim allerersten Kontakt am häufigsten?
Oft kommen Bauherren und Auftrag-geber:innen schon mit ersten Ideen und Lösungen im Hintergrund, weil sie sich natürlich schon Gedanken gemacht haben. Unsere Aufgabe ist es, diese Ideen in den größten Kontext zu setzen und einen 360-Grad-Blick zu schaffen. Erst, wenn man alle Kriterien und Problemstellungen erfasst hat, ist man in der Lage, Varianten zu erarbeiten und eine Entscheidung zu treffen.
Auf Ihrer Website steht: »Wir geben Zukunft Raum.« Was genau darf man sich darunter vorstellen?
Wir arbeiten tatsächlich mit dem physischen Raum, aber nicht nur. Der Raum, den wir in Zusammenarbeit mit unseren Kund:innen kreieren, ist ein Raum, der für deren Arbeitsweise maßgeschneidert ist, der zur jeweiligen Unternehmenskultur passt, der eine langfristige Antwort darauf ist, wo es überall zwickt und beißt.
Axel Springer, Berlin
Wie plant man ein Verlagshaus für 3.500 Mitarbeiter:innen? Auf dieser Basis wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den der holländische Architekt Rem Koolhaas gewonnen hat.
axelspringer.com, oma.com
Im Fachjargon ist diese Bedarfserhebung auch unter dem Begriff »Phase Null« bekannt. Seit wann gibt es in Österreich ein Bewusstsein für diesen Findungs- und Konkretisierungsprozess?
Wir selbst haben damit vor circa 30 Jahren begonnen, also lange, bevor der Begriff »Phase Null« überhaupt erfunden wurde. Die Entwicklung selbst stammt aus den USA und ist dort seit den 1950er- und 1960er-Jahren als »Architectural Programming« bekannt. Darunter versteht man im weitesten Sinne die bewusste Bau- und Nutzungsprogrammierung von Gebäuderessourcen. In den 90er-Jahren hat der deutsche Architekt Gunter Henn, der vor allem für seine VW-Autostadt in Wolfsburg bekannt ist, die Methodik erstmals nach Europa gebracht.
Und M.O.O.CON hat das Modell dann nach Österreich importiert?
Ja, wobei wir im Gegensatz zu Gunter Henn ursprünglich nicht aus der Architektur kommen, sondern aus der Wirtschaft. Wir verstehen also die Needs oder Pains der Unternehmen und können in die Sprache der Architektur übersetzen. Mit der Phase Null ist es uns gelungen, eine Projekttypologie zu entwickeln, bei der wir schon ganz am Anfang des Planungs- und Entwicklungsprozesses eingreifen können.
Können Sie ein paar Beispiele nennen, was in dieser Phase Null alles entstehen kann?
Wir schauen uns an, wie sich ein Unternehmen entwickelt hat, wie die Menschen darin arbeiten, welchen Raum- und Kommunikationsbedarf sie haben, welche Unternehmenskultur es gibt, wie die Hierarchien gestrickt sind, wie das physische Raumangebot zum Geist des Unternehmens passt, wie präsent oder auch remote die Menschen arbeiten – und wie und wozu sie sich am lieben in der Gemeinschaft treffen. Auf dieser Basis entwickeln wir dann mit dem Kunden die entsprechende Raumstrategie. Das reicht von Fragen wie Umbau, Neubau oder Erweiterung über die Standort-Konzeptionierung bis hin zur Immobilien- und Grundstückssuche – und meist auch bis zum Aufsetzen eines Architektur-Wettbewerbs.
MOL Group, Budapest
2022 wurde das Headquarter für den ungarischen Mineralöl-Konzern MOL eröffnet. Die Planung stammt vom Londoner Architekten Norman Foster, das partizipative Fundament von M.O.O.CON.
molgroup.info, fosterandpartners.com
Was kann M.O.O.CON, wozu die Unternehmen selbst nicht imstande sind?
Die Unternehmen kennen sich selbst am besten, daran besteht kein Zweifel. Wir aber haben aufgrund der externen Sicht eine gesunde Äquidistanz und können eine Arbeitswelt prognostizieren, die in 10, 15 Jahren immer noch passen wird. Diese neutrale Außensicht ermöglicht Gestaltung.
Was sind die größten Gefahren, wenn man sich diesen Zukunftsfragen nicht stellt?
Dass man am Ende ein Gebäude hat, das völlig am Bedarf vorbeigeplant wurde. Falsche Strukturen, nicht passende Raumkonfigurationen und Kommunikationsprozesse im Alltag, und aus Erfahrung kann ich sagen: Meist sind die schnell erdachten Büros, wenn man keinen fundierten Blick in die Zukunft unternimmt, viel zu groß.
Wieso denn das?
Weil wir in einer Zeit digitaler Umbrüche leben. Seit Corona wissen wir, wie rasant diese Entwicklung sein kann. Tatsächlich denken die meisten Auftraggeber:innen in viel zu großen Räumen. Das ist nicht nur eine Verschwendung von Geld und Ressourcen, sondern schadet am Ende auch dem Unternehmen.
MAM Babyartikel, Burgenland
Auf Basis eines partizipativen Modells von M.O.O.CON plante das Grazer Architekturbüro Innocad die Zentrale des Babyartikel-Herstellers MAM.
mambaby.com, innocad.at
Wieso denn das?
Weil wir in einer Zeit digitaler Umbrüche leben. Seit Corona wissen wir, wie rasant diese Entwicklung sein kann. Tatsächlich denken die meisten Auftraggeber:innen in viel zu großen Räumen. Das ist nicht nur eine Verschwendung von Geld und Ressourcen, sondern schadet am Ende auch dem Unternehmen.
Inwiefern?
Für den Spirit in einem Unternehmen gibt es nichts Schlimmeres als leere, viel zu große Räume. Es entsteht keine Reibungswärme, und je leerer die Räume, desto eher bleiben die Menschen im Home-Office sitzen. Ein Teufelskreis!
Wer zählt zu Ihren Kunden und Auftraggeberinnen?
Eine bunte Mischung. Das beginnt in der Tat beim adoleszenten Start-up mit 20 bis 25 Leuten und endet beim Großkonzern mit mehreren Tausend Mitarbeiter:innen – und zwar quer durch alle Branchen, deren Kernarbeit im Büro stattfindet.
ÖAMTC, Wien
Der Entwurf basiert auf einem jahrelangen Entwicklungsprozess und stammt vom Wiener Büro PXT Pichler & Traupmann.
oeamtc.at, pxt.at
Neues Team bei M.O.O.CON: Neben Bernhard Herzog sind dies Sabine Zinke, Florian Danner und Christoph Müller-Thiede.
moo-con.com
In den letzten Jahren hat sich Ihr Portfolio auf Kultur, Bildung und öffentliche Institutionen ausgeweitet.
Ja, wir haben immer mehr Kommunen und Ländereinrichtungen, immer mehr Schulen und Universitäten und zuletzt nun auch immer mehr logistisch komplexe Sonderimmobilien wie etwa Theater, Opernhäuser und Healthcare-Zentren. Aktuell arbeiten wir mit den Salzburger Festspielen und der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf zusammen.
Wie kann man den Aufwand einer Phase-Null-Erhebung beziffern?
Für ein kleines Unternehmen fängt so ein Prozess bei 15.000 bis 20.000 Euro für eine kleinere Erhebung an. Bei größeren Unternehmen und komplexeren Projekten landet man meist in einem hohen fünfstelligen Bereich.
Wie wird sich das Geschäft mit der Phase Null weiterentwickeln?
Das Thema wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten massiv zunehmen. Die Komplexität der Themen, Bauaufgaben und technischen, ökologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen steigt kontinuierlich. Einfach nur ein Haus bauen und dann am Dach ein Logo draufmontieren – das war gestern.
Welches Projekt würden Sie gern einmal auf Schiene bringen?
Einen gemischten Campus mit Wohnen, Arbeiten, Bildung, Forschung und Freizeit. Alles fließt weich ineinander, es gibt keine Trennungen, und alle profitieren von allen. Das wäre mein Traumprojekt.
Siemens, Wien
Der neue Coworking-Space Work-Inn am Siemens-Campus mit einer Interior-Gestaltung von Schönstil.
siemens.com, schoenstil.at