MAD Architects: Wenn Architektur Natur und Futurismus verbindet
Das chinesische Büro MAD Architects arbeitet an der Schnittstelle zwischen natürlicher und künstlicher Umwelt. Die Museen, Hochhäuser und »Hutong Bubbles« sind wie Blätter, Canyons, Karstfelsen, Baumstämme und kleine, hochglanzpolierte Samenkapseln.
Was für Manhattan der Central Park, ist für Peking der Chaoyang-Park im Osten des Stadtzentrums. Und genau hier, inspiriert von der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei, von den weichen, ausladenden Pinselstrichen mit dunkler Tusche auf Papier, setzte das Pekinger Büro MAD Architects zwei organisch geformte Türme an die Südflanke des Parks, wie sanfte Karstfelsen aus dem Wald ragend, längst von der Erosion angeknabbert, einer 108 Meter, der andere sogar 120 Meter hoch.
»Nicht an die harte, bestehende Stadt wollten wir uns mit den beiden Bürotürmen anpassen«, sagt Ma Yansong, Gründungs-partner von MAD, »sondern an den Park mit seinen Bäumen, Felsen und Wasserläufen. Es ist, als würden Architektur und Natur untrennbar miteinander verschmelzen.«
Die Verbindung zur Natur, gepaart mit visionären, futuristischen Ansätzen, um die Bautechnik und Architekturentwicklung voranzutreiben, gehört seit der Gründung 2004 zur DNA von MAD Architects. »Wir bezeichnen das als emotionale Natur«, sagt CEO Ma Yansong, der das rund 100-köpfige Büro heute mit Dang Qun und Yosuke Hayano leitet. »Wenn man einen Baum oder einen Felsen sieht, dann wird er Teil der eigenen Gefühlslandschaft. Alles, was uns in der Natur umgibt, wird auf diese Weise Teil des Menschen. Es geht um Fantasie! Das fehlt in der modernen Welt leider völlig, und diese Lücke wollen wir schließen.« Im Chinesischen gibt es sogar einen eigenen Ausdruck dafür: »Tian ren he yi«. Was so viel bedeutet wie: Himmel und Mensch werden eins.
Naturgewalten im Sinne von fließendem Wasser und wehenden Winden spielen eine wichtige Rolle bei den Absolute Towers in Mississauga, einer Großstadt in Kanada. Die beiden 50- und 56-stöckigen Türme, elliptisch im Grundriss, rotieren geschoßweise um die eigene Achse, als wären sie von starken Stürmen erodiert und in Form gebracht worden. »Wir wollten etwas Organisches schaffen, das dem harten Stahl, Glas und Beton etwas Weiches, Weibliches gegenüberstellt.«
Das Konzept ist aufgegangen: Aufgrund der tanzenden Form mitsamt Hüftschwung werden die beiden Türme im Volkssprech einfach nur »Marilyn Monroe Towers« genannt. Ähnlich weiche, natürliche Einflüsse auf die sonst starre, rigide Architektur findet man beispielsweise auch beim One River North in Denver, beim Opernhaus im ostchinesischen Harbin oder beim kürzlich eröffneten Migrationsmuseum Fenix in Rotterdam.
Konkret handelt es sich dabei um ein Museum für zeitgenössische Kunst, die entweder von Migrant:innen stammt oder aber sich mit dem Thema der Migration beschäftigt. Auf das bestehende Lagerhaus im Rotterdamer Rijnhaven wurde, als wäre ein metallischer Tornado im wildesten Moment eingefroren, eine hochglanzpolierte, spiralförmige Nestskulptur draufgesetzt.
»Beim Thema Migration geht es vor allem um Bewegung«, sagt Ma Yansong, »und diese Bewegung wollte ich als Metapher in eine architektonische Form übersetzen.« Im Inneren der Skulptur gibt es schmale Gänge und Stiegenläufe, die sich an mehreren Punkten kreuzen und überschneiden.
Dass diese technische und handwerkliche Präzision möglich ist, ob in Rotterdam oder bei den ebenfalls hochglänzenden »Hutong Bubbles« in Peking, ist dem stets futuristischen Streben des Büros zu verdanken: »Ein richtig gutes Haus beflügelt die Fantasie und die Vorstellungskraft von uns Menschen, es provoziert uns und beschenkt uns mit Lust und Vergnügen – und führt manchmal zu abstrakten, ziemlich surrealen Formen, für die wir die Forschung und die Zukunftsmaschine anwerfen müssen. Das ist der Auftrag an uns.«