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Was wurde aus ... Michele de Lucchi

Produktdesign

Wird etwas radikaler gedacht, entstehen oft Ansätze, die einige Zeit überdauern. Der italienische Architekt und Designer Michele de Lucchi war und ist ein besonders radikaler, der mit seinen Ideen und Sichtweisen vieles vorweggenommen hat. Eine Legende unter der Lupe.

Es gibt Menschen, um die sich bereits ganz am Anfang ihrer Karrieren Mythen ranken. Der Italiener Michele de Lucchi zählt zu dieser raren Sorte. Geboren 1951 in Ferrara, war eigentlich ein Kunststudium geplant. Da aber Ende der 1960er-Jahre Eltern bei der Studienwahl noch ein gewichtiges Wort mitzureden hatten, musste ein Kompromiss her, denn Vater de Lucchi sah seinen Sohn im Ingenieurswesen. Es wurde letztlich Architektur. Aber schlummert in einem ein Künstler, muss dieser von der Leine gelassen werden. Bei Michele de Lucchi geschah dies in Form radikaler Sichtweisen auf Architektur und in weiterer Folge dann auf Artverwandtes wie Design, Interior, Fotografie und Film. Und das konnte durchaus auch in Aktionismus enden.

Performance & Möbel

So ist etwa eine Performance aus dem Jahre 1973 auf der Triennale in Mailand überliefert, als de Lucchi, als Soldat verkleidet, gegen zu viele völlig überflüssige Möbel protestierte.
Im Spiegel seiner Biografie wird das gleich noch einmal lustig, denn wenige Jahre später (1980) war er Mitbegründer der Mailänder Gruppe Memphis, die mit so ziemlich jeder Regel des Funktionalismus brach. Das Möbelstück als Ikone – bunt, grell, fantasievoll, gewitzt – aber nicht immer unbedingt alltagstauglich. Was egal war, denn letztlich ging es um anderes, wie de Lucchi immer wieder rückblickend erörtert: »Bei Memphis gab es diesen künstlerischen, kulturellen, avantgardistischen Ansatz, mit dem wir die Rolle des Designers und Architekten in der Gesellschaft grundsätzlich hinterfragten.«
Zum Beispiel, ob Architekt:innen Objekten eine gute Form verleihen, oder doch eher Lebensraum und Lebensqualität der Menschen im Blick haben sollen. Eine Frage, die de Lucchi, der mit kleiner Nickelbrille und langem Rauschebart auch äußerlich als Philosoph der alten Schule durchgeht, nach wie vor beschäftigt. Und nicht nur ihn. Seine Lösung: »Das Wichtigste beim Entwerfen von Objekten ist, ihnen einen abstrakten Wert zu geben und nicht nur einen praktischen. Eine Art Sinn, eine Daseinsberechtigung.«

Kassenschlager und Philosophie

Sinn hat der mittlerweile 72-Jährige auf diese Weise schon oft gestiftet. Am (kommerziell) erfolgreichsten mit der legendären Lampe »Tolomeo« für Artemide. Ein kleiner Lampenschirm, zwei dünne Arme, eine Scheibe als Fuß und ein cleverer Seilzug, der dem Kreativen aufgefallen ist, als er Fischer beim Umgang mit uralten Fischergalgen, den »Trabucchi« beobachtet hat. »Die Lampe ist eine gute Mischung aus Technologie und Einfachheit. Sie wirkt vertraut«, erklärt de Lucchi, der fast 30 Jahre lang Chefdesigner bei Olivetti war, diesen Erfolg. Wenn man so will, ist die »Tolomeo«, die es mittlerweile in 30 verschiedenen Varianten und Größen gibt, eine radikal einfache Lösung mit einem Schuss technischer Verspieltheit, vor der niemand Angst zu haben braucht, wie er einmal erzählte: »Technik wirkt oft sehr aggressiv. Die ›Tolomeo‹ ist überhaupt nicht aggressiv. Man kann sie ohne Panik benutzen, in der Küche wie im Büro. Das hat etwas Tröstliches.« Der Architekt und Designphilosoph als Trostpender? Bei de Lucchi trifft es durchaus zu. Nicht zuletzt, da sein Büro AMDL, das er 1998 gegründet hat, beizeiten auch Sakral­bauten in die Landschaft stellt, deutsche Bahnhöfe saniert, Bankzentralen ein neues Gesicht gibt oder mit kühnen Konstruktionen wie der Friedensbrücke in Tiflis für Aufsehen sorgt. Für Aufsehen – zumindest in Italien – sorgten übrigens auch die Buchcover, die er vor zwei Jahren für die Harry-Potter-Serie gestaltet hat. Sie zeigen nicht mehr den Zauberschüler, sondern fiktive architektonische Gebilde und Gebäude, geschwungene Brücken, Felswolkenkratzer, schiefe Holztürme. De Lucchi nutzte die Möglichkeit, Kindern den Zauber der Architektur näherzubringen – und vielleicht ist das auch der Grund, weshalb er gerade an seinem eigenen Kinderbuch schreibt.

1982: Das Sofa »Lido«, für Memphis Milano entworfen, ist ein fröhlicher Materialmix aus Holz, Kunststofflaminat und Metall. Auf Auktionen bringt es heute noch
regelmäßig fünfstellige Beträge ein.

1987: Die »Tolomeo« ist mehr als ein Klassiker. Sie gilt als kommerziell erfolgreichste Schreibtischlampe in der Designgeschichte. artemide.com

1995: Heute ein Stück fürs Technikmuseum, aber in den 90er-Jahren ein optischer Hingucker im Büro: das »OFX 1000« für Olivetti. 30 Jahre war de Lucchi Designchef beim ­italienischen Konzern. olivetti.com

2009: Gemeinsam mit Sezgin Aksu entwarf de Lucchi die Stuhlserie »Kaleidos«. Gibt’s auch als Barhocker und mit Rollen. caimi.com

2015: »Radetzky« nennt sich diese Neuinterpretation des klassischen Wiener Bugholzstuhls. Vertrieben wird die Arbeit via gebruederthonetvienna.com

2018: Eine von unzähligen ikonischen Arbeiten für Alessi ist der Wasserkocher »Plissé«, dessen Charakterfalten bei Designliebhabern auf Gegenliebe stoßen. alessi.com

2022: Quadratisch, höhenverstellbar mobil und stabil. Der Couchtisch »Il Furbo« aus Birkenholz lotet gekonnt die Grenzen zwischen funktional und skulptural aus. danesemilano.com

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 07/2023

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Manfred Gram
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