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© Alejandro Ramirez Orozco

Interior Trends 2026: Formen, Farben & Gefühle

Trend
Interior Design
Licht
Produktdesign
Farbe

Weg vom schnellen Look, hin zu Räumen mit Bedeutung. Design reagiert auf eine Welt im Dauerstress mit Farbe, Weichheit und Haltung. Materialien dürfen erzählen, Formen Gefühle zeigen. Ein kurzer Blick auf Entwicklungen und Tendenzen, die Wohnen wieder persönlich, analog und emotional machen.

Form & Stil

»Ich mochte Trends eigentlich noch nie. Design wird spannend, wenn es ehrlich auf seine Zeit reagiert und nicht, wenn es lediglich einen Look kopiert.« Die niederländische Designerin Kiki van Eijk hat die Gabe, komplexe Entwicklungen auf den Punkt zu bringen. Gemeinsam mit Joost van Bleiswijk bildet sie das international bekannte Duo Kiki & Joost, das mit farbenfrohen, zugänglichen Entwürfen weit über die niederländische Designszene hinaus Spuren hinterlassen hat. Und zwar stets mit Blick auf das große Ganze.

Umso aufschlussreicher sind ihre Beobachtungen wenn es um die Frage geht, wohin sich unsere Lebens- und Gestaltungswelten bewegen. »Ich sehe eine klare Hinwendung zu mehr Farbe und zu Räumen, die spielerisch und optimistisch gestaltet sind«, sagt van Eijk. »Räume, die zum Wohnen, Leben und Miteinander anregen, statt ausschließlich um Bildschirme herum organisiert zu sein.« Aktuell setzt sie diese Haltung in einem bewussten Spannungsfeld zwischen Kurven und Kanten um. »Kurven wirken menschlich, emotional, beinahe körperlich. Kanten hingegen bringen Klarheit und Intention. Mich fasziniert dieses Gleichgewicht.«

Volles Rohr
Der Stuhl »Sen«, entworfen vom renommierten kanadisch-amerikanischen Studio Yabu Pushelberg, zeigt, wie man sich Röhrenoptik gemütlichzurechtbiegt.
leolux.de

© Yuta Sawamura Photography

Hochkulturell
Gio Pontis Vase »Bucchero« inspiriert von der Formen- und Handwerkskunst der Etrusker, wird neu aufgelegt.
molteni.it

© Sarmagni

Kurvendiskussion

Mit dieser Suche nach Balance trifft sie einen Nerv der Zeit. »Die Welt sehnt sich derzeit zutiefst nach Weichheit.« Kein Wunder angesichts globaler Krisen und einer zunehmend von Algorithmen und KI geprägten Alltagsrealität wächst der Wunsch nach einer Gegenbewegung: nach Erlebnissen, die sich persönlich, greifbar und echt anfühlen.

Trends sind kulturelle Signale, die spiegeln, was eine Gesellschaft kollektiv umarmt oder worauf sie reagiert. Man sollte ihnen nicht blind folgen.

– Kiki van Eijk

Tatsächlich zeichnet sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein Perspektivenwechsel ab. Relevanz wird weniger über bloße Sichtbarkeit, Likes oder digitale Reizüberflutung definiert, sondern über inhaltliche Tiefe, Haltung und Verbindlichkeit. Fragen nach Identität, sozialer Verantwortung und psychischem Wohlbefinden rücken stärker in den Fokus, während Nachhaltigkeit und langfristige Stabilität an Bedeutung gewinnen. »Dem eigenen Instinkt zu folgen, wird wichtiger sein denn je«, ist van Eijk überzeugt.

Kiki van Eijk
kikiandjoost.com

© beigestellt

Joseph Ellwood
sixdotsdesign.co.uk

© beigestellt

Mit dieser Haltung liegt sie nahe bei Joseph Ellwood, dem Londoner Designer und Gründer von Six Dots Design. Sein Studio verbindet verspielte Ästhetik mit nachhaltigen Materialien und entwirft maßgefertigte Möbel und Wohnaccessoires, die ebenso Kunstobjekte wie funktionale Einrichtungsstücke sind. Entscheidend sei vielmehr, Imperfektion, Selbstausdruck und Selbstbestimmung im Gestaltungsprozess bewusst zuzulassen.

Weichere Formen erzeugen oft Objekte, die wärmer und einladender wirken.

Joseph Ellwood

Seine oft eigenwillige Linienführung versteht er dabei als Ausdruck dieser Freiheit. »Ich glaube, in der heutigen Designlandschaft gibt es keine klar definierenden Formen oder Silhouetten mehr. Wir werden weiterhin erleben, dass Menschen ihren eigenen Stil entwickeln – jenseits globaler Trends.«

Skulptural
Der Wandschrank mit kleinem Tischchen überzeugt farblich. Die Designerin Kiki van Eijk zeigt damit klare Kante.
extoworld.it

© beigestellt

Schwungvoll
Wenn Joseph Ellwood ans Werk geht, können Schreibtisch und Bürostuhl schon einmal in Richtung Surrealismus abbiegen.
sixdotsdesign.co.uk

© beigestellt

Material & Haptik

Materialschlacht

Die aktuelle Sehnsucht nach mehr Tiefe und Authentizität wird im wahrsten Sinne des Wortes spürbar, wenn es um Material und Haptik geht. »Wir bemerken eine Verschiebung darin, wie Materialien gelesen und bewertet werden«, erzählt Jutta Gössl, Teil des Kreativ-Duos Ödd Üniverse. Während sie von London aus arbeitet, sitzt ihr Partner Philip Schütz in Wien. Gemeinsam steht das Gespann für neue, oft materialgetriebene Designzugänge. Ihre Hockerserie »Peepers« ist ein gutes Beispiel: Die Stücke werden jeweils aus einer einzigen Scheibe Aluminium geformt. Dahinter steht ein hochtechnischer Herstellungsprozess, das Resultat wirkt jedoch freundlich, weich und einladend – ein Kunststück und ein cleveres Spiel mit Material, Form und Produktion.

»International ist ein wachsendes Interesse an Materialauthentizität spürbar und an einer erweiterten Definition von Schönheit«, sagt Gössl. Gemeint ist, dass Perfektion bei Materialien derzeit gerne hintergründig wird. Oberflächen dürfen ihre Herkunft und ihren Alterungsprozess zeigen. Materialien werden bewusster eingesetzt und zunehmend als Träger von Herkunft und Haltung verstanden. Authentische Oberflächen, langlebige Werkstoffe und transparente Herstellungsprozesse prägen das Erscheinungsbild. »Es geht dabei auch um Präsenz und Tiefe sowie um einen bewussten Umgang mit Unregelmäßigkeit«, so Gössl.

Seaworld
Was ist grün und nervt beim Schwimmen im Meer? Ein Algenteppich. Was ist ockerfarben, weich, kuschelig und schaut super im Wohnzimmer aus? Der »Alga Rug« von nanimarquina.com

© Philipp Schoenauer

Killing me softly
Sogar USM Haller hat erkannt, dass man mit Filz und weichen Oberflächen mit wenig Aufwand einen Metall- und Hochglanzklassiker zeitgemäß aufmotzen kann. Die »Soft Panels« mit sanfter Textur und grafischen Mustern sind jetzt schon ein Hit.
usm.com

© Philipp Schoenauer

Wahrhaftig

»Keep it real« lautet also die Devise. »Materialien wie Holz, Stein und Metall, ebenso wie handwerklich geprägte Oberflächen, werden vermehrt so eingesetzt, dass ihre Eigenheiten sichtbar bleiben: Maserungen, Spannungen, Spuren der Verarbeitung, Patina.« Parallel dazu ziehen textil gedachte Oberflächen ein: Gobelin, Bouclé, strukturierte Tapeten und textile Wandgestaltungen schreiben das Bedürfnis nach Weichheit direkt in die Architektur. So wird im Innenraum Naturnähe inszeniert, der Wohnbereich avanciert zur Fortsetzung des Draußen. Zentral sind dabei auch Nachhaltigkeitsversprechen und Kreislauffähigkeit.

Design, das Emotionen weckt, verweilt länger, wird weiterge-geben und wird wertgeschätzt. Dort, wo Identität entsteht, beginnen Objekte für uns interessant zu werden.

Jutta Gössl

Myzelplatten, Bio-Resins oder aus den Ozeanen geborgener Kunststoff machen Oberflächen zum Statussymbol einer ökologisch sensiblen Generation. »Ein Material muss heute mehrere Ebenen gleichzeitig erfüllen: ästhetische Klarheit, hohe Nutzungsqualität, strukturelle Nachhaltigkeit und reale industrielle Umsetzbarkeit. Diese Ebenen lassen sich nicht mehr voneinander trennen«, so Gössl.

Jutta Gössl
odduniverse.xyz

© beigestellt

Guckilooki
Die Hocker-Serie »Peepers« evoziert das Gefühl, angestarrt zu werden. Sie sind aus einem einzigen Stück Aluminium gedrückt. Klingt einfach ist es aber nicht. Ein cleveres Meisterwerk von odduniverse.xyz.

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Farbe & Muster

Neuer Anstrich

Farben sind in diesem Kontext die logische nächste Ebene: Wenn schon Formen und Materialien von Haltung und Herkunft erzählen, was passiert erst, wenn sich Farben, die erwiesenermaßen richtig gut emotionalisieren und auf ihr Umfeld wirken, in diese Erzählungen einmischen? Und wo stehen wir da momentan überhaupt? »Ich denke, die ästhetische Verzahnung von naturnahem und digitalem Look beschreibt sehr gut unseren Zeitgeist«, meint Architekt und Interior-Designer Florian Sammer. Der Experte mit Lehrstuhl an der NDU in St. Pölten weiß aber noch mehr: »Mit dem steigenden Bewusstsein für eine gesunde Umgebung hat sich die Ästhetik fürs Wohnen gewandelt. Wir verbinden Natürlichkeit mit Materialen wie Lehm oder rohem Holz. Davon assoziativ abgeleitet treten naturnahe Farbpaletten in den Vordergrund.« Das heißt, man greift beim Wohnen aktuell gerne zu erdigen und zu entsättigten Farbtönen. Mit Off-White statt »cleanem« Weiß, Beige, Umbra bis hin zu Aubergine oder Plum ist man gut dabei. Ein bisschen fad?

Kunterbunt
Der Sessel »freistil 173« der Berliner Designer Thomas Müller und Jörg Wulff ist mittlerweile ein gummibärförmiger Klassiker. Hier die Sonderedition aus Schurwolle mit buntem abstraktem Blattmuster. freistil-rolfbenz.com

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In Top-Form
Mit dem Teppich »Nuvola« dekliniert Roche Bobois die Farbabstufungen von Terrakotta durch und zeigt in der Formensprache, wie man Kurven auf Linie bringt.
roche-bobois.com

© beigestellt

Muss nicht sein: »Diese Ton-in-Ton-Welten erfahren eine regelrechte Belebung, wenn sie mit Farben kombiniert werden, die wir mit einer digitalen Ästhetik verbinden.« Damit sind Spektralfarben wie Blau, Violett, Cyan oder auch Blaugrün gemeint, die erfrischende Akzente bringen könnten. »Aber es ist eine Frage der Gewichtung«, mahnt der Experte zur Vorsicht, denn um die richtige Farbwelt für Räume zusammenzustellen, verbringt er, der Profi, sehr viel Zeit in seinem Studio und mit seinen Auftraggeber:innen: »Farben sind keine absolute, sondern eine relative und vor allem persönliche Sache. Die Grenze zwischen Ruhe und Langeweile empfindet jeder anders. Zudem ändert sich unser Farb­empfinden im Alter.«

Trendsetter
Die Sitzbank »Puffy« vereint gleich mehrere zeitgeistige Strömungen. Sie ist weich wie eine Wolke und kommt in den ruhigen Farbtönen Kies, Olive oder Puderrosa daher.
hkliving.com

© beigestellt

Florian Sammer
Architekt und Interior-Designer
asap-zt.com

© Carolina Frank

Mustergültig

Spricht man von Farben, sind auch Muster nicht weit. Sie sind der nächste Code auf der Gestaltungsebene, der Räumen Rhythmus gibt. Streifen, Rauten und modulare Geometrien in leicht versetzten Rasterungen sorgen für subtile Struktur und greifen dabei die kantige Digitalästhetik auf.

Durch die digitale Vernetzung kann eigentlich alles zu und von zu Hause aus stattfinden. Das Spannungsfeld von Cocooning und digitalem Homestaging wird sich noch weiter verschärfen.

– Florian Sammer

Daneben feiern aber auch »Ethno-Muster«, vor allem aber »Happy Patterns« Einzug in die Wohnräume. Mit comicartigen Allover-Motiven auf Sesseln und Sofas als bewusst gewählter Stilbruch, lassen sich die Ton-in-Ton-Welten zum Leben erwecken. Das sorgt in Krisenzeiten vielleicht für positive Emotionen, wie überhaupt die richtige Farbwahl zumindest für inneren Frieden sorgen kann: »Vielleicht könnten angesichts der politischen Weltsituation Farbstimmungen gut tun, die uns tendenziell friedlich stimmen: Himmel- oder Rauchblau, Salbei, helles Cremeweiß, mehr ›Neutrals‹ und für eine zarte Aktivierung Lavendel oder Flieder«, so Sammer.

 

Sakral
Die Vasen- und Beistelltisch-Kollektion »Due Sicilie« ist von den dekorativen Motiven süditalienischer Kirchen und Paläste inspiriert. Als Werkstoff dient Chroma, ein innovatives Material aus recyceltem Plastik und Steinaggregaten.
chromacomposites.it

© beigestellt

Licht & Effekt

Atmosphäre

Bei der Umsetzung rückt Licht als Dirigent in den Vordergrund. Es belebt erdige Farbtöne, unterstreicht den Wunsch nach Weichheit und lässt materialechte Oberflächen wie Holz oder Rattan, Stein oder Metall in immer neuen Facetten erscheinen. »Der wahre Wert von Licht liegt heute in seinen emotionalen und atmos­phärischen Qualitäten«, sagt die Designerin Kickie Chudikova. »Licht prägt, wie wir uns in einem Raum fühlen. Es kann beruhigen, energetisieren oder Intimität schaffen.«

Armleuchter
Alberto Meda hat mit der »Asteria« eine Hängelampe geschaffen, die elegant Tradition und Moderne in Einklang bringt.
foscarini.com

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Die slowakische Designerin, die in Wien studierte und heute von New York aus arbeitet, hat sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Licht, Farbe, Muster und Struktur beschäftigt. Für den amerikanischen Leuchtenhersteller Zafferano entwarf sie etwa die Lampenschirm-Serie »Skyline«, die u. a. die ikonische Wolken­kratzerspitze des Chrysler Buildings zitiert. »Ich beobachte weiterhin ein großes Interesse an Glas, Metall und architektonischen Oberflächen. Besonders in Kombination mit Farbe, grafischen Behandlungen oder geschichteten Finishings. Diese Materialien interagieren auf
faszinierende Weise mit Licht und Schatten.«, erklärt Chudikova.

Kabellose Systeme haben die Nutzung von Licht verändert –
sie ermöglichen es, dass Licht auf alltägliche Rituale reagiert, statt an feste architektonische Punkte gebunden zu sein.

– Kickie Chudikova

Auch bei der Lichtfarbe zeichnen sich klare Präferenzen ab. Wärmere Töne mit Tiefe und Weichheit gelten momentan als essenziell, da sie menschlicher wirken und eine stärkere emotionale Verbindung zum Raum herstellen. Genau diese Verbindung ist jedoch schwer planbar. »Licht verhält sich je nach Kontext, Umgebung und Nutzung unterschiedlich. Der komplexeste Aspekt ist, vorwegzunehmen, wie Menschen tatsächlich mit einem Objekt leben werden«, so Chudikova.

Steinhart
Die legendäre Lampe »Biago« von Tobia Scarpa gibt es auch in einer exklusiven Onyx-Edition. Harte, aber herzliche Grüße von flos.com.

© beigestellt

Kickie Chudikova
kickiechudikova.com

© Alisha Wetherill

Mobiles Licht

Hinzu kommt ein stetig wachsender Mobilitätsfaktor, denn immer mehr Leuchten sind mittlerweile kabellos und begleiten ihre Nutzer:innen flexibel durch den Alltag. »Bei portablen Lampen wird Licht plötzlich beweglich, beinahe schon narrativ«, sagt Chudikova. »Es folgt den Menschen durch verschiedene Momente, statt fest an einem Ort zu bleiben.« Beleuchtung wird so vom funktionalen Element zum aktiven Teil des Interior-Storytellings.

Erweiterbar
Mit dem modularen Leuchtkonzept »On Lines« wandelt Stararchitekt Jean Nouvel auf Mondrian’schen De Stijl-Spuren.
nemolighting.com

© Alex Kroke

Big Apple
Für die kabellose Kultlampe »Poldina« hat Kickie Chudikova eine eigene
Lampenschirmserie erfunden, die u. a. das Chrysler Building und die Skyline von New York zitiert.
zafferanoitalia.com

© beigestellt

Der Umgang mit Licht bündelt bzw. reflektiert am Ende, was Design derzeit antreibt: Der Wunsch nach Echtheit, der Hang zur Atmosphäre und die Lust an Emotionen. Design der Gegenwart verbindet Material, Farbe und Form zu einem Ganzen und erzählt im Idealfall dabei weniger von Trends als von Haltungen. Am Ende soll nämlich nicht der Look überdauern, sondern die Erkenntnis, dass wir Räume brauchen, die mehr können, als bloß gefallen.

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 1/2026

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Manfred Gram
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