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© Leonard Hilzensauer

Wandmalerei: Geschichten auf Putz

Angewandte Kunst
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Handgemalte Wandbilder sind mehr als Farbe. LIVING zeigt, wie Künstler:innen Orte verwandeln, Erzählungen transportieren und mit feinen Ornamenten, surrealen Bildwelten und raumgreifenden Interventionen neue Wahrnehmungen ermöglichen.

In der »Bemelmans Bar« im »Carlyle Hotel«, New York, scheinen die Figuren von Ludwig Bemelmans bis heute zu tanzen – und zu faszinieren. 1947 schuf der Künstler und Autor für den Ort einen zeitlosen Zyklus, in dem kleine Figuren, verspielte Tiere und rankende Pflanzen durch die Jahreszeiten des Central Park ziehen. Eine ähnliche Symbolkraft besitzt die Villa »Santo Sospir« an der Côte d’Azur, heute als »tätowierte Villa« bekannt. Verträumt-ätherische Zeichnungen und Fresken von Jean Cocteau überziehen dort seit 1950 Wände, Türen und Alltagsgegenstände. Jahrzehnte später erlebt die unmittelbare Sprache der Wandmalerei eine Renaissance – oder vielleicht war sie nie wirklich verschwunden, wie ein Blick auf ausgewählte Beispiele zeigt.

Alt und Neu

Wie wirkungsvoll sich Art-déco-Erbe und zeitgenössische Murals kombinieren lassen, illustriert die Neuinterpretation des »Painter’s Room« im Londoner »Claridge’s«. In den 1930er-Jahren malte Mary Lea auf Putz, heute lockern zarte, figurative Linienzeichnungen von Annie Morris den Raum auf. »Man soll sich wie in meinem Skizzenbuch fühlen«, so die britische Künstlerin in einem Interview. Ähnliches findet sich in Wien, wo der Künstler Florian Metzler alias Flowsofly für das neue Hotel »Miiro« am Spittelberg ebenfalls ein Liniensujet für die Decken wählte. Gemalte Bilder auf Wänden erzählen jedoch nicht nur Geschichten, sie sind selbst Teil von Geschichte. »Historisch betrachtet sind Wandmalereien eng mit der Entwicklung der Menschheit verbunden«, so Jakob Kattner, künstlerischer Leiter des Street-Art-Festivals Calle Libre, und erklärt: »Von den prähistorischen Motiven in den Höhlen von Lascaux über die Graffiti im antiken Pompeji bis hin zum mexikanischen Muralismo – Menschen haben sich zu allen Zeiten über Wandflächen ausgedrückt und Spuren hinterlassen.«

»Bemelmans Bar« im »Carlyle Hotel«. Die New Yorker Hotelbar ist nach dem österreichisch-ungarischen Künstler und Autor Ludwig Bemelmans benannt, der sie 1947 zu einer zeitlosen Kulisse machte.

rosewoodhotels.com

© The Carlyle Rosewood

»Painter’s Room« im »Claridge’s«. Annie Morris’ Wandinstallation umhüllt die Cocktailbar im exklusiv zu mietenden Malerzimmer, gestaltet von Bryan O’Sullivan.

maybourne.com

Foto beigestellt

Calle Libre. Im Wiener DC Tower 3 verwandelte die marokkanische Künstlerin Ghizlane Agzenaï eine Wand im Gemeinschaftsbereich der Serviced Apartments in ein Kaleidoskop.

callelibre.at

© Calle Libre

Wunderwelten

Solche farbgewaltigen Spuren mit folkloristischen Anklängen erschafft der Künstler Abel Macias, der ihre Wirkung als zutiefst emotional beschreibt: »Handgemalte Wandbilder kreieren Persönlichkeit und Intimität.« Tess Newall betont diese individuelle Dimension auch, wenn sie von der »Menschlichkeit« der Wandmalerei spricht. Dass jeder Pinselstrich sichtbar bleibt, ist für die Dekorationsmalerin kein Makel, sondern ihr eigentlicher Wert. Ein Effekt, der kein Zufall ist, sondern aus dem Dialog hervorgeht: »Wo sitzt man? Wie bewegt man sich durch den Raum? Wie fällt das Licht?«, fragt Macias. Aus diesen Beobachtungen entwickelt er Sujet, Maßstab und Dichte eines Entwurfs, sichtbar etwa in seiner Arbeit für das »Downtown L.A. Proper Hotel«, konzipiert von Kelly Wearstler. »In der Zusammenarbeit fügen sich alle Elemente. Durch sie erwacht der Ort zum Leben«, betont er. Newall nennt es einen »kollaborativen Prozess«.

Schließlich verdichtet sich alles im entscheidenden Medium – der Farbe. Mit ihr entstehen Erzählungen, Vögel fliegen über Decken, Rosen wachsen die Ecken hinauf. Für Ruth Mottershead, Kreativdirektorin von Little Greene, ist das nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine materialtechnische Frage. »Farben für Wandmalerei müssen hoch pigmentiert sein und eine besondere Tiefe haben«, weiß sie. Moderne Produkte wie die »Intelligent Paints« vereinen Grundierung und Deckanstrich, während Bindemittel über Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit entscheiden – ein Aspekt, der gerade in stark frequentierten Räumen wie Hotels oder Büros wichtig ist.

Wunderwelten. Abel Macias gestaltet Wandbilder, die Licht und Bewegung einbeziehen und Räume, wie im »Downtown L.A. Proper Hotel«, in eklektische Atmosphären tauchen.

abelmaciasstudio.com

© The Ingalls

Die Dekorationsmalerin. Für Tess Newall verbindet Wandmalerei Handwerk und Raumwirkung. Jeder sichtbare Pinselstrich erzählt eine Geschichte, betont die Architektur und macht Räume einzigartig.

tessnewall.com

© Tess Newal

Gemalte Atmosphäre

Beständige Wandkunst entsteht daher weniger aus kurzlebigen Trends als aus konstanten Elementen wie Ikonografie und Material. Macias’ und Newalls naturinspirierte Motive und Mottersheads Beobachtung, dass »Grüntöne prägend bleiben«, spiegeln die zeitlose Liebe zur Natur wider. Zugleich gewinnen laut der Kreativdirektorin von Little Greene satte Farbtöne, die Räume kraftvoll »umhüllen«, an Beliebtheit.

Und wie raumfüllend dunkle Farbe sein kann, zeigt ein Blick in den Corporate Space. Der österreichische Künstler Peter Jellitsch hat für Freshfields Bruckhaus Deringer eine Arbeit geschaffen, die Wandmalerei als architektonisches Bindeglied versteht. Im Gespräch mit dem Künstler beschreibt der Kunsthistoriker Andreas Maurer die Wirkung als »wellenhafte Bänder, die sich scheinbar mit endlos breiten Pinselstrichen über alle Stockwerke hinweg ziehen und das Gebäude subtil vom Erdgeschoss bis ins Dach verbinden.« Hier wird in abstrakter Bildsprache deutlich, was sich auch bei Macias’ floralen Motiven zeigt: Wandgemälde gestalten nicht nur Atmosphäre, sie strukturieren Räume, bündeln Ebenen und lenken Bewegung.

Malerei auf Mauern kann nach Ulrike Müller die Wahrnehmung aber auch bewusst irritieren: »Farbige Wände verkomplizieren das Verhältnis zwischen Figur und Grund innerhalb der Bilder und werfen Fragen danach auf, wo sie beginnen und enden«, so die Künstlerin einmal.

Am Ende zeigt sich: Wandmalerei war nie verschwunden, sie bekommt heute nur einen neuen Anstrich.

Little Greene. »Farbe ist ein besonders wirkungsvolles und zugleich zugängliches Mittel, um Räume zu verändern.«–Ruth Mottershead.

littlegreene.com

Foto beigestellt

The Conference of the Animals (A Mural), 2020. Ulrike Müllers Wandgemälde ist eine Neuinterpretation von Erich Kästners gleichnamigem, allegorischem Kinderbuch.

queensmuseum.org

© Hai Zhang

Großprojekt. Im Freshfields-Headquarter erstreckt sich Peter Jellitschs Wandmalerei über sechs Stockwerke und 150 Quadratmeter.

peterjellitsch.com

© Leonard Hilzensauer

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 3/2026

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Elisabeth Klokar
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