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© MAK/Christian Mendez

Vally Wieselthier im MAK: eine Ausstellung über Keramik, Moderne und Eigenständigkeit

Angewandte Kunst
Design
Designgeschichte
Wien

Mit »VALLY WIESELTHIER. Bild und Ton« eröffnet heute im MAK eine Ausstellung, die zeigt, wie expressiv, modern und eigenständig Keramik in der Wiener Werkstätte gedacht werden konnte.

»Tell these people who I am«

Porträt Vally Wieselthier, 1928

© MAK

»Tell these people who I am« soll Vally Wieselthier einst in einem Telegramm an Präsident Roosevelt geschrieben haben. Kaum ein Satz beschreibt den Anspruch dieser Künstlerin präziser. Geboren 1895 in Wien, ausgebildet bei Koloman Moser, Josef Hoffmann und Michael Powolny, wurde Wieselthier zu einer der eigenständigsten Stimmen der österreichischen Kunstkeramik. Mit »VALLY WIESELTHIER. Bild und Ton« rückt das MAK nun erstmals umfassend ihre Karriere in Europa und den Vereinigten Staaten in den Mittelpunkt.

Die Ausstellung zeigt eine Gestalterin, die die Grenzen der Gebrauchskeramik früh hinter sich ließ. Wieselthier entwarf Öfen, Brunnen, Wandfriese, Skulpturen, Textilien und grafische Arbeiten. Ihre Keramik war nie nur dekorativ, sondern körperhaft, farbstark und von großer Präsenz geprägt. Rund 160 Objekte aus europäischen Sammlungen und aus dem Nachlass der Künstlerin in den USA machen sichtbar, wie konsequent sie zwischen Wien und New York an einer eigenen Sprache arbeitete.

Zwischen Wiener Werkstätte und künstlerischer Freiheit

MAK Ausstellungsansicht, 2026
VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton
Zentraler Raum MAK Design Lab

© MAK/Christian Mendez

MAK Ausstellungsansicht, 2026
VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton
Vally Wieselthier, Hirsch mit spielenden Putten, nach 1925
Zentraler Raum MAK Design Lab

© MAK/Christian Mendez

1914 kam Wieselthier an die Wiener Kunstgewerbeschule, die heutige Universität für angewandte Kunst Wien. Dort studierte sie bei Koloman Moser, Josef Hoffmann, Michael Powolny und Rosalia Rothansl. Bereits 1917 holte Hoffmann sie in die Wiener Werkstätte, wo sie in der Künstlerwerkstätte mit unterschiedlichen Materialien experimentieren konnte. Die Wiener Werkstätte dachte Gestaltung als Gesamtkunstwerk. Wieselthier bewegte sich in diesem Umfeld mit großer Vielseitigkeit. Sie entwarf Keramiken, Glasdekore, Stoffmuster, Stickereien, Schmuck, Silberobjekte, Plakate und Werbeanzeigen. Ab 1927 leitete sie die Produktionsstätte der Wiener-Werkstätte-Keramik und entwickelte dort eine neue Form der Keramikskulptur, die expressiver und freier wirkte als vieles, was man bis dahin mit dem Material verband.

Keramik als Statement

Vally Wieselthier, Flora, 1928
Roter Scherben, mehrfarbig glasiert

Vally Wieselthier, Flora, 1928
Roter Scherben, mehrfarbig glasiert

© MAK/Georg Mayer

Wieselthiers Arbeiten lösen sich von der Vorstellung, Keramik müsse vor allem funktional oder gefällig sein. Ihre Figuren tragen intensive Farben, wilde Muster und eine Energie, die Mode, Tanz, Theater, Ornament und Skulptur miteinander verbindet.

Damit steht Wieselthier auch für ein neues Frauenbild der Zwischenkriegszeit. Ihre Figuren erscheinen souverän, unabhängig und selbstbestimmt. Zu den zentralen Arbeiten der Ausstellung zählt die 1928 entstandene Keramikfigur »Flora«, eine kniende Frau, deren Körper von orangefarbenen Blüten und blauen Schraffuren überzogen ist. Sie gilt als Schlüsselwerk expressiver Keramik und zeigt, wie stark Wieselthier Körper, Farbe und Oberfläche miteinander verband.

Eine Künstlerin, die sich selbst ins Bild setzte

Vally Wieselthier mit ihrer Keramik Modern Youth in einer Ausstellung der Vereinigung Contempora, New York, 1929, Fotografie

© MAK

Auffallend ist, wie häufig Wieselthier in ihren Figuren auch sich selbst zum Ausdruck brachte. Ihre Keramiken sind daher nicht nur Objekte, sondern künstlerische Selbstbehauptungen. Farbe, Geste und Körperlichkeit werden zu Mitteln, um eine eigenständige Persönlichkeit sichtbar zu machen. Auch ihre Biografie verweist auf diesen Willen zur Eigenständigkeit. Schon als Kind war Wieselthier sportlich außergewöhnlich erfolgreich, gewann Wettkämpfe im Schwimmen, Turmspringen, Tennis und Skilaufen und interessierte sich zugleich für Mode und Zeichnung. Später verstand sie es, Netzwerke zu nutzen, Aufträge zu gewinnen und ihr Werk selbstbewusst zu vermitteln.

Von Wien auf die internationale Bühne

MAK Ausstellungsansicht, 2026
VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton
Zentraler Raum MAK Design Lab

© MAK/Christian Mendez

MAK Ausstellungsansicht, 2026
VALLY WIESELTHIER: Bild und Ton
Zentraler Raum MAK Design Lab

© MAK/Christian Mendez

Internationale Aufmerksamkeit erhielt Wieselthier 1925 auf der »Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes« in Paris. Drei Jahre später reiste sie anlässlich der »International Exhibition of Ceramic Art« im Metropolitan Museum of Art nach New York und blieb schließlich in den USA. Einer ihrer frühen amerikanischen Aufträge führte sie direkt in die Architektur. Für den Architekten Ely Jacques Kahn gestaltete sie Lifttüren für ein Hochhaus in Manhattan. Die Motive erinnerten an ihre Stoffmuster aus der Wiener Werkstätte, während die geometrische Struktur den amerikanischen Art déco aufgriff. So verband sie ihre Wiener Herkunft mit der Formensprache New Yorks.

New York, Mode und ein unkonventioneller Unterrichtsstil

Vally Wieselthier, Entwurf für eine Handschuh-Auslage, New York um 1930,
Bleistift, Gouache auf Papier

© MAK

In den USA arbeitete Wieselthier nicht nur als Keramikerin. Sie war auch als Modedesignerin, Illustratorin, Schaufenstergestalterin und Lehrende tätig. Diese Breite zeigt, wie offen sie Gestaltung dachte. Material, Bild, Raum und Bewegung gingen bei ihr ineinander über. 1931 kehrte sie für einige Monate nach Wien zurück und wurde dort wie ein Star empfangen. Später kam es in den USA jedoch auch zu Konflikten. 1938 wurde sie an der Louisiana State University entlassen. Offiziell sollen kurze Hosen und ihr Hund in der Kantine eine Rolle gespielt haben, tatsächlich dürfte ihr unkonventioneller Unterrichtsstil der tiefere Grund gewesen sein. Wahrscheinlich entstand in diesem Zusammenhang jenes Telegramm an Präsident Roosevelt.

Eine Ausstellung über Sichtbarkeit

© MAK/Christian Mendez

»VALLY WIESELTHIER. Bild und Ton« richtet den Blick auf eine Künstlerin, die in ihrer Zeit selbstbewusst auftrat, international arbeitete und doch lange nicht jene Präsenz in der Kunstgeschichte hatte, die ihrem Werk entspricht. Das MAK zeigt nun, wie reich und eigenständig Wieselthiers Beitrag zur modernen Gestaltung war. Zwischen Wiener Werkstätte, amerikanischem Art déco, Keramikskulptur und Grafik entsteht das Porträt einer Künstlerin, die sich nicht einordnen ließ und deren Formensprache bis heute erstaunlich direkt wirkt.

VALLY WIESELTHIER. Bild und Ton

MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
29. April 2026 bis 10. Jänner 2027
Eröffnung am 28. April 2026, 19 Uhr
Ausstellungsort: Zentraler Raum MAK Design Lab
Öffnungszeiten: Di 10 bis 21 Uhr, Mi bis So 10 bis 18 Uhr
Kurator*innen: Rainald Franz und Anne-Katrin Rossberg
Rahmenprogramm: MAK.at

Sebastian Krebitz
Sebastian Krebitz
Autor
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