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Zwischen Reduktion und Komplexität: Designstudio »Milani« im Interview

Interview
Designer
Produktdesign
Innovation

Was technisch anspruchsvoll ist, soll sich mühelos anfühlen, was komplex gedacht, selbstverständlich funktionieren. Und was nachhaltig ist, darf auch gut aussehen. Das führende Schweizer Designstudio Milani realisierte bereits über 4.100 Projekte – von Produktdesign über MedTech bis zu Interiors und Mobilität. Ein Gespräch mit dem Führungsduo.

Albert Einstein brachte eine der größten Herausforderungen des Designs auf den Punkt: Man soll alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher. Und genauso verläuft heute die Linie der kreativen Gestaltung – zwischen Reduktion und Detailfinesse, zwischen Klarheit und Vereinfachung. Zudem ist Design längst mehr als Form, Funktion und Stil. Es ist ein komplexer Denkprozess, der wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Fragen miteinander verknüpft. In diesem Spannungsfeld der Industrie und Lebenswelt, der technischen Präzision und menschlichen Erfahrung, arbeitet das renommierte Schweizer Designstudio Milani.

Gegründet wurde es vom legendären, kürzlich verstorbenen Avantgardisten Francesco Milani, der einst auch Erfinder der ikonischen Tetraeder-Verpackungen für die Milchwirtschaft war. Das Management-Duo Therese Naef als CEO und Peter Kancsár, Lead UX und Mitglied der Geschäftsleitung, sprechen im LIVING-Interview über Design als kulturelle Praxis und über eine neue Intelligenz der Gestaltung, die Komplexität nicht vermeidet, sondern beherrscht.

Feurige Möbel
Für Buderus entwarf Milani Kaminöfen als innovative Objekte, die Flamme und Licht kunstvoll in Szene setzt.

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Design auf Augenhöhe
Ein innovativer Waschtisch für Romay, der auf Ergonomie und Nachhaltigkeit setzt.

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LIVING Als Designer:innen gestalten Sie einen erstaunlich breiten Kosmos – von innovativen Tools in der Medizin über Seilbahnkabinen und Möbel bis zu ganzen Interiors. Was verbindet all diese Arbeiten?

Therese Naef Am Ende ist es immer der Mensch. Unabhängig von Branche oder Maßstab gestalten wir Erlebnisse, die seinen Alltag leichter und freudvoller machen.Wir sprechen oft von charmanten Lösungen, also durchdacht und nah am Menschen. Das verbindet ein Medizingerät mit einem Raum oder einem Möbelstück.

Peter Kancsár Was unsere Projekte auch vereint, ist die systemische Sicht. Ein Produkt ist nie nur ein Objekt, ein Raum nie nur eine Hülle. Beides ist Teil eines größeren Gefüges aus Nutzung, Wirtschaftlichkeit, Technik und Verantwortung. Diese Haltung erlaubt es uns, unterschiedliche Aufgaben mit derselben Konsequenz und Tiefe zu bearbeiten.

Worin besteht Ihrer Ansicht nach die neue Intelligenz des Designs?

Naef Die Welt hat sich stark verändert, Design steht heute vor neuen Herausforderungen. Auf der einen Seite eröffnen technologische Entwicklungen enorme Möglichkeiten, sie verändern, wie wir entwerfen, analysieren und Entscheidungen treffen. Gleichzeitig beobachten wir ein wachsendes Bedürfnis nach dem Gegenpol: nach haptischem Erleben, nach Materialität, Dingen und Räumen, die man spürt und versteht. Die neue Intelligenz des Designs liegt für uns genau in diesem Spannungsfeld.

Kancsár Design wird zur Übersetzungs-arbeit zwischen Mensch und Technik und Nachhaltigkeit ein struktureller Bestandteil.

Kaffeehaus auf Schienen
Im Auftrag von Starbucks und der Schweizer Bundesbahnen gestaltete Milani das erste mobile Coffeehouse im Zug.

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Wo beginnt für Sie nachhaltiges Design?

Naef Mit dem Stellen der richtigen Frage: Wo liegt der größte Hebel, um den ökologischen Impact wirksam zu reduzieren? Dabei ist ein systematischer Ansatz zentral: Man muss verstehen, welchen Einfluss ein Produkt auf die Umwelt hat, in allen Phasen des Lebenszyklus, von den Materialien, der Produktionsweise und dem Transport, bis zur Anwendung und zum End-of-Life ...

Kancsár Manchmal sind intuitive Annahmen trügerisch! Kunststoff ist nicht per se schlecht, genauso wenig ist »bio« auto-matisch nachhaltig. Unsere Designprinzipien helfen uns, die Zusammenhänge bereits in der Konzeptphase gemeinsam mit den Kund:innen strukturiert zu betrachten. Ökobilanzen und Lebenszyklus-Analysen geben zusätzlich eine faktenbasierte Basis für die weitere Arbeit.

Design ist kein Styling, sondern ein Strategietool. Wer das versteht, diskutiert nicht mehr nur über den Preis, sondern über den Wert.
– Therese Naef

Ihre Arbeiten wirken oft reduziert und zugleich sehr präsent. Welche Rolle spielt Materialität dabei?

Naef Eine zentrale. Design muss sich richtig anfühlen, nicht nur gut aussehen. Haptik, Gewicht und Proportionen entscheiden darüber, ob Vertrauen entsteht und Qualität spürbar wird. Gerade in einer zunehmend digitalen Welt gewinnt die physische Präsenz wieder an Bedeutung. Materialien dürfen altern, Spuren annehmen, Charakter entwickeln. Das macht sie glaubwürdig.

Design ist bei Milani immer auch Teamwork. Warum ist dieser kollektive Ansatz so entscheidend?

Kancsár Weil Komplexität nicht von Einzelnen bewältigt werden kann. Gute Gestaltung entsteht im Dialog zwischen unterschiedlichen Disziplinen, Erfahrungen und Denkweisen. Dieser Austausch ist für uns keine Kür, sondern Voraussetzung.

NAEF Design ist People-Business. Vertrauen, Austausch und auch Reibung sind essenziell. Unsere Teams arbeiten interdisziplinär, weil nur so Lösungen entstehen, die technisch, wirtschaftlich und menschlich tragen.

Smarter Schlafwächter
»Sandy« heißt das Babyphone mit HD-Nachtsichtkamera, Temperatursensor und App- sowie Touchscreen-Steuerung.

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Kochen mit Köpfchen
Mit den Kochtopfserien »intensa« und »solea« schaffte Milani für Fissler eine Weltneuheit. Ein farbwechselnder Temperaturanzeiger und intelligente Deckel sorgen für Energieeffizienz.

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Gibt es Projekte, wo Sie besonders viel gelernt haben – gerade, weil nicht alles reibungslos lief?

Naef Natürlich. Gerade dort, wo Annahmen hinterfragt oder verworfen werden müssen, entstehen neue Erkenntnisse. Projekte mit Reibung sind oft die lehrreichsten.

Kancsár Eine offene Fehlerkultur ist essenziell. Design lebt davon, Hypothesen zu testen, zu verwerfen und neu zu denken. Wer Fehler vermeiden will, vermeidet am Ende auch Innovation.

Sie haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Was bedeutet Ihnen Anerkennung?

Naef Anerkennung ist Rückenwind, aber auch eine Verpflichtung, konsequent zu bleiben. Sie bestätigt unsere Haltung und erinnert uns daran, dass wir Verantwortung für das haben, was wir in die Welt bringen.

Welche Entwicklungen – technologisch oder gesellschaftlich – werden das Design der kommenden Jahre am stärksten beeinflussen?

Kancsár Kreislaufdenken, Impact-Analyse und neue Technologien wie KI. Gleichzeitig der Gegentrend: Materialität und Handwerk werden wieder wichtiger. Die physische Präsenz als Ausgleich zur digitalen Welt.

Stilvoller Genuss
Das CoffeeCenter, für V-ZUG entworfen, ist ein integrierbarer Einbau-Kaffeevollautomat.

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Welche Annahme über Design würden Sie gern aus der Welt schaffen?

Kancsár Dass Design die Dinge »aufhübscht«. Gute Gestaltung verändert Systeme, Prozesse und letztlich auch Verhalten.

Was sollen Menschen empfinden, wenn sie ein Produkt oder einen Raum von Milani erleben?

Naef Freude und das Gefühl, dass es den eigenen Alltag bereichert.

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 1/2026

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Susanna Pikhart
Autor
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