Wiens Supergrätzl
In »Superblocks«, strategisch angelegten Vierteln, weichen Verkehr, Lärm und Asphalt grünen Erholungs-und Begegnungszonen. Mit dem »Supergrätzl« setzt auch die Stadt Wien ein Zeichen für lebenswertere urbane Räume.
Bäume statt Ampeln, Sitzbänke statt Autos und Ruhe statt Straßenlärm: Was derzeit im Wiener Gemeindebezirk Favoriten Gestalt annimmt, wird von der Stadt klingend als »Supergrätzl« tituliert. Hinter diesem Begriff steht ein Konzept, das darauf abzielt, urbanen Raum in einen Ort zu transformieren, der Klima, Lebensqualität und Gesundheit verbessern kann.
Mikrofreiräume
EGKK stattet das »Supergrätzl« mit begrünten Mikrofreiräumen mit Nebeldüsen, Sitz- und Spielinseln für die Nachbarschaft aus.
egkk.at
Grüne Achse
Das »Supergrätzl« verwandelt Gudrunstraße, Leebgasse, Quellenstraße und Neilreichgasse in Wien-Favoriten in eine grüne Erholungs- und Begegnungszone.
wien.gv.at
Grüne Inseln im urbanen Strom
Realisiert wird das Projekt der Stadt Wien von EGKK, einem renommierten Ingenieurbüro für Landschaftsarchitektur. Ihr »Supergrätzl« ist ein ganzheitliches Konzept für den öffentlichen Raum von morgen, erklärt DI Clemens Kolar, Co-Geschäftsführer bei EGKK Landschaftsarchitektur: »Das ›Supergrätzl‹ ist das zweite Wohnzimmer der Nachbarschaft – klimafit, grün, sozial – und stellt Menschen einen bisher nicht nutzbaren Raum zur Verfügung.« Für die Umgestaltung, die von Fassade bis Fassade reicht, denkt EGKK die Fläche neu. Der klassische Straßenquerschnitt wird aufgelöst und neu konzipiert – mit mehr Grünflächen, breiten Gehbereichen, hellen Belägen sowie Aufenthalts- und Mikrofreiräumen mit Nebeldüsen, Sitz-und Spielgelegenheiten.
Diese Umgestaltung birgt aber auch Herausforderungen, verrät der Landschaftsarchitekt: »Die Hürden liegen vor allem im Untergrund, wo Versorgungsleitungen wie Kanäle, Strom, Fernwärme und Gas liegen.« Grünflächen mit Bäumen müssen im Dialog mit der bestehenden Infrastruktur entwickelt werden. Zentral ist dabei die Schwammstadt, bei der Grün- oder Retentionsflächen das Regenwasser aufsaugen, speichern oder verdunsten lassen. Das kühlt die Stadt, stärkt das Grundwasser und entlastet Kanäle. Hinzu kommt die Notwendigkeit, trotz neuer Begrünung die Zufahrt für Müllabfuhr und Einsatzfahrzeuge oder zu Garagen zu gewährleisten.
Grüne Hauptdarsteller
Neue Bäume kühlen, filtern die Luft und schaffen Wohlfühlorte. Pflanzungen in vorher versiegelten Böden sind allerdings anspruchsvoll.
Superblocks
In Barcelonas »Super-Manzanas« treffen verkehrsberuhigte Straßen auf Pocket-Parks und breite Wege für Fuß- und Radverkehr.
ajuntament.barcelona.cat
Andere Länder, ähnliche Konzepte
Für die Umsetzung des »Supergrätzls« greift EGKK nicht nur auf eigenes Wissen zurück, auch Lösungen anderer Länder finden Beachtung – eine Vorreiterrolle nimmt dabei Barcelona ein. Dort begann man bereits in den 1990ern damit, sogenannte »Super-Manzanas« zu errichten. »Hierbei werden dreimal drei Häuserblöcke zusammengelegt, verkehrsberuhigt und für die Nachbarschaft aktiviert«, erläutert Clemens Kolar. Bis 2030 sollen 503 dieser Viertel entstehen, die sich durch geringere Stickstoffdioxidwerte, weniger Lärm, Hitze und mehr Aktivmobilität auszeichnen. Eine 2020 in »Environment International« veröffentlichte Studie geht davon aus, dass diese 503 Super-Manzanas pro Jahr 667 vorzeitige Todesfälle verhindern könnten. Außerdem zeigt sich, dass sich der Verkehr solcher Areale nicht in Nebenstraßen verlagert, sondern insgesamt zurückgeht, da Einwohner:innen auf Alternativen umsteigen.
Ähnliche Erfolge stellten sich auch in anderen Städten ein, die derartige Maßnahmen setzten – etwa in Seoul. 2005 verwandelte die südkoreanische Hauptstadt eine Stadtautobahn, auf der täglich Zigtausende Autos fuhren, in die Flusspromenade Cheonggyecheon, heute beliebtes Trendviertel. Zugleich kühlt das Areal dank des Wasserlaufs und der Vegetation die Umgebung spürbar, verbessert dabei die Luftqualität und bietet Hochwasserschutz. Auch die Biodiversität vor Ort stieg nach der Transformation um 639 Prozent.
Trotz der räumlichen Distanz eint diese Projekte ein Ziel: das Bestreben, urbane Räume zu schaffen, die Wohlbefinden und Gesundheit des Menschen in den Mittelpunkt rücken.
Viertel am Fluss
Seoul ersetzte eine Stadtautobahn durch den restaurierten, klimafreundlichen Cheonggyecheon-Fluss mit Promenaden.
english.seoul.go.kr
Stadt von morgen
Im Bahnhofsviertel Utrecht entstanden das weltweit größte Radparkhaus und der Catharijnesingel-Kanal anstelle einer Straße.
utrecht.nl