Wohntrends 2025: Wie Tradition, Technologie und Experimentierfreude im kommenden Jahr unsere Räume prägen
Was tut sich 2025 beim Wohnen? Welche Designs prägen unsere Räume und welche Materialien und Techniken setzen neue Impulse? Die Expert:innen vom Stilbüro haben drei wichtige Strömungen destilliert, die das Wohnambiente in den kommenden Jahren prägen werden und glücklicherweise auch gleich benannt: »Real«, »Deep« und »Ease«.
In der Psychologie taucht dann und wann der Begriff »der dritten Haut« auf. Die Metapher meint dabei ein körpernahes Verständnis von Wohnen. Analog zur Erweiterung der »ersten Haut« um textile Umhüllungen, die Kleidung sozusagen, verweist die »dritte Haut« auf Bereiche wie Architektur, Wohnen und Einrichtung. Häuser, Baustile und Interior lassen sich so auch als Ausdruck unserer psychischen Grundbedürfnisse verstehen. Oder anders: Die Welt der Architektur und des Interiors ist ein Spiegel der Gesellschaft. Dazu zählen auch Trends. Die sind – man muss es vorab immer wieder betonen – immer auch ein bisschen ein Interpretations-Balanceakt zwischen Vision und Spekulation. Aber es ist eben diese Ambivalenz, die Trends und Blicke in die (mögliche) Zukunft so faszinierend machen. Man kann sie nämlich auch als Abbild unserer Sehnsüchte, Probleme, Freuden und Ängste interpretieren. Und die spiegeln sich vor allem im Schlüsselthema Nummer eins, der Nachhaltigkeit, wider: »Die Suche nach ressourcenschonenden Werkstoffen und umweltfreundlichen Technologien bei der Herstellung bleibt sicher der wichtigste Haupttrend«, erklärt Claudia Herke. Herke ist Teil des deutschen Forecast- und Consulting-Unternehmens Stilbüro und spürt gemeinsam mit ihren Gründer-Kolleg:innen Annetta Palmisano und Cem Bora seismographisch Veränderungen, Strömungen und Tendenzen in der Design- und Interior-Branche auf.
Gutes Ambiente
Das Trio hat nach Markt- und Messeanalysen drei wichtige Strömungen destilliert, die das Wohnambiente in den kommenden Jahren prägen werden und glücklicherweise auch gleich benannt: »Real«, »Deep« und »Ease« werden uns in nächster Zeit beschäftigen. »Der Ambiente-Trend ›Real‹ zeigt mit seiner konzentrierten Materialfindung, den ästhetischen, funktionalen Entwicklungen und der Neubewertung von Bewährtem nicht nur Ingenieursgeist, sondern auch Zuversicht und Inspiration«, erklärt Herke, die dann auch bei »Deep« und »Ease« ins Detail geht. So unterstützt »Deep« etwa eine warme, sensible, wertschätzende Wohnumgebung, in der Handwerk und Natur eine wesentliche Rolle spielen. Und bei »Ease« zeigt man sich offen für Werkstoff- und Gestaltungsexperimente. »Die Designs spiegeln hier mit Farbstatements und unkonventioneller Ideen-Vielfalt pure Freude«, fasst es Annetta Palmisano vom Stilbüro zusammen.
Surreal, aber schön
Eine Strömung, die sich perfekt in die aktuelle Entwicklung einfügt und schon seit einiger Zeit in der Luft liegt, ist der Surrealismus. Vor genau 100 Jahren brachte der Franzose André Breton sein wegweisendes »Manifest des Surrealismus« heraus – und prägte damit eine Bewegung, die Kunst und Denken revolutionierte. Passend zu diesem Jubiläum erleben surrealistische Ansätze nun ein kraftvolles Revival, das sich nicht nur in der Kunst, sondern auch im Design zeigt. Dass diese Wiederentdeckung in eine Zeit fällt, die von Krisen und Unsicherheiten geprägt ist, lädt geradezu dazu ein, gesellschaftliche Zusammenhänge hier mit hineinzuinterpretieren. Die Sehnsucht, Grenzen zwischen rationalem Denken und der Welt des Unbewussten zu verschieben, scheint jedenfalls tief verankert zu sein. So sehr, dass die renommierte Pariser Wohn- und Interiormesse Maison et Objet als Leitthema für Jänner 2025 »Sur/Reality« ausgegeben hat. Denn eines ist klar: surrealistisches Design irritiert, inspiriert – und hinterlässt bleibenden Eindruck. Nicht zuletzt, weil hier mit traumwandlerischer Sicherheit die Grenzen bei Formen- und Farbensprache ebenso wie bei Materialfragen regelmäßig überschritten werden. »Generell werden uns 2025 experimentelle und staunenswerte Gestaltungen sowie neue und unüblich eingesetzte Materialien überraschen«, meint Claudia Herke dazu und ihre Kollegin Annetta Palmisano macht noch einmal den Zusammenhang deutlich: »Das Experimentieren mit Materialien rückt neue oder bislang weniger beachtete, unkonventionelle Werkstoffe in den Blickpunkt. Die Materialfindung beeinflusst natürlich auch die Formensprache und öffnet einen Designweg auch für mehr experimentelle und organische Formen.«
Aber nicht nur surreale Stücke zeigen dabei eine starke Präsenz in Form und Material. Intensive Gestaltungen definieren etwa auch das Trendthema »Deep«. Das führt nicht selten zu skulpturalen Stücken, die aus Holz, Stein, Keramik, Glas oder auch Metall gemacht sind und künstlerisches Empfinden mit perfekter handwerklicher Qualität vereinen. »Generell erfahren unterschiedlichen Handwerkstechniken gerade ein besonderes Interesse. Und auch die junge Design-Generation betrachtet Handwerkstechniken wertschätzend. Daraus entsteht eine überraschende und oft spielerische Ästhetik. Insbesondere Keramik erfährt seit einiger Zeit eine große Aufmerksamkeit«, erörtert Annetta Palmisano.
Annetta Palmisano, Cem Bora und Claudia Herke (v. l.) sind die Masterminds hinter der Frankfurter Trendscout- und Consulting-Agentur Stilbüro. Sie schicken Mitarbeiter:innen weltweit auf Streife, um die Stimmungen und Bedürfnisse der Gegenwart aufzuspüren, die sich in Design und Gestaltung widerspiegeln. Gespräche mit Kreativen, Studio- und Werkstatt-Besuche bilden die Basis für treffenden Analysen. stilbuero-bhp.de
Design trifft Technik
Gewissermaßen konträr zu dieser Liebe und Wertschätzung guter alter Handwerkstraditionen steht das weite Feld der Technik. »Die Verbindung von Technologie und Design wird ein dynamisches Konzept bleiben und unsere Wahrnehmung von Möbeln, Räumen und Haushaltsgeräten weiter verändern«, führt Claudia Herke aus. Und tatsächlich, wie sich Technologie und Design gegen gegenseitig zur Höchstform auflaufen lassen, zeigen bereits viele Entwicklungen. »Smarte Lösungen im Zuhause werden weiterhin überraschen und das Zusammenspiel von Technologie und Design wird traditionelle Designgrenzen überschreiten«, fügt Herkes Kollegin Palmisano hinzu. Ein erster Blick in diese spannende Zukunft lässt sich schon heute werfen: Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die kreative Verbindung von Technik und Design ist die »Brightcell Air«-Lampe, entworfen vom iranischen Designer Hamed Mahzoon.
Licht und Luft
Dieses Lichtobjekt ist nicht nur optisch ein Highlight, dessen organische Formensprache an menschliche Blutzellen erinnert, sondern auch ein Luftreiniger. Die Lampe vereint Ästhetik und Funktionalität auf elegante Weise: Sie spendet Licht und sorgt zugleich für eine gesunde Raumluft. Solche Entwicklungen sind mehr als nur technologische Spielereien – sie greifen die Bedürfnisse unserer Zeit auf. Gerade die Pandemie hat das Bewusstsein für Luftqualität und Hygiene geschärft. Eine Lampe, die zugleich die Luft reinigt, ist daher nicht nur praktisch, sondern auch Ausdruck eines neuen Sicherheitsdenkens. Sie zeigt, wie unser Zuhause als »dritte Haut« nicht nur physisch schützt, sondern auch psychologisch stärkt, indem es Komfort, Hygiene und emotionales Wohlbefinden in Balance bringt.