Verkostung bei Toni Mörwald: Bei der TOUR DE VIN treffen Raritäten von Wagram und Bolgheri aufeinander.
© Àngeles Hiedler
Nische trifft Nicchio – Raritäten von Wagram und Bolgheri im Wein-Dialog
Zwei Vertikalen, zwei Liebhaber rarer Sorten: Lodovico Antinori und Johannes Fritz unterstrichen die Rolle, die der »Mörwald Gutshof« für Weinkenner spielt. Ein spezielles »TOUR DE VIN«-Event, das auch Flagge gegen konsumfeindlichen Zeitgeist zeigte.
von Roland Graf
15. Mai 2026
Auf den ersten Blick war es ein ungewöhnliches Tandem: Da der Erneuerer des Roten Veltliners, dort der Star aus der Maremma, der Bolgheri mit Kultweinen überhaupt erst auf die Weinlandkarte setzte. Doch Johannes Fritz und Lodovico Antinori verbindet doch mehr als gedacht. Zum einen die Freundschaft mit dem Kellermeister von Antinoris jüngstem Projekt, der »Tenuta del Nicchio«. Mit Andreas Fuchsberger hat er in Geisenheim studiert, wobei sich beide nun in den Dienst rarer Rebsorten stellen. Vier Jahrgänge ihrer Aushängeschilder wurden bei Toni Mörwald verkostet. Der »Grand Chef«, der Feuersbrunn dank der Lage zwischen sechs Anbaugebieten als Nabel der heimischen Weinwelt sieht, fühlte sich an diesem Nachmittag bestätigt.
Wein-Stil als Familien-Sache
Den Wagramer Auftakt bestritt dabei »local hero« Johannes Fritz. Der Sohn des Sortenspezialisten Josef Fritz hat vom Vater die Leidenschaft für den Roten Veltliner geerbt. Das wird in seinen Ausführungen schnell klar, die er der zum Glück wieder stärker ausgepflanzten endemischen Rebsorte widmet. Und doch geht er einen etwas anderen Weg als Josef Fritz. Das unterstreicht der Name ihres gemeinsam selektionieren Flaggschiffs »Josef vs. Johannes«. Wobei: »Versus muss nicht immer als Gegensatz verstanden werden«. Denn die Unterschiede der notorisch schwierigen Sorte im Weingarten, die schnell einmal überreif und säurearm gerät, geben viel Spielraum. »Der Rote Veltliner ist eigentlich in sich ein Gemischter Satz«, brachte es Johannes Fritz auf den Punkt.
Die Unterschiede der Jahrgänge vom erwartbar großartigen 2021er bis zum deutlich hellfruchtigeren und würzigeren 2023er (ein Favorit des 27-jährigen Fritz) waren der Stoff für Kenner. Natascha Quester (»Am Hof 8«), Franz Haslinger (»Weinschenke«) oder »P. M. Mounier«-Chef Benjamin Leitner waren in ihrem Element. Denn auch der spezielle Weg zu diesem Wein ließ sich gut nachvollziehen: Gemeinsam kosten Vater und Sohn den besten Vertreter heraus. Fritz, der Jüngere, präferiert dabei »alte, kleine Holzfässer«, die nur mehr wenig Geschmackseintrag liefern.

Fine Wine aus der Nordlage
Die Barriques spielen auch bei jenem Rotwein eine Rolle, der viele Weinfreunde zur Verkostung gelockt hatte. 10.000 Flaschen gibt es pro Jahrgang von jenem Wein, der den Namen seines weltbekannten Kreators trägt: »Lodovico«, das Flaggschiff der »Tenuta del Nicchio«, die Lodovico Antinori mit seiner Tochter Sophia in Bolgheri führt. Dass es heute 70 Weingüter in der Region gibt, die man früher allenfalls für Rosé kannte, ist auch das Verdienst Antinoris, wie Weingutsleiterin Elisabeth Finkbeiner erinnerte. Als Visionär kennzeichneten ihn nicht nur ihre Anekdoten, sondern auch die Lage der 12 Hektar Rebfläche – sie sind 2002 erhöht und mit teils nördlicher Ausrichtung gepflanzt worden.
Mit der Fassprobe des »Le Due Ville«, den man nicht als Zweitwein sieht, startete der italienische Teil der Probe. Hier bringt man neben den Bordeaux-Sorten auch Cilegiolo als alte Toskana-Traube wieder zu Ehren. Bereits hier zeigt sich ein Muster, das auch beim »grand vin« wiederkehren wird. Praktisch kein merklicher Gerbstoff bereits in der Jugend und ein seidiges Mundgefühl widerlegen die Vorurteilen gegen den ruppigen und bisweilen herbal-ruppigen Cabernet Franc.
Hommage an Michel Rolland
Ehe es ans Verkosten der »Lodovico«-Jahrgänge 2013, 2016, 2018 und 2021 ging, wurde noch kurz jenes Mannes gedacht, der den Jahrgang noch vor seiner Abfüllung für gut befunden hatte. „Michel Rolland war im Februar noch beim Verkosten dabei“, erinnerte Andreas Fuchsberger an den legendären »Flying Winemaker« aus Bordeaux.
In gewisser Weise bringt das letzte Projekt von Marchese Lodovico Antinori die Vorgangsweise zurück, mit der er »Super-Tuscans« wie Ornellaia geschaffen hat: Internationale Rebsorten und eine »deklassierte« Einordnung als Toscana IGT. In diesem Fall ist es der Cabernet Franc, der die Hauptrolle auf den höher gelegenen Parzellen der Tenuta spielt. Ein wenig Merlot wird je nach Jahrgang zugefügt, aber im Grunde widmet sich »Lodovico« dem Potential des Cabernet Franc: »Ich will einen Wein machen, der Ecken und Kanten hat wie ich«, lautet die Vorgabe. Und auch der Rat an seinen jungen Südtiroler Önologen zeugt vom Vertrauen auf die lange Erfahrung: »Verlasst euch nicht nur auf die Analysen, kostet vor allem die Trauben!«

Herzstück: Großes »Bellaria«-Kino
Das dürfte 2021 ideal der Fall gewesen sein (hier fungierte noch Helena Lindberg als Kellermeisterin). Mit Kornellkische und Cranberry ist ein Rückgrat an Frucht da, der Rest ist bereits jetzt toll verwoben und beeindruckt vor allem mit der bereits beim »Le Due Ville« erwähnten Textur. Dass heiße Jahr 2013 bildete sich in der Lese von der sechs Hektar große Einzellage »Vigna Lodovico« ab. Druck voll und mit dunkler Beerenfrucht hingegen zeigte sich die Flasche aus dem Jahrgang 2015.
Generell hat die als Teil der größeren Lage »Bellaria« zu sehende Parzelle in gleichmäßigen Jahren ihre besten Ergebnisse zu verzeichnen. Das war etwa beim 2019er der Fall. Hier sorgte der Cabernet Franc für hochwertige Würzigkeit – man denkt an Gewürzpaprika und Piment Sie hallte auch ungewöhnlich lange nach. So wie die Gespräche bei diesem »TOUR DE VIN«-Highlight!
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