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Lagom: Das Geheimnis der schwedischen Lebenskunst

Schweden
Skandinavien

Nach »Hygge«, der dänischen Gemütlichkeitsphilosophie, kommt mit »Lagom« ein Konzept aus Schweden, das weit über Kerzen und Wollsocken hinausgeht: Wir streben danach, in allen Bereichen des Lebens die Balance zu finden.

Ausgeglichen, zeitlos gekleidet und fit bis ins hohe Alter: So wirken die Schweden, wenn man ihnen in den Stockholmer Straßen oder auf einer einsamen Schäreninsel begegnet. Das ist natürlich eine maßlose Verallgemeinerung, aber selbst nach zehn Jahren in diesem Land erkenne ich eine gewisse Leichtigkeit unter seinen Bewohnern.

Dazu tragen mehrere Dinge bei, etwa ein weit verbreitetes Gesundheitsbewusstsein, eine starke Naturverbundenheit, das gesetzlich verankerte Anrecht auf vier zusammenhängende Urlaubswochen im Hochsommer – und die Lebensart namens »Lagom«.

Gerade richtig

Dieser Begriff, der sich nicht direkt ins Deutsche übersetzen lässt, steht für das goldene Mittelmaß zwischen zu viel und zu wenig – gerade richtig. Er kommt vom altschwedischen »laghum«, was »dem Gesetz entsprechend« bedeutet. Heute denkt aber keiner mehr an die Juristerei, wenn er »Lagom« hört, sondern an Harmonie, Mäßigung und Nachhaltigkeit.

 

Es ist, als ob die Schweden eine unausgesprochene Abmachung untereinander haben, dass alle nach Balance streben.

 

Längst lässt sich das Wort auf alle Bereiche des Lebens übertragen. Und je mehr man in seinem Leben »lagom« macht, so scheint es, desto glücklicher und entspannter wird man, vor allem in einer Zeit, in der alles auf ein Mehr an Besitz, Tempo und Lautstärke ausgerichtet ist.

Es ist, als ob die Schweden eine unausgesprochene Abmachung untereinander haben, dass alle nach Balance streben: Der Kaffee am Morgen sollte »lagom« stark sein (aufwecken, aber nicht überdrehen), die Portion des Mittagessens »lagom« groß (sättigend, aber nicht überfüllend), und am Abend trinkt man »lagom« (nicht so viel, dass man am nächsten Tag Kopfschmerzen hat).

Work-Life-Balance

Im Job werden regelmäßig Pausen eingelegt, und wer schon viel auf dem Tisch hat, sagt auch mal Nein zu einer weiteren Aufgabe. Der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit hat einen hohen Stellenwert. Denn man ist sich einig: Wer sich Zeit zum Ausruhen nimmt, ist hinterher wieder produktiver.

Nach Lagom wird auch gestrebt, wenn es um persönliche Beziehungen geht. Unter den Schweden ist es üblich, sich beim Verabschieden von Freunden und Verwandten mit »Tack för idag« (»Danke für heute«) für die gemeinsam verbrachten Stunden zu bedanken.

Damit treffen sie die goldene Mitte der Höflichkeit: Man zeigt Anerkennung und nimmt die Zeit nicht als selbstverständlich an, ist aber auch nicht zu überschwänglich.

Bunte Häuser im schwedischen Fischerdorf Smogen
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Bunte Häuser im schwedischen Fischerdorf Smogen

Historisch gewachsen

Der aus Nordschweden stammende Journalist Göran Everdahl geht dem Konzept in seinem »Lagom-Buch« auf den Grund (»Boken om lagom«; auch auf Englisch erschienen: »The Book of Lagom – The Swedish way of living just right«).

Er beschreibt nicht nur nützliche Anwendungsbereiche wie Essen, Wohnen und Reisen, sondern schildert historische Ereignisse, die das »Lagom-Land«, wie sich Schweden selbst leicht ironisch nennt, geprägt haben.

Hierarchieabbau

Da gab es zum Beispiel die Du-Reform um 1970, seit der auch wildfremde Schweden einander duzen und mit dem Vornamen ansprechen und anschreiben. Vorher gab es kein einheitliches »Sie«, sondern ein komplexes System aus Titeln und Namen. Weil Titel eine Ungleichheit schaffen, sind sie gar nicht »lagom« und werden im Alltag nicht verwendet.

In Lagom steckt aber auch ein Streben nach Fairness: »Seine Steuern zu bezahlen und sich an Warteschlangen hinten anzustellen, sind in unserem Land nahezu heilige Handlungen«, beobachtet Everdahl. »Der alte Gerechtigkeitsgedanke verstärkte sich im 20. Jahrhundert, als Schweden unter der langen Regierungszeit der Sozialdemokraten modernisiert wurde.«

Schwedische Moderne

Eine Frucht dieser Zeit war – neben dem Wohlfahrtsstaat (»folkhemmet«) und dem Abkommen von Saltsjöbaden, das den Grundstein für eine konstruktive Beziehung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern gelegt hat – die typisch schwedische, schlichte Formensprache in der Einrichtung.

Typisch skandinavisches Zimmerdesign in einem IKEA-Showroom
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Typisch skandinavisches Zimmerdesign in einem IKEA-Showroom

Im Jahr 1930 fand nämlich die Stockholmer Ausstellung für Architektur, Design und Kunsthandwerk statt, die den Durchbruch der Moderne in Schweden markierte. Die Architekten schlugen funktional gebaute und hell eingerichtete Wohnungen vor, deren Möbel sowohl ansprechend als auch massenweise produzierbar waren. Klingt nach IKEA? Als Ingvar Kamprad (1926–2018) im Jahr 1947 seine ersten Möbel verkaufte, war das Konzept des demokratischen Designs schon weiter ausgereift, und bis heute steckt es dem Möbelriesen in den Genen.

 

Die Schweden wollen glücklich und entspannt sein. Gerade in einer Zeit, in der alles
auf ein mehr an Besitz und Tempo ausgerichtet
ist.

 

Lagom zu wohnen kann bedeuten, dass man zwar die größeren Stücke in zurückhaltenden Farben wählt, dafür aber mit wohldosierten gemusterten Wohnaccessoires seine Persönlichkeit ausdrückt. Und natürlich gilt auch bei der Menge der Habseligkeiten das Lagom-Prinzip: Man schafft an, was man benötigt, ohne sich zu überladen. Was nicht mehr gebraucht wird, findet aus zweiter Hand einen neuen Besitzer.

Feinsinnig – oder fad?

Doch die Schweden üben auch Selbstkritik, und so sind Stimmen zu hören, die in Lagom ein Rezept der Langeweile sehen. Minimalismus und weiße Möbel in allen Ehren: »Gleichzeitig will man es sich auch einfach mit einer Tasse Kaffee gemütlich machen – vielleicht sogar in einem Ecksofa, das mit braunem Kordstoff bezogen ist«, schreibt Everdahl. »Aber das wird problematisch, wenn man mit dem Fortschritt mithalten will. Und das wollen wir Schweden. Wir nutzen jede Gelegenheit, um das Alte rauszuschmeißen und etwas Neues auszuprobieren.«

Heute hat das schwedische Wort »lag« übrigens zwei Bedeutungen: Gesetz und Mannschaft. Deswegen gibt es den volksetymologischen Mythos, dass »lagom« auch davon kommen könnte, als die Wikinger ums Lagerfeuer saßen und sich das Essen und die Getränke teilten.Der Becher ging »einmal rund um die Mannschaft« – »laget om« – und jeder sollte sich so viel nehmen, dass es für alle reichte.

Auch das trifft schön den Kern des Konzepts: Mäßigung als Grundlage für glückliche Beziehungen – mit anderen und mit sich selbst.


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Lisa Arnold
Autor
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