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Boardway statt Broadway: Wie Kreuzfahrten zu schwimmenden Vergnügungsparks wurden

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Eine Achterbahnfahrt? Ein Abend im Casino? Oder lieber die Aufführung des Broadway-Musical-Hits »König der Löwen«? Auf modernen Kreuzfahrtschiffen ist das Unterhaltungsangebot so vielfältig, dass alle Passagiere auf ihre Kosten kommen.

»Auf einer zehntägigen Kreuzfahrt können unsere Gäste bei uns einen Comedian, einen Opernsänger, eine Broadway-Show und einen Zauberer sehen. Und das ist nur das Angebot des Theaters«, erklärt Daniel Bartrope, Leiter des Bereichs Entertainment & Enrichment bei Oceania Cruises und ­Regent Seven Seas Cruises. Der Brite ist für sämtliche ­Entertainment-Formate an Bord verantwortlich.

Heute ist die Kreuzfahrtindustrie ein entscheidender Teil des globalen Tourismus – in diesem Jahr mit einem prognostizierten Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Um die starke Nachfrage zu meistern, stellt Norwegian Cruise Line Holdings in den nächsten zwei Dekaden nahezu jährlich ein neues Schiff in Dienst. Für Bartrope ein Grund zur Freude: »Jedes Schiff wird mit den neuesten Unterhaltungstechnologien ausgestattet sein – so, wie man sie sonst nur aus Las Vegas kennt.«

© MSC Cruises

Von der Fracht zum Gast

Alles begann 1891 mit Albert Ballin, dem Direktor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-­Gesellschaft (Hapag). Das damals größte Passagierschiff Europas, die »Augusta Victoria«, transportierte zahlreiche Auswanderer über den Atlantik – wie die meisten Linienschiffe auf der Nordatlantikroute meist nur im Sommer. Um auch in den Wintermonaten rentabel zu sein, kam Ballin auf die Idee, »Bildungs- und Vergnügungsreisen« anzubieten. Die erste Testfahrt war eine 57-tägige Orientreise von Cuxhaven nach Ägypten und Syrien. Der Erfolg war immens: Die 173 ­Passagiere genossen die Zeit an Bord, inklusive der 13 ­Ausflüge ins Landesinnere.

Kurze Zeit später bestellte Ballin die »Prinzessin ­Victoria Luise«. 1900 wurde sie als das erste reine Vergnügungsschiff von Blohm & Voss zu Wasser gelassen. Sie war das erste Schiff, auf dem der Mensch nicht mehr Fracht, sondern Gast an Bord war; statt nur Mittel zum Zweck wurde die Reise an sich zum Ziel. Das nach der Tochter von Kaiser ­Wilhelm II. benannte Schiff blieb zwar nur sechs Jahre in Fahrt – ein Navigationsfehler führte es an der Küste ­Jamaikas auf Grund und ein späterer Tsunami zerstörte das Schiff vollständig –, aber die Idee der Schiffsreise als Zeitvertreib und Erlebnis überdauerte.

Vor dem Ersten Weltkrieg wuchs die Nachfrage nach ­anspruchsvoller Unterhaltung indes auch auf den Linien­kreuzern. Hapag und Konkurrent Lloyd (NDL) buhlten um ­Klientel: Beide Reedereien investierten viel, um ihren Gästen während der mehrtägigen Atlantiküberquerungen ein ­besonderes Unterhaltungsprogramm zu bieten.

Europa und die angelsächsische Konkurrenz

So lauschten Passagiere bereits klassischen Werken von Bordorchestern und genossen populäre Operetten, Theater­ensembles präsentierten aufwendige Revuen und Kabarettprogramme, bekannte Persönlichkeiten hielten Vorträge zu Themen aus Kultur, Geschichte sowie Gesellschaft und festliche Bälle und Kartenturniere ergänzten das Freizeitangebot. Mit Schwimmbädern, Tennisplätzen und Fitnessräumen, die den Gästen zur Verfügung standen, war auch für körperliche Aktivität gesorgt.

Zur selben Zeit erlebte auch die Schifffahrts­industrie in den USA und Großbritannien eine rasante Ent­wicklung – allerdings mit anderem Fokus als in Deutschland. Während Ballin mit der »Augusta Victoria« Kreuzfahrten und Linienreisen als Erlebnisreisen verbesserte, waren in den USA und Großbritannien zunächst Schnelligkeit, Größe und Prestige im Fokus.

Das Vereinigte Königreich war zu dieser Zeit die führende Seemacht und dominierte mit Reedereien wie Cunard Line und White Star Line den Transatlantikverkehr. Die Schiffe dieser Reedereien, etwa die »Lusitania« (1906), die »Mauretania« (1907) und später die jedermann bekannte »Titanic« (1912), waren vor allem für ihre technische Leistungs­fähigkeit und ihren Komfort bekannt – der Wettlauf um das »Blaue Band« für die schnellste Atlantiküber­querung bestimmte das ­Denken der Zeit.

Die Lobby der Titanic wurde im Museum in Missouri, USA, nachgebaut.
© Shutterstock
Die Lobby der Titanic wurde im Museum in Missouri, USA, nachgebaut.

Unterhaltung mit Orchester und Oper

Amerikanische Reedereien wie United States Lines oder American Line spielten um die Jahrhundertwende im internationalen Passagier­geschäft noch eine Nebenrolle. Die USA waren zu dieser Zeit primär Ziel des Transatlantikverkehrs, nicht Startpunkt. Die bedeutenderen Entwicklungen auf amerikanischer Seite kamen erst nach dem ­Ersten Weltkrieg, als die USA wirtschaftlich stärker wurden und selbst Ozeanriesen wie die »SS Leviathan« (vormals »Vaterland«, ursprünglich für Hapag gebaut) in Dienst stellten.

Der Krieg stoppte die an Fahrt gewinnende Kreuzfahrtbranche, erst Jahre nach Kriegsende wurden die alten ­Routen wieder stark befahren. In den Goldenen Zwanzigern wurde die Kreuzfahrtflotte ausgebaut, Luxus­schiffe kamen hinzu. Die Machtergreifung der ­Nazis veränderte die Kreuzschifffahrt erneut – diesmal in Richtung Masse statt Klasse. Viele ausländische Gäste blieben aus, da sie die ­Meere nicht unter deutscher Hakenkreuzflagge befahren wollten. Dafür charterte die NS-Organisation »Kraft durch Freude« (KdF) Schiffe und belohnte »verdiente Volks­genossen« mit bezahlbaren Schiffsreisen. 750.000 ­Menschen gingen im Zuge dessen an Bord – Massentourismus auf See setzte ein. Diesem Trend machte der Zweite Weltkrieg allerdings wieder ein Ende.

Massentourismus auf See heute: die »Star of the Seas« beherbergt den größten schwimmenden Wasserpark.
© Royal Caribbean Cruises
Massentourismus auf See heute: die »Star of the Seas« beherbergt den größten schwimmenden Wasserpark.

In der Nachkriegszeit geriet die Kreuzfahrt zunächst ins Hintertreffen – das Flugzeug wurde zum Transportmittel Nummer eins. Erst die TV-Serien »Love Boat« in den USA und »Das Traumschiff« im deutschsprachigen Raum lösten in den 1970ern und 1980ern einen neuen Boom aus. Kreuzfahrten wurden wieder massentauglich und erreichten die Mittelschicht.

Kreuzfahrten inszenieren sich neu

Heute boomt der Markt: Der Kreuzfahrtverband CLIA prognostiziert in diesem Jahr 37 Millionen Passagiere weltweit, bis 2028 sollen fünf Millionen weitere Passagiere jährlich dazukommen. Das sei kein Wunder, meint Bartrope, allein die Unterhaltung sei eine Reise wert: »Die Qualität unserer Shows erinnert an Produktionen à la ›Cirque du ­Soleil‹ oder Las Vegas. Broadway-Produzenten, Freizeitparkentwickler und Tech-Start-ups stehen bei uns Schlange, weil sie gezielt die Zusammenarbeit mit uns suchen.« Das Entertainment werde zunehmend zum Unterscheidungsmerkmal – und zum Grund, warum Gäste wiederkommen.

Dabei ­reagieren die Reedereien auch auf aktuelle Trends: Reisende wollen vermehrt authentische Erlebnisse, ­bequemer als auf einem Kreuzfahrtschiff könne man diese nicht bekommen, meint der Entertainment-Chef. »Wenn wir zum Beispiel in Japan anlegen und über Nacht bleiben, bringen wir eine ­große Gruppe japanischer Trommler an Bord. Man muss also nicht einmal das Schiff verlassen, um authentische und lokale Unterhaltung und Kultur zu erleben – wir bringen sie an Bord«, so Bartrope.

Reedereien wie Royal Caribbean, Norwegian oder MSC wetteifern mit Open-Air-Achterbahnen, Gokart-Bahnen mit bis zu 50 km/h schnellen Karts und riesigen Wasserparks mit immer länger werdenden Rutschen. Neue Schiffsgenerationen geben auch ganz neue Bühnenwerkzeuge in die Hand: Modernste Theater mit LED-Wänden, Surround-Sound und raffinierter Bühnentechnik eröffnen Möglich­keiten, von denen vor einigen Jahren noch nicht zu träumen war.

Comedians, Magier, Opernsänger

So können an Bord der größten Schiffe der Welt, etwa der »Icon of the Seas«, Broadway-Produktionen wie »Mamma Mia!«, »Hairspray« oder »We Will Rock You« entstehen. Royal Caribbean betreibt sogar ein eigens gebautes »Aqua­theater« – dabei handelt es sich um den tiefsten Pool auf ­einem Kreuzfahrtschiff, in den olympische Turmspringer ­synchron springen. VR-Kinos, Fallschirmsimulatoren oder Konzertbühnen mit tollen Choreografie- und Pyrotechnik-Möglichkeiten gehören auch zur Ausstattung vieler Schiffe.

Royal Caribbean bietet atemberaubende Aquatheater-Shows – im tiefsten Pool auf einem Kreuzfahrtschiff.
© Royal Caribbean Cruises
Royal Caribbean bietet atemberaubende Aquatheater-Shows – im tiefsten Pool auf einem Kreuzfahrtschiff.

Im Luxussegment gelten dagegen andere Gesetze: »Hier geht es um Auswahl und Nähe: intime Konzerte mit ­ehe­maligen Broadway-Stars, persönliche Begegnungen, ­kuratierte Kunst- und Kulturmomente«, betont Bartrope. Livemusik spielt eine zentrale Rolle – ob im Konzertsaal, an der Bar oder spontan auf dem Deck.

Hapag-Lloyd etwa kooperiert mit den Hamburger Kammerspielen und ­veranstaltet seit vier Jahren ein Theaterfestival an Bord der »MS Europa«. 2025 stehen hier Bühnenadaption des ­Romans »Achtsam morden durch bewusste Ernährung« sowie eine Zwei-Personen-Inszenierung von Shakespeares »Macbeth« mit Hans-Werner Meyer und Jacqueline ­Macaulay auf dem Programm. Bartrope sieht in der Vielfalt den Schlüssel zum Erfolg: »Die Gäste wollen Abwechslung – deshalb holen wir für jede Reise Comedians, Magier, Opernsänger und visuelle Künstler an Bord. Unterhaltung auf Kreuzfahrtschiffen hat sich von einem netten Zusatz­angebot zum Hauptgrund für viele Gäste entwickelt, immer wiederzukommen.«  

 

Daniel Bartrope begann seine Karriere als Musicaldarsteller in London. Nach einigen Jahren wechselte er auf Kreuzfahrtschiffe und arbeitete als Cruise Director bei Celebrity Cruises, bevor er 2019 zu Oceania Cruises und Regent Seven Seas Cruises wechselte.

Falstaff: Herr Bartrope, was bedeutet »Entertainment« an Bord?

Daniel Bartrope: Die drei Marken von Norwegian Cruise Line Holdings – Norwegian, Oceania, Regent – bedienen unterschiedliche Zielgruppen. Entsprechend variiert auch das Unterhaltungsangebot, von Broadway-Shows über Oper und Magie bis hin zu lokalen Kulturprogrammen.

Woher weiß man, welches Entertainment auf welches Schiff passt?

Jede Route wird individuell analysiert – nach Alter, Nationalität und Interessen der Gäste. Britisches Publikum bekommt andere Formate als amerikanisches; bei internationalen Gruppen setzen wir auf visuelle Acts wie Artistik, Magie oder Tanz.

Was ist Luxus-Entertainment?

Hier geht es um Auswahl und Nähe: intime Konzerte mit ehemaligen Broadway-Stars, persönliche Begegnungen, kuratierte Kunst- und Kulturmomente. Livemusik spielt eine zentrale Rolle – ob im Konzertsaal, an der Bar oder spontan auf dem Deck. Alles ist darauf ausgelegt, besondere Erinnerungen zu schaffen.

Wie entwickelt sich Entertainment an Bord weiter?

Entertainment wird zunehmend zum Unterscheidungsmerkmal – und zum Grund, warum Gäste wiederkommen.

Was sind die Zukunftstrends?

Nicht alle Gäste wollen Spektakel. Viele wünschen sich kürzere, hochwertig inszenierte Formate; Angebote, die inspirieren, aber nicht überfordern.

 


 

Erschienen in
Falstaff Magazin Schweiz Nr. 5/2025

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Katharina Kotrba
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