Longevity: Was hinter dem »beispiellosen Boom« steckt
Longevity ist der Megatrend des Jahres – Wellnesskliniken, Luxusresorts und Spa-Hotels überbieten einander mit innovativen Konzepten für ein längeres, gesünderes Leben. Ist das noch Urlaub oder schon Krankenhaus?
»Wir erleben einen beispiellosen Boom«, sagt Dr. Harry König, Leiter des Medical-Care-Zentrums im »Brenners Park-Hotel« in Baden-Baden – die Nachfrage nach maßgeschneiderten Wellnesskonzepten für Gesundheit und Wohlbefinden sei so hoch wie nie zuvor. Die Gründe dafür sind vielfältig, doch ein entscheidender Wendepunkt war die Coronapandemie: »Seit Covid ist Gesundheit wieder unser höchstes Gut«, erklärt König; eine Einschätzung, die von zahlreichen Experten bestätigt wird. Es geht den Menschen darum, möglichst lange möglichst vital zu bleiben – und dafür sind sie bereit, tief in die Tasche zu greifen.
Bereits seit den frühen Anfängen der Medizin suchen Ärzte nach Wegen, wie die Menschen länger gesund leben können – ein Vorhaben, das in jüngster Zeit immer größere Fortschritte macht. Das Schlagwort dafür lautet Longevity. Es klingt nach einem Traum, der endlich greifbar wird.
Der Mann hinter Longevity
Ins mediale Rampenlicht katapultiert hat das Konzept Bryan Johnson – ein Tech-Milliardär, der sein biologisches Alter auf 18 Jahre getrimmt hat, obwohl er auf dem Papier 47 ist. Sein Geheimrezept? Rund 100 Pillen täglich, Wecker um 4:30 Uhr und das letzte Essen um 11:00 Uhr vormittags. Sein Leben ist im Grunde eine einzige Dauerwerbesendung für Longevity. Mittelpunkt der Behandlungen ist die Epigenetik: Dabei geht es um das Zusammenspiel zwischen unseren Genen und unserem Lebensstil. Gene sind die »Hardware« unseres Körpers; angeboren und nicht austauschbar. Der Lebensstil ist, um bei diesem Bild zu bleiben, die »Software«, die wir installieren und mit der wir aktiv Einfluss auf unsere Gene nehmen können. Schon kleine Veränderungen können einen großen Unterschied machen. Und wo hat man mehr Zeit, damit zu beginnen, als im Urlaub?
Jugendbewegung
Luxushotels und Wellnessresorts haben längst reagiert und aufgerüstet: Kaum ein erstklassiges Haus, das nicht medizinische Behandlungen mit modernster Technologie anbietet oder Kurse veranstaltet, die Weichen für einen gesünderen Lebensstil stellen. Drückte man früher im Urlaub gerne mal ein Auge zu, besonders bei Ernährung und Bewegung – Hauptsache Genuss, Hauptsache Entspannung! –, sind heute grüne Säfte, Intervallfasten und morgendliche Bootcamps am Strand angesagt. Was einst eine kleine Nische war, ist nun ein boomender Milliardenmarkt.
Marktanalysten des Global Wellness Institute (GWI) prognostizieren der Langlebigkeitsindustrie im kommenden Jahr ein Umsatzvolumen von schwindelerregenden 593 Milliarden Euro – das ist in etwa so viel wie das Bruttoinlandsprodukt Schwedens. Marktführer, wenn man so will, sind die USA mit Anbietern wie der »Canyon Ranch« in Arizona: Die Wellness-Hochburg bietet ein neues Retreat namens »Longevity 8« an, bei dem Gäste täglich knapp 30 Programmpunkte absolvieren und insgesamt 15 diagnostische Tests durchlaufen. Dabei werden über 200 Biomarker untersucht, darunter Blutwerte, Krebs-Screenings und genetische Analysen. Kostenpunkt: umgerechnet stolze 18.300 Euro für vier Tage.
Wüste oder hohe See – Hauptsache länger leben!
Deutlich weniger medizinisch, dafür naturnah geht es im »Amangiri Resort« in der Wüste Utahs zu. Gemeinsam mit dem buddhistischen Mönch Geshe Yong Dong hat die internationale Hotelgruppe Aman ein dreitägiges Retreat entwickelt, »Longevity Powered by Nature«. Es basiert auf der tibetischen Bön-Tradition und setzt auf Gesänge, Mantras und Sternenmeditation.
Im obersten Luxussegment scheint es nichts zu geben, was es nicht gibt – Selbsthilfe-Guru Tony Robbins und Hotelmogul Sam Nazarian planen mit »The Estate« eine exklusive Kette von Gesundheitszentren. Für eine Jahresmitgliedschaft (Kosten: rund 33.500 Euro) erhalten Kunden Zugang zu innovativen medizinischen Angeboten; darunter Ganzkörper-Dexa-Scans, die zur Osteoporose-Prävention mit Röntgenstrahlen die Knochendichte messen können. In den nächsten fünf Jahren wollen Robbins und Nazarian zehn Hotels und 15 urbane Zentren eröffnen.
Doch damit nicht genug: Auch der Stapellauf eines voll auf Longevity spezialisierten Kreuzfahrtschiffs steht bevor. Noch in diesem Jahr soll die »MV Narrative« in See stechen. Wer mitreisen möchte, kann sich für ein paar Monate im Jahr eine Kabine mieten – Startpreis: rund 480.000 Euro.
In Europa hingegen gibt es die alten Platzhirsche, die sich im Vergleich zu den USA noch immer nicht verstecken müssen. Eines der ältesten und renommiertesten Wellnessresorts der Welt ist die »Clinique La Prairie« (CLP) im schweizerischen Montreux. Sie leistete vor fast 100 Jahren Pionierarbeit im Bereich Wellness und beherbergte jahrzehntelang (und bis heute) Politiker, Wirtschaftsbosse und Hollywoodstars – sogar Papst Pius XII. ließ sich hier schon behandeln. In einem typischen »Standard-Revitalisierungsangebot« bekommt der Gast mehrere Untersuchungen, wie zum Beispiel einen CT-Scan, ein komplettes Zahnpanorama und einen MRT-Scan des Gehirns.
Nahziele gegen das Altern
Wer den Einstieg in das Thema behutsamer angehen will, findet eine Fahrstunde von Salzburg entfernt das für sein Spa weithin bekannte »Forsthofgut« in Leogang. Hier empfängt man Gäste in einer neu eröffneten, maßgeschneiderten Abteilung, die Langlebigkeit gewidmet ist. Neben zahlreichen neuen Therapien findet man hier in den nächsten Monaten auch hochkarätige Gastredner, die das Thema noch intensiver beleuchten.
Nur 40 Minuten entfernt liegt der »Stanglwirt«, eine ungewöhnliche Kombination aus Biobauernhof und Wellnesshotel, bekannt unter anderem für Weißwurstpartys mit Arnold Schwarzenegger und DJ Ötzi, aber auch für seinen Wellnessbereich, den schon die Klitschko-Brüder vor Wettkämpfen nutzten. Auch hier richtet man sich ein wenig in Richtung Longevity aus: Neu seit dieser Wintersaison ist das Eisbade-Retreat, ein dreitägiger Kaltwasser-Workshop mit dem Extremsportler Wim Hof, der Gäste durch die schwierige Überwindungsphase coachen wird.
Im »Lanserhof« am Tegernsee setzt man auf frühzeitige Diagnostik und Prävention neurodegenerativer Erkrankungen – mit einem eigens konzipierten Brain Health Center. Hier analysieren Neurologen mittels EEG und Blutanalysen die Gehirngesundheit. Generell folgt der »Lanserhof« an all seinen Standorten (Tegernsee, Lans und Sylt) einer jahrhundertealten Naturheiltradition. Die Grundlage: reines Wasser, Sonnenlicht und Fasten. Diese Methoden sollen die Verdauung regenerieren, Leberzellen erneuern und chronischen Erkrankungen entgegenwirken. Seinen Ursprung hat dieses Konzept in Lans, einer Region mit langer Geschichte des Heilfastens und ganzheitlicher Gesundheitskultur.
Längst hat sich das Wissen um Longevity über die Grenzen Europas hinaus verbreitet. Besonders das Schweizer Haus »Clinique La Prairie« ist gerade stark am Expandieren, mit speziellen Longevity Hubs, die einige der vielen Langlebigkeitsbehandlungen auf kleinstem Raum bündeln und sie in Spas von externen Luxushotels anbieten. Dadurch werten Hotels ihren Wellnessbereich enorm auf, ohne selbst Expertise haben zu müssen. Insgesamt möchte »CLP« 50 solcher Hubs in führenden Hotels weltweit einbauen.
Epizentrum für Lebensverlängerung
Madrid, Bangkok, Taipeh und nun Dubai: In all diesen Metropolen sind bereits Hotels entstanden, die sich ganz dem Thema Longevity widmen. Das »SIRO One Za’abeel« (unter demselben Dach wie das »One & Only« ebendort) ist eines davon – ein Konzept, das schwer in Worte zu fassen ist, weil es »so anders und so physisch« sei, sagt Thomas Peruzzo, Cluster-General-Manager beider Häuser. Hier dreht sich alles um ganzheitliches Wohlbefinden – mit Hightech-Biohacking und entspanntem Gym-Vibe statt steriler Krankenhausatmosphäre. Serotoninfördernde Musik, maßgeschneiderte Ernährungspläne und Recovery-Suiten mit innovativen Therapieformen sind Teil des Erlebnisses. Die Ausstattung reicht von vibroakustischen Therapiebetten und Kryotherapie zur Immunstärkung bis hin zu Zellreparatur-Anwendungen, Infrarotlicht- und Plasmatherapie.
Und Dubai geht noch weiter: Das Herzstück des bald eröffneten »Six Senses The Palm« wird ein fast 6000 Quadratmeter großer Social- und Wellness-Club – mit Longevity-Klinik, Infusionslounge und Biohacking-Raum. Die Gegend entwickelt sich rasant zum globalen Longevity-Epizentrum; nicht weit entfernt, an der Küste zwischen Dubai und Abu Dhabi, entsteht die »SHA Emirates«-Insel. Nach der geplanten Fertigstellung im nächsten Jahr wird sie die erste Insel weltweit, die sich vollständig der Kombination aus Wellness und Langlebigkeit widmet.
Dieser Wandel zeigt, dass es beim Luxus der Zukunft längst nicht mehr nur um Erholung geht, sondern um langfristige Gesundheitsoptimierung. Die Zukunft des Reisens scheint sich zunehmend mit der Zukunft unserer Gesundheit zu verbinden – im besten Fall mit dem Ergebnis eines erfüllten und aktiven Lebens.