Fasten & Detox: Warum Verzicht gesund ist
Wo Überfluss Alltag ist, werden Fasten und Detox zur kostbaren Auszeit. Doch das bedeutet längst nicht immer Verzicht – schon gar nicht auf Luxus. Moderne Wellness-Resorts schaffen es, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen
Es ist das Streben nach Genuss, das uns Menschen aus der Höhle ins Penthouse geführt hat. Unserer Leidenschaft für gutes Essen verdanken wir, dass wir keine rohen Mammutkeulen mehr knabbern, sondern uns an mehrgängigen Degustationsmenüs gütlich tun. Die Suche nach Bequemlichkeit führte uns vom Pferd über das Auto in die First Class von Flugzeugen. Doch wie kommt es, dass wir gleichzeitig das Fasten zelebrieren – und das mindestens schon seit der Zeit Mesopotamiens, 5000 v. Chr.? Ist das nicht gegen die Natur, wo wir doch essen müssen, um leistungsfähig zu bleiben, um zu überleben?
Unsere frühen Ahnen glaubten an einen direkten Zusammenhang zwischen ihren Taten und Naturkatastrophen oder Krankheiten – durch Fasten versuchten sie, Buße zu tun, die Götter zu besänftigen. Zur Vorbereitung auf wichtige Feste oder Rituale verzichteten sie vollständig auf Nahrung, um möglichst »rein« zu sein, wenn sie von der Erde aus bei den Göttern »anklopften«. Während der Fastenperioden zogen sie sich in Isolation zurück, trugen Bußgewänder und mieden jegliche Bequemlichkeit.
Askese mit Luxus
Glücklicherweise sieht man die Sache mit dem Fasten heute anders; entspannter. Auch der Begriff an sich hat ein zeitgemäßes Upgrade erhalten: Es heißt jetzt »Detox«, was mehr nach Körper-Tuning klingt als nach Entbehrung – und selbstverständlich eine ganz und gar säkulare Angelegenheit ist. Wer fastet, muss in modernen Hotels mit Detox-Angebot heute auf nichts mehr verzichten, erst recht nicht auf Luxus. Fasten ohne Entsagung? Ein Widerspruch, der in modernen Wellnesskonzepten Realität wird.
Ein Beispiel ist die weltweit renommierte »SHA Wellness Clinic« im spanischen Alicante. Mit atemberaubendem Blick auf das Mittelmeer widmen sich die Gäste hier in luxuriöser Umgebung ihren körperlichen und gesundheitlichen Zielen. Das elegante Refugium bietet großzügige Räume zum Abschalten, Detox-Küche mit Haute-Cuisine-Anspruch und raffinierte Einfachheit. Als persönliche Rückzugsorte stehen den Gästen, die sich hier nicht wie Patienten fühlen, Design-Suiten zur Auswahl.
03581 L'Albir
Spanien
Fasten ohne Entsagung?
Dieser Widerspruch wird in modernen Wellnesskonzepten Aufgelöst.
Den Weg für anspruchsvolle Fastenangebote ebnete im vergangenen Jahrhundert der deutsche Arzt Otto Buchinger. Im Jahr 1920 gründete er die erste (damals noch recht einfach ausgestattete) Fastenklinik. An sich selbst hatte er beobachtet, dass seine Rheumabeschwerden durch Fasten deutlich gelindert wurden. Diese Erfahrungen, ergänzt durch seine ganzheitliche Philosophie und Beobachtungen an Patienten, führten ihn zur Überzeugung, dass Fasten ein umfassendes Heilmittel für Körper, Geist und Seele sei; und das bereits ein Jahrzehnt bevor die Wissenschaft den Stoffwechsel systematisch zu erforschen begann sowie 40 Jahre vor den ersten Studien zu zellulären Prozessen.
Buchingers österreichischer Kollege Franz Xaver Mayr (1878–1965) vertrat ähnliche Ansichten, beide gelten als Schlüsselfiguren in der Entwicklung moderner Fastenmethoden. Während Buchinger jedoch seinen Fokus auch auf spirituelle Erneuerung und die Bedeutung des Nahrungsverzichts für die Regeneration des Körpers legte, war Mayr daran gelegen, das Verdauungssystem gezielt zu entlasten und zu reinigen. Er konzentrierte sich auf die Erholung des Darms durch spezielle Massagetechniken und seine legendäre Brötchen-Diät, bei der die Fastenwilligen altbackene Semmeln in Milch einweichten und langsam kauten.
Obwohl der Verzicht auf Nahrung an sich keine Freude bereitet, wuchsen im Lauf der Zeit überall auf der Welt Fastenkliniken aus dem Boden. Spätestens in den 1970ern, mit dem Aufkommen der Wellnessbewegung, schaffte es die Praxis aus dem privaten und religiösen Umfeld in die breite Öffentlichkeit. Waren zunächst vor allem Saftkuren populär, löste intermittierendes Fasten – bei dem nur während eines bestimmten Zeitintervalls, dafür aber täglich auf Nahrung verzichtet wird – diese in Sachen Beliebtheit ab. Heute gibt es zahlreiche Varianten des Fastens, auch als moderne Form der F.-X.-Mayr-Kur. Doch wie wurde aus dem doch recht unhip klingenden Wort »Fasten« plötzlich »Detox«?
Detox ist weit mehr als Verzicht. Studien zeigen, wie segensreich es
auf Krankheiten wirkt.
Ursprünglich wurde der Begriff »Detox«, eine Abkürzung des englischen »Detoxification« (Entgiftung), in der Medizin für den Drogenentzug verwendet und bezeichnete die Entfernung toxischer Substanzen aus dem Körper. Heute steht Detox jedoch zunehmend für den Verzicht auf Gewohnheiten, die dem Körper oder Geist wenig zuträglich sind – sei es der Konsum von Alkohol, Genussmitteln oder digitalen Medien. Vor allem Letzteres scheint sich mehr und mehr zu einer Volksplage zu entwickeln.
Detox für alle Lebenslagen
Etwa zehn Jahre nach Beginn des Trends gewinnt so eine neue Form des Verzichtens an Popularität: Digital Detox. Es basiert auf der bewussten Entscheidung, für eine gewisse Zeit aus der digitalen Welt auszusteigen. Dass es heute in aller Munde ist und abgelegene Hotels mangelnden Telefonempfang mittlerweile als Asset verkaufen können, hat ironischerweise mit der Verbreitung des Trends auf Social Media zu tun. Tatsächlich handelt es sich aber nicht nur um einen Hashtag-Hype, sondern hat eine berechtigte wissenschaftliche Basis: Schon seit Mobiltelefone größeren Bevölkerungsteilen zugänglich wurden, gibt es Forschung zu problematischen Effekten auf die Nutzer.
Das hatte zunächst eher wenig mit mentaler Gesundheit zu tun, sondern mit Ablenkung durch mobile Geräte, zum Beispiel im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen. Mit dem Aufkommen von Smartphones und dem Aufstieg der sozialen Medien verlagerte sich der Fokus – 2011 erforschten erste Studien die Zusammenhänge zwischen Smartphone-Nutzung und Schlafproblemen, insbesondere durch die Wirkung von blauem Licht auf den zirkadianen Rhythmus. Schon wenige Jahre später fand man heraus, dass exzessive Nutzung zu höherer Angstanfälligkeit und Depression führen kann; auch Belege für erhöhte Suizidgedanken konnten erbracht werden. Mittlerweile gibt es Langzeitstudien, die zahlreiche weitere negative Folgen bestätigen. Die meisten davon hat wahrscheinlich jeder schon einmal selbst bemerkt, ganz ohne Studie.
Abhängig vom persönlichen Nutzungsverhalten kann schon kurzfristiger Verzicht positive Effekte haben, etwa die Reduktion von Stress und Reizüberflutung, besseren Schlaf und erhöhte Produktivität. Schon nach einem Digital-Detox-Wochenende kommt es zu tieferer Entspannung, mehr Achtsamkeit und stärkeren persönlichen Beziehungen. Menschen, die es schaffen, ihre Bildschirm- und Handynutzungszeit vier bis sechs Wochen sehr stark zu reduzieren, berichten von erhöhter Aufmerksamkeit, verbesserten Problemlösungsfähigkeiten, erholsamerem Schlaf und einem Gefühl der Ruhe und Ausgeglichenheit.
Die Menge des ausgeschütteten Stresshormons Cortisol sinkt messbar. Dieses wiederum steht in Zusammenhang mit vielen Zivilisationskrankheiten, unter anderem beeinflusst es auch den Stoffwechsel negativ. Man vermutet, dass durch das Wegfallen des ständigen Sich-Vergleichens die Zufriedenheit steigt. Eine aktuelle Studie fand zudem heraus, dass der Verzicht auf Social Media auch zu einer bemerkenswerten Reduktion depressiver Verstimmungen bzw. echter Depression führen kann.
Einfach Offline?
Können mehr Glück, Zufriedenheit, Produktivität, Achtsamkeit und besserer Schlaf wirklich nur einen Klick entfernt sein? Reicht es, den »Stecker zu ziehen«? Im Grunde schon. Allerdings erfordert eine Digital-Detox-Phase, egal, ob sie im Hotel oder daheim durchgeführt wird, ein bisschen Vorbereitung: Es ist sinnvoll, Familie und Freunde über die geplante Unerreichbarkeit zu informieren und eine feste Zeit zu kommunizieren, zu der man E-Mails und Nachrichten beantwortet oder Telefonanrufe entgegennimmt. Während der restlichen Zeit trennt man sich komplett von digitalen Geräten.
Regelmässiger Verzicht ist in allen Kulturen eine gängige Praxis. Doch leiden muss beim modernen Fasten heute niemand.
Damit das Detoxing gelingt, empfiehlt es sich, alle anderen Ablenkungen wie Streamingdienste oder soziale Medien aus der Reichweite zu verbannen. Da die gewonnene Zeit sinnvoll genutzt werden will, müssen neue Beschäftigungen her – auch, um die Versuchung zu reduzieren, doch zum Handy zu greifen. Sportliche Aktivitäten, Lesen, kreative Hobbys oder gemeinsame Zeit mit Freunden sind gute Alternativen. Ideal für eine Phone-Fasten-Phase sind Hotels mit Kontrollfunktion: Hier gibt man seine Geräte beim Check-in ab und erhält sie erst beim Check-out zurück – so kommt man gar nicht erst in Versuchung, »nur mal schnell« E-Mails zu checken.
Der Tapetenwechsel, der Urlaubsrahmen, professionelle Unterstützung und abwechslungsreiche Aktivitäten machen Digital Detox im Hotel viel leichter als zu Hause. Das größte Geschenk eines solchen Aufenthalts ist vielleicht nicht nur die digitale Pause, sondern die Erkenntnis, dass das Leben auch ohne ständige Erreichbarkeit wunderbar sein kann. Verzicht bedeutet Freiheit – und passende Angebote gibt es zuhauf.
Der nächste Trend?
Dopamin-Detox
Die Idee stammt aus dem Silicon Valley und ist ansteckend: Mit #dopamine getaggte Videos gehen weltweit viral. Beim Dopamin-Detox verzichtet man auf alle Aktivitäten, die eine schnelle und intensive Ausschüttung des »Glückshormons« im Gehirn auslösen. Dadurch soll das Belohnungssystem im Kopf entwöhnt werden. Angeblich kann man so wieder lernen, das Leben intensiver zu genießen, und kommt mit weniger äußerer Stimulation aus.
Wissenschaftler sind jedoch skeptisch: Dopamin macht – anders als oft behauptet – nicht süchtig, sondern ist dafür verantwortlich, dass wir »wollen«. Es lehrt uns, Angenehmes zu wiederholen, aber auch zu lassen, was unerwartet enttäuscht hat. Die Idee hinter dem Dopamin-Fasten trifft dennoch einen Nerv: In einem hektischen, technologisch geprägten Alltag geht es darum, einfache Aktivitäten zu fördern, die uns helfen, wieder mit uns selbst und anderen in Verbindung zu treten.
Gesundheit neu gedacht: Im Gespräch mit Prof. Dr. Harald Stossier über die moderne F.X.-Mayr-Kur
Das Gesundheitsresort »Bleib Berg F. X. Mayr Retreat« in Bad Bleiberg, Kärnten, zählt zu den führenden Kompetenzzentren für ganzheitliche Gesundheit, Fasten und Detox.
Semmeln und Milch – so kennt man die F.-X.-Mayr-Kur. Im »Bleib Berg« gibt es eine moderne Variante. Wo liegt der Unterschied?
Die Milch-Semmel-Kur hat Dr. Mayr berühmt gemacht, ist jedoch eine Fehlinterpretation seiner Therapie. Tatsächlich geht es ums Wiedererlernen einer bewussten Esskultur: langsames Essen, gründliches Kauen, kleinere Mahlzeiten, ausreichendes Trinken und frühere Essenszeiten. Die moderne Mayr-Therapie umfasst zudem Tests auf Unverträglichkeiten und Nährstoffmängel sowie entgiftende Maßnahmen, um den Körper in kurzer Zeit zu reinigen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die ärztliche Bauchbehandlung.
Wie oft sollte man eine Fastenkur pro Jahr machen?
Die Häufigkeit einer Fastenkur hängt vom individuellen Gesundheitszustand ab. Bei bestimmten Erkrankungen kann nach ärztlicher Rücksprache eine häufigere Durchführung notwendig sein, um den Stoffwechsel zu verbessern. Leider erleben wir oft, dass Menschen die Therapie zu kurz durchführen; für eine nachhaltige Regeneration sind mindestens drei Wochen erforderlich. Kürzere Therapien sollten daher entsprechend häufiger wiederholt werden.
Von welchen positiven Effekten berichten Ihre Kurgäste am häufigsten?
Die Effekte sind individuell und abhängig von den jeweiligen Beschwerden. Häufig erleben Gäste eine deutliche Linderung von Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Übersäuerung. Auch schmerzbedingte Beschwerden in verschiedenen Organen durch Übersäuerung nehmen ab. Zudem werden gesteigerte Leistungsfähigkeit, bessere Merkfähigkeit und erhöhte Konzentration häufig genannt.