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Nordengland: Long Weekend in Chester

England
Tee
Long Weekend

Ofenwarme Scones, rauchige Steaks und Schwarztee in der Kathedrale. Die nordenglische Stadt Chester, soeben zur schönsten Stadt der Welt gekürt, besticht auch mit ihrer Kulinarik.

Freitag

Genuss liegt in Chester auf hohem Niveau: vom Café auf der Stadtmauer bis zum Gaumenschmaus »Upstairs«.

Schon beim Einbiegen in die geschäftige Eastgate Street geht der Blick nach oben. Auf einer Backsteinbrücke über den Passanten thront eine goldverzierte Uhr. Die Eastgate Clock, zum Diamantjubiläum von Königin Victoria errichtet und nach Big Ben zur meistfotografierten Uhr Großbritanniens avanciert, ist so berühmt, dass das Café »Huxley’s« sie sogar auf seine Eiswaffel gedruckt hat. Eine davon steckt die Verkäuferin soeben in die Salted-Caramel-Kugel.

Eigentlich ist es an diesem Tag viel zu kalt für Schleckeis, doch das Verkaufsfenster mit dem grünen Rahmen in der Stadtmauer war zu malerisch, um es zu ignorieren. Mit cremigem Karamelleis in der Hand wandert der Blick von der Brücke über die mittelalterlichen Fachwerkhäuser mit ihren »Rows«, den überdachten Einkaufsgalerien im ersten Stock.

Im August wurde Chester, eine halbe Stunde südlich von Liverpool gelegen, zur schönsten Stadt der Welt erkoren. Keine andere, nicht einmal Venedig, orientiert sich mehr nach dem goldenen Schnitt.

Doch Chester ist nicht nur herrlich anzusehen. Es duftet nach warmen Scones, frisch gebrühtem Flat White und – besonders in der Watergate Street, Nummer 70 – nach angebratener Butter und Rosmarin. Das Lokal im Inneren, »Upstairs at the Grill« befindet sich – namensgetreu – im Obergeschoss. Im gedämpft beleuchteten Speisesaal flackert das Feuer des offenen Kamins und der Aperitif »Breakfast at Tiffany’s« ist so aufgeweckt und geheimnisvoll wie Audrey Hepburn im Filmklassiker. Die frittierten Haggis-Bällchen überraschen dann mit ihrer knusprigen Hülle, und der Rucola-Salat mit den karamellisierten Walnüssen überzeugt durch sein ausbalanciertes Zitronen-Senf-Dressing. Schon kommt die Hauptattraktion: knusprig angebraten, innen tiefrosa, in breiten Streifen aufgeschnitten das Delmonico Steak. Vom Holzkohlegrill rauchig, ohne zu überwältigen, innen butterzart, ohne fettig zu wirken. Das vielleicht beste Steak der Welt.

Ganz mag man den Abend danach noch nicht aufgeben. Die Bar »Vin Santo« findet man im rustikalen Kellergewölbe unter Tage. Und hier schmeckt der Jansz Premium Rosé aus Tasmanien so intensiv nach Erdbeeren zu frischer Brioche, dass man erkennen muss: Selbst unterirdisch liegt Genuss in Chester auf höchstem Niveau.   

Samstag

 

Kultur trifft Kulinarik: Tag zwei beginnt mit einem Kaffee im historischen Kirchengemäuer und endet im Amerika der 1920er-Jahre.

Das Licht bunter Kirchenfenster weckt gemeinhin Assoziationen mit süßlichem Weihrauch, langen Kirchenbänken und goldglänzenden Altären. Doch betritt man im Kreuzgang der Chester Cathedral den hohen Saal mit der bunten Verglasung, steigt einem der Duft von Röstaromen in die Nase. Tafeln mit Tellern erstrecken sich parallel zur Raumlänge, und an der Rückwand schäumt Jamie Eley Milch für den nächsten Cappuccino. Willkommen im »Café 1092«, sagt der Restaurantleiter und grinst, »dem ältesten Speisesaal der Stadt.«

Schon im 13. Jahrhundert haben sich hier die Benediktinermönche des Klosters eingefunden, sechs Mal täglich. »Genuss stand damals aber noch nicht im Vordergrund«, sagt Eley. »Es gab vor allem Wasser und Brot.« Das hat sich zum Glück geändert: Heute können Gäste zwischen warmem Apple Pie, saftigem Karotten-Orangen-Kuchen oder buttriger Cappuccino-Torte wählen. Der pikante Bestseller: Welsh Rarebit, ein gehobener Käsetoast und eine Tradition aus dem Nachbarland, das nur eine halbe Stunde Fußmarsch von Chester entfernt liegt.

Das »Café 1092« (dem Gründungsjahr der Kathedrale huldigend) ist nicht der einzige kulinarische Geheimtipp an ungewöhnlicher Stelle. Als wir uns auf dem Weg zum Abendessen immer weiter vom Stadtzentrum entfernen, wird regelmäßig Google Maps konsultiert. Ist das wirklich der richtige Weg? Doch der rote Standort-Pin ruht zuversichtlich im ruhigen Vorort Hoole.

In der Charles Street fällt der Blick auf ein Schild vor der walnussbraunen Fassade der Nummer 11. »Chef Luke is back« steht mit weißer Kreide auf schwarzer Schiefertafel daneben ein eindrucksvolles Porträt des Chefkochs. »Luke«, erklärt Restaurant­leiterin Hattie Logan, während sie ein Glas Grünen Veltliner aus dem Kremstal serviert, »war schon Küchenchef, als wir vor 15 Jahren aufgemacht haben.« Danach eröffnete er die Dependance in Liverpool und machte einige Jahre sein eigenes Ding. »Und nun ist er wieder zurück.« Das will sich Chester nicht entgehen lassen. Bereits kurz nach 18 Uhr ist jeder der kleinen Holztische im »Sticky Walnut« gefüllt. Und die Gnocchi schmecken dann tatsächlich so charmant nach Kartoffelteig, dass sie nur hausgemacht sein können, serviert mit mildem Ziegenkäse und Pfifferlingen sowie ofenwarmem Sauerteigbrot. Das zarte Forellenfilet wird an pfeffriger Brunnenkressesauce serviert und die Profiteroles thronen auf einer wunderbar herben Schokoladensauce zum Eis – den Restaurant­namen feiernd – aus edler Walnuss.

Der Abend endet so ungewöhnlich wie er begonnen hat: Zurück im Stadtzentrum geht es für den »Nightcap« über eine schmale Treppe und eine unscheinbare grau-weiße Tür in Chesters berühmteste Speakeasy-Bar: »Prohibition«. Im samtigen Ambiente der 1920er-Jahre kommt mit dem »Black Forest« die Schwarzwälder Kirschtorte in flüssiger Form – himmlisch raffiniert und fast schon verboten gut.

Sonntag

 

Zum Abschluss wird es ruhiger: bei einer Boots-tour am Fluss Dee und einem Afternoon Tea vor dem knisternden Kamin in »Rowton Hall«.

Spiegelglatt liegt Sonntagmorgen die Wasseroberfläche des Flusses Dee. Auf dem Programm steht eine Stadtführung mit Gräfin – eine echte Adelige ist damit allerdings nicht gemeint. Flussgräfin Jackie Leech ist der Name des gemütlichen Ausflugboots, dessen Motor der Kapitän nun anwirft. Während Jackie (eine Hommage an jene Lady, die die Schwanenpopulation der Stadt rettete) flussaufwärts tuckert, passieren wir Chesters einzigen schwimmenden Biergarten »The Boathouse«, die eifrigen Ruderer eines der ältesten Ruderclubs des Landes und einen schwarzen Kormoran, der wild mit den Flügeln schlägt – ein Zeichen, erklärt der Bootsführer, dass der Vogel gerade einen Fang gemacht hat.

Über uns lassen sich Möwen im Wind fallen, die Luft riecht so klar, wie sie es nur an einem kalten Tag tut, und der Kommentator macht auf den weiten Park zu unserer Rechten aufmerksam. Wie so vieles hier ist dieses Land im Besitz von Lord Grosvenor, nach dem auch mehrere Hotelresidenzen der Stadt benannt sind. Sein offizieller Titel Duke of Westminster lässt erahnen, in welcher Stadt Lord Grosvenor noch eine große Rolle spielt: Er ist nicht nur in Chester, sondern auch in London der größte Grundbesitzer.

Ein Pint Cider genießen, während der Fluss Dee gegen den Bug klatscht – das geht im schwimmenden Biergarten des »Boathouse«.
© Anna-Maria Bauer
Ein Pint Cider genießen, während der Fluss Dee gegen den Bug klatscht – das geht im schwimmenden Biergarten des »Boathouse«.

Aristokratisch präsentiert sich auch der Nachmittag. Wintersonntage sind in England, wie keine anderen, zum Teetrinken da. Wenn es draußen kalt ist und der Wind an die Scheiben klopft, löst kaum etwas so viel Wohligkeit aus wie eine dickbäuchige Kanne, aus der herber Bergamotte-Duft steigt. Tee ist in England aber nicht nur ein Heiß­getränk, sondern verheißungsvoller Luxus.

Vorsichtig stellt Amy im Dining Room von »Rowton Hall«, ein paar Autominuten außerhalb von Chester, die dreistöckige Etagere und den Earl-Grey-Tee auf dem runden Holztisch vor dem hohen Fenster ab. Sogar bei einem Genuss wie dem Afternoon Tea schimmert die britische Liebe für Ordnung durch. Beginnen muss man also mit den filigranen Fingersandwiches: cremiger Eiaufstrich, Cheddar mit pikantem Zwiebelchutney und, wie immer der Favorit, schottischer Lachs mit Schnittlauch und den erfrischenden Gurken. Der zweite Gang ist den Scones vorbehalten. Das faustgroße Hefegebäck, das man stets auseinanderbrechen nie schneiden sollte, wird korrekterweise mit Erdbeermarmelade und Clotted Creme serviert. Der krönende Abschluss: Schokoladewürfel mit Kirschkern und ein cremiger Zitronen-Dome.

Und so endet dieser Sonntag wie er begonnen hat, in Gedenken an eine inspirierende Aristokratin: Denn es ist dem knurrenden Magen von Anna Russell, Herzogin von Bedford, zu verdanken, dass wir uns an diesem Nachmittagssnack laben können.

Adressen

Hotels

The Chester Grosvenor (1)

Luxus pur im eleganten, zentral gelegenen Fünf-Sterne-Hotel. Bereits Winston Churchill und Queen Elizabeth II haben hier genächtigt. Tipp für Nicht-Hotelgäste: Afternoon Tea im »Arkle« einnehmen.
56–58 Eastgate St, Cheshire, Chester CH1 1LT, T: +44 1244 324024,
chestergrosvenor.com

Indigo Chester Hotel (2)

Gemütliches Boutiquehotel mit liebevoll gestalteten Zimmern, die der berühmten Eastgate Clock und der Pferderennbahn (immerhin die älteste des Landes) Tribut zollt.
Grosvenor Park Rd, Chester CH1 1QQ
T: +44 1244 735745,
ihg.com/hotelindigo

Grosvenor Pulford Hotel & Spa (3)

Elegantes Vier-Sterne-Hotel mit ausschweifender Spa-Landschaft und dem herrlich grünen »Palm Court«-Restaurant, in dem sich das Drei-Gänge-Menü in aller Ruhe genießen lässt.
Wrexham Road, Pulford, Chester CH4 9DG
T: +44 1244 570560
grosvenorpulfordhotel.co.uk

Restaurants

Upstairs at the Grill (1)

Fantastisches Steaklokal, von New York inspiriert, im Michelin Guide erwähnt. Empfehlung: das Delmonico Steak, vielleicht eines der besten Steaks der Welt.
70 Watergate St, Chester CH1 2LA
T: +44 1244 344883
upstairsatthegrill.co.uk

Sticky Walnut (2)

Man lasse sich von dem schmalen Lokal nicht täuschen: Dieses Bistro bietet feine Küche auf fabelhaftem Niveau: saftige Gnocchi, zartes Forellen-filet, knusprige Profiteroles.
11 Charles St, Cheshire, Chester CH2 3AZ
T: +44 1244 400400
stickywalnut-bistro.co.uk

COVINO (3)

Winziges Bar-Restaurant im Herzen der Stadt, ebenfalls im Michelin Guide gewürdigt. Mediterrane Küche: Foie-Grois-Crostini, Jakobsmuscheln auf Blumenkohlpüree und Birnen-Mandel-Tarte – dazu eine umfangreiche Weinauswahl.
118 Northgate Street, Chester, CH1 2HT
T: +44 1244 347727
covino.co.uk

Thyme in Rowton Hall (4)

Gediegenes Restaurant im »Rowton Hall Hotel & Spa«. Nur einen Steinwurf von Chester fühlt man sich tief am englischen Land. Ein Ort zum Krafttanken, beim Brunch oder Sunday Roast.
Rowton Hall Hotel and Spa, Rowton Lane, Chester, Cheshire, CH3 6AD
T: +44 1244 335262
rowtonhallhotel.co.uk

Cafés

Huxley’s Café und Bar (1)

Niedliches Café direkt an der alten Stadtmauer gleich neben der berühmten Eastgate Clock, mit toller Aussicht über die geschäftige Eastgate Street. Selbst gemachte Kuchen und köstliches Salted-Caramel-Eis.
11 City Walls, Chester CH1 1LD
instagram.com/huxleys_chester

Cafe 1092 in the Refectory (2)

Willkommen im ältesten Speisesaal der Stadt. Im 13. Jahrhundert speisten hier Mönche, heute genießt man hier Earl Grey und Scones unter bunten Kirchenfenstern.
Chester Cathedral, St Werburgh Street, Chester, CH1 2DY
T: +44 1244 500964
chestercathedral.com

The Garden Social (3)

Köstlicher Kaffee untertags und herrlicher Wein – mitunter zu Livemusik – nach Sonnenuntergang, im bunt zusammengewürfelten Ambiente eines Community-Cafés.
40 Catherine St, Chester CH1 4JY
garden-social.co.uk

200 Degrees Coffee Roastery (4)

Modernes Kaffeehaus in einem der berühmten Fachwerkhäuser der Stadt. Hier kann man nicht nur Flat White trinken, sondern auch lernen, wie man ihn korrekt zubereitet.
31 Bridge Street, Chester, CH1 1NG
T: +44 1244 5611751
200degs.com

Bars & Clubs

VIN SANTO (1)

Atmosphärische Bar samt Weinhandlung in einem sandfarbenen Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert. Wurde 2024 zur besten Hybrid Bar des Landes erklärt – verdienterweise! Auch der Wagramer Zweigelt vom Weingut Eschenhof hat es auf die Karte geschafft.
21 Watergate St, Chester CH1 2LB
T: +44 1244 310455
vinsantochester.co.uk

The Prohibition (2)

Chesters berühmteste »geheime« Bar im Stil der 1920er-Jahre serviert Klassiker und Eigenkreationen wie den Peanut Butter Old Fashioned oder Calypso mit braunem Rum und karamellisiertem Obst.
66 Watergate Street, Chester, CH1 2LA
parmarhouse.com/prohibition

The Botanist (3)

Bunte Drinks im blumigen Indoor-Garten: Der »Garden Gimlet« mit Gurken-Gin, der »Flower Power« mit Lychee und Jasmin-Wodka-Nebel. Am Wochenende sorgt Livemusik für Stimmung.
Werburgh Street, Chester, CH1 2DY
T+44 1244 408100
thebotanist.uk.com

Sehenswürdigkeiten

Roman Walls mit Eastgate Clock

Eine Runde auf der historischen Stadtmauer drehen (ca. 1 Stunde) und die Altstadt aus neuen Blickwinkeln entdecken. Start und Ziel: Eastgate Clock, die meistfotografierte Uhr Großbritanniens nach Big Ben. 41–45 Eastgate St, Chester CH1 1LE
visitcheshire.com

Chester Cathedral

Beeindruckend: Mittelalterliche Chorgestühle, viktorianische Mosaike und ein Ort, an dem neben Gottesdiensten auch zeitgenössische Ausstellungen (aktuell: Purgatory) sowie Konzerte stattfanden.
St Werburgh St, Chester CH1 2DY
T: +44 1244 324756
chestercathedral.com

Boat Tours am River Dee

Gemütlich die Stadt erkunden: über den River Dee gleiten, Kormorane und Ruderer beobachten und die Ländereien des Duke of Westminster bestaunen.
The Boating Station Souters Lane, The Groves Chester, CH1 1SZ United Kingdom
T: +44 1244 325394
chesterboat.co.uk

 

© Stefanie Hilgarth/carolineseidler.com
© Stefanie Hilgarth/carolineseidler.com

Anna-Maria Bauer
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