Pantelleria: Schwarze Perle im Mittelmeer
Vor der tunesischen Küste haben Sturm und Sonne über Jahrtausende Pantelleria geformt. Heute zählt die Vulkan-Insel zu den Geheimtipps des Jetsets.
Es ist die Unterschiedlichkeit, die Neuankömmlingen sofort auffällt. Wer sich per Flugzeug der Insel Pantelleria nähert, sieht eine Landschaft von Hartlaubwäldern auf bergigem Terrain, das zum Wandern einlädt. Vom sizilianischen Trapani setzt jeden Tag eine Fähre über, und nach sechs Stunden und 142 Kilometer begrüßen einem schwarze Felswände. Ein schroffes Gegenteil zur immergrünen Harmonie.
Kohlenfarbenes Gestein, dunkelgrüne Kakteen, türkis glitzerndes Meer – es sind solche Farbkontraste, die Pantelleria auszeichnen. Es ist ein kleiner Fleck, 60 Kilometer vor der tunesischen Küste, ein Außenposten Europas, der geologisch zum afrikanischen Kontinent gehört. Eigentlich ist die Insel nicht mehr als ein vulkanischer Auswurf – vor 325.000 Jahren ins Meer gespuckt, über Jahrtausende erkaltet und von brütender Hitze auf Betriebstemperatur gehalten.
Im August erreichen die Temperaturen 37 Grad, im Winter brausen Stürme mit Windstärke acht über die ungeschützte Insel. 36 erloschene Krater verteilen sich auf knapp 80 Quadratkilometer Fläche – etwas mehr als Salzburg und kleiner als Linz. Rund 7600 Einwohner arrangieren sich ganzjährig mit diesem Klima. Ein Vielfaches mehr besucht in der Hochsaison die „schwarze Perle des Mittelmeers“, die das „Time Magazine“ im vergangenen Jahr zu einem der „großartigsten Orte der Welt“ ernannt hat.
Warum nur zieht es Menschen auf diesen gottverlassenen Felsen? Historisch betrachtet lässt sich diese Frage einfach beantworten. Phönizier, Karthager, Römer und Araber kämpften wegen der strategischen Lage zwischen Sizilien und Afrika um Pantelleria. Sie hinterließen eine terrassenförmige Akropolis mit wehrhaften Mauern – und im Falle der Araber einen Wortschatz, der den örtlichen Dialekt prägt. Später eroberten die Normannen die Insel, nachher kamen die Spanier, bevor schließlich die Italiener dieses wundersame Stück Land einnahmen. Das war Ende des 19. Jahrhunderts – und die Insel hatte bereits jegliche geopolitische Bedeutung verloren. Pantelleria verkam zum Wurmfortsatz Siziliens, auf dem Olivenbäume und Weintrauben gediehen.
Abgeschiedenheit und urtümliche Kraft
Die dürftige Infrastruktur erlaubte eine Grundversorgung, auf den staubigen und schmalen Straßen hatten angeblich nur Fiat Pandas Platz. Bis heute sollen von diesem Modell mehr Autos auf der Insel fahren als Menschen darauf wohnen. Dank der allgemeinen Ratlosigkeit, was man in einer hoch industrialisierten Welt mit diesem insularen Vulkanrückstand anfangen sollte, konservierten die Panteschi zwangsläufig eine Kulturlandschaft, die heute ihresgleichen sucht.
Pantelleria verfügt über in diesen hypermodernen Zeiten selten gewordene Qualitäten: Authentizität und Überlebenswillen, Langsamkeit und Abgeschiedenheit. Die Insel strotzt vor urtümlicher Kraft und gelebter Naturverbundenheit. Organische Architektur dominiert die Landschaft, in Form von massiven Steinhäusern, den traditionellen Dammusi. Seit Jahrhunderten haben die Menschen in Ermangelung einer Trinkwasserquelle gelernt, sich aus dem Regen ihr Nass zu holen. Die kuppelförmigen Dächer der Dammusi fangen den Regen ab, Steinrillen kanalisieren ihn, bis er in Becken aufgefangen wird.
Noch mehr Erfindergeist gefällig? Damit der Wind nicht die Olivenbäume umknickt, wachsen viele von ihnen in sogenannten Giardini Panteschi – steinernen Umzäunungen, die selbst Jahrhundertstürme überstehen. Winzer bauen ihren Zibibbo-Wein nach der Alberello-Methode an, bei der die Pflanze auf den Boden gedrückt wird. Der Dessertwein Passito ist ein Produkt dieser besonderen Pflege, er schmeckt nach der sonnigen Süße des Sommers.
So viel reduzierter Lebensstil hat in den vergangenen Jahrzehnten das Interesse der Überflussgesellschaft geweckt. Modeschöpfer Giorgio Armani reist jährlich in seine Villa auf der Insel, zu seinem Anwesen zählen sieben Dammusi mit dicken Steinmauern, ein Swimmingpool und ein Garten mit 300 Jahre alten Palmen, die der Designer allerdings aus Sizilien herankarren ließ.
Ihn beruhige die Umgebung der Insel, hat er einmal im Interview gesagt. Wer sich Ralph Fiennes im Arthouse-Film „A Bigger Splash“ ansieht, kann dies kaum bestätigen: Er spielt einen Musikproduzenten, der auf das Dach eines Dammuso klettert, wie ein Berserker zu den Rolling Stones tanzt und überhaupt nicht zu sich selbst findet. Luca Guadagnino hat den Film in der „Tenuta Borgia“ gedreht, einem schlicht-luxuriösen Hotelkomplex, in dem Gäste bis heute Diskretion und Abstand finden. Der Regisseur wollte die Kontraste der menschlichen Existenz durchleuchten – keine andere Insel schien ihm dafür ein besserer Schauplatz zu sein.
Die Abwesenheit von grellen Ablenkungen führt auf Pantelleria dazu, sich der Landschaft zu stellen. Urlauber wandern durch den Nationalpark, der drei Viertel der Insel einnimmt; im Herbst beobachten sie die Zugvögel, die auf dem Weg nach Afrika hier rasten. Im Frühjahr erkunden Gäste auf Mountainbikes die bewaldeten Hügel um den 836 Meter hohen Montagna Grande, legen sich in eine der vielen Thermalquellen, die sogenannten Favare, die den Körper entspannen (sofern man den Schwefelgeruch ignorieren kann). Den Sommer verbringen Besucher auf Kajaks und Ausflugsbooten, tauchen mit Delfinen oder Meeresschildkröten und suchen nach einsamen Buchten für die Mittagsruhe.
Pantelleria ist kein Ferienort für jedermann. Nur wer sich auf Ursprünglichkeit in all ihren Facetten einlassen kann, verfällt dem Charme dieser Insel – und kommt dann ein Leben lang wieder.
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