Andreas Salcher über ein gutes Leben
Ein Essay von Bestsellerautor und Bildungsexperte Andreas Salcher über die drei Wege zum guten Leben.
»Die wirkliche Quelle unseres Glücks liegt darin, mit Freude das zu tun, was langfristig gut für uns und die Gesellschaft ist.« Um die fundamentale Wahrheit in dieser Erkenntnis von Aristoteles zu erkennen, ist es gut, zu wissen, dass dieser kein weltfremder Philosoph war, sondern dem Menschen durchaus das genussvolle Ausleben seiner Begierden zugestand, aber immer mit Maß und ohne sich davon abhängig zu machen. Übersetzt in unsere heutige Zeit könnte man sagen, einmal im Monat Schnitzel mit Pommes ist kein Problem, ständig Schnitzel schon. Drei Wochen jeden Tag zwei Stunden laufen zu gehen und dafür den Rest des Jahres gar nicht, ist deutlich schlechter, als jede Woche zweimal langsam zu traben. Aristoteles war zutiefst davon überzeugt, dass die Tugend der Selbstbeherrschung keinen Verzicht bedeutet, sondern im Gegenteil die Voraussetzung für ein erfülltes Leben wäre. Und er erhob nie den moralischen Zeigefinger. Vielmehr machte er überzeugend klar, dass es für das eigene Glück entscheidend ist, die Antwort auf eine Frage zu finden:
Was heißt ein gutes Leben für mich?
Der amerikanische Psychologe Martin Seligman, Mitbegründer der Positiven Psychologie, untersuchte jahrelang extrem unglückliche und extrem glückliche Menschen, um herauszufinden, wodurch sich diese unterscheiden.
Es zeigte sich, dass die Glücklichen nicht religiöser, reicher, erfolgreicher waren, sondern sich vor allem durch eine Eigenschaft gegenüber den Unglücklichen auszeichneten: Sie waren sehr gesellig, hatten befriedigende Liebesbeziehungen und viele Freund:innen. Diese Erklärung war Seligman allerdings zu undifferenziert, um sie auf jeden Menschen übertragen zu können. Bei seinen tiefer gehenden Untersuchungen fand der Psychologe heraus, dass es drei unterschiedliche Wege zu einem subjektiv als glücklich empfundenen Leben gibt:
Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und ein kritischer Vordenker zu Bildungsthemen. Mit neun Nummer-eins-Bestsellern und über 250.000 verkauften Büchern gilt er als einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Österreichs. Sein aktuelles Buch »Unsere neue beste Freundin, die Zukunft« erschien im Oktober 2023.
© Lukas BeckDer erste Weg ist das angenehme Leben, bei dem versucht wird, möglichst viele positive Emotionen zu verspüren. Dieser Weg hat allerdings zwei Nachteile: Erstens hat sich gezeigt, dass diese Art der Glücksfähigkeit zu 50 Prozent genetisch vorgegeben und daher wenig veränderbar ist. Das machte zum Beispiel eine Untersuchung der Lebensläufe von Nonnen deutlich. Diese wurden deswegen ausgesucht, weil deren Lebensführung weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen und darum vergleichbar war. Das überraschende Ergebnis: Aus der beim Eintritt ins Kloster am positivsten gestimmten Gruppe waren im Alter von 85 Jahren noch 90 Prozent am Leben, aus der am meisten pessimistischen Gruppe hingegen lediglich noch 34 Prozent. Und zweitens gewöhnt man sich sehr schnell an positive Emotionen. Der erste Schluck Bier ist der beste, nach dem dritten Krügel steigt das Glücksgefühl nicht mehr an, sondern nur der Alkoholisierungsgrad. Das Prinzip vom abnehmenden Grenznutzen gilt nicht nur für Genussmittel, sondern auch für viele Freizeitvergnügungen. Dauerhaftes Glück ist aber mehr als Vergnügen. Das gute Leben ist der zweite Weg zu einem als glücklich empfundenen Dasein, der über das Tun, das Aufgehen in der Arbeit, der Familie, im Sport bzw. in der Kunst führt. Wenn diese Aktivitäten das richtige Verhältnis zwischen Anstrengung und Zielerreichung finden, sind die vom Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi entdeckten sogenannten Flow-Erlebnisse möglich, die wiederum Freude auslösen. Das Erzielen von Flow-Erlebnissen ist weitaus schwieriger zu erreichen, als sich ein positives Gefühl durch Vergnügen wie Shopping, Essen oder Drogen zu verschaffen, dafür wirkt der Effekt länger nach.
Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, um das Leben führen zu können, das uns erwartet.«
Andreas Salcher
Kulturanthropologe
Andreas Salcher
Kulturanthropologe
Drittens gibt es das sinnvolle Leben, das bedeutet, seine Berufung zu kennen und sich in den Dienst einer Aufgabe zu stellen, die größer ist als man selbst. Dafür muss man nicht alle seine persönlichen Ziele aufgeben, um sie einem weit entfernten, höheren Gut zu opfern, sondern klare Prioritäten setzen. So ist es eine weit lohnendere Aufgabe, seine Umwelt aktiv zu beeinflussen, als passiv und ohnmächtig alles hinzunehmen. Ausgehend von diesen Erkenntnissen konzentrierte Seligman sich darauf, herauszufinden, welcher der drei Wege am nachhaltigsten zur Lebenszufriedenheit beiträgt. Die Studienergebnisse waren überraschend. So erhöhte der erste Weg, also der Versuch, das Vergnügen und die guten Gefühle in seinem Leben zu maximieren, die Lebenszufriedenheit nahezu gar nicht. Das Streben nach Sinn, also der dritte Weg, hatte den positivsten Einfluss, gefolgt vom Streben nach der Erfüllung im Tun. Natürlich sind wir alle abhängig von den Umständen, von Zufällen des Lebens, vieles kann gegen uns laufen. Nicht zuletzt deshalb ist ein Satz des Kulturanthropologen
Joseph Campbell aktueller denn je: »Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, um das Leben führen zu können, das uns erwartet.«