Betörend intim: Im Interview mit Yann Vasnier
Valentino zwischen Leder und Veilchen: Seit kurzem reiht sich mit »Amour sans Détour« ein neuer Duft in die »Anatomy of Dreams«-Kollektion der italienischen Maison. Erdacht wurde die Neuheit von Meister-Parfümeur Yann Vasnier – er sprach mit Happy Life über Inspiration und persönliche (Lieblings-)Noten.
Mit dem Neuzugang zu seiner Haute-Couture-Kollektion »Anatomy of Dreams« lädt Valentino Beauty auf eine olfaktorische Reise von intensiv bis intim. »Amour sans Détour« – zu Deutsch: Liebe ohne Umwege – nennt sich das Parfüm, das sich mit zarten Veloursleder-Akkorden und floral-sinnlichen Noten auf die Haut legt. Die Neuheit ist bereits der achte »Anatomy of Dream«-Duft – eine Kollektion, die laut Valentino durch verschiedenste Räume eines italienischen Palazzo führen soll. Jede Kreation repräsentiert eine eigene hedonistische Traumwelt: »Sogno in Rosso« von Fabrice Pellegrin etwa liest sich als Privattheater, während »Private Talk«, entworfen von Nicolas Bonneville, das Bild eines geheimen Stelldicheins im Treppenhaus evozieren soll.
Mit der Unisex-Kreation »Amour sans Détour« von Yann Vasnier öffnet Valentino Beauty nun die Tür zum nächsten Raum seines Palazzo: einem Boudoir – ein sinnlicher, zugleich intimer Duftraum. Im Zuge der exklusiven Präsentation im Almanac Vienna sprach der französische Parfümeur mit Falstaff Happy Life über Inspiration, persönliche Lieblingsnoten – und den Einfluss seiner Mutter.
Falstaff HAPPY LIFE: Mr. Vasnier, was war der Ausgangspunkt für »Amour sans Détour«?
Yann Vasnier: Alles begann mit dem Konzept des Boudoir im römischen Palazzo – dieser Idee von Sinnlichkeit und Sexualität, von Intimität und Komfort. Dazu inspirierten mich sanfte Stoffe wie Samt und Seide – als Kontrast zum eher rauen Leder.
Leder und Veilchen: Wie führen Sie diese Noten zueinander? Und wie schaffen Sie die Gratwanderung zwischen Betörung und Intimität?
Veilchen ist sehr dunkel, sehr dicht, grün, hell und leicht zugleich. Leder kann sehr rauchig und animalisch sein. Die Aufgabe bestand darin, diesen kraftvollen und markanten Inhaltsstoffen etwas Modernität, etwas Leichtigkeit zu verleihen. Essentiell dafür sind die Moschusnoten. In der Kopfnote stammen diese aus pflanzlichen Ambrette-Samen. Hinzu kommen Angelikawurzel, Iris, Patchouli und Vetiver. All diese Moleküle verbinden sich zu einer sanften, modernen Note. Es ist wie eine zweite Haut.
Wie äußert sich »Unisex« in diesem Parfüm?
Wenn man wie hier viel Moschus hat, passt er sich der Haut wirklich gut an. Bei einem Mann wird der Duft rauchiger, ledriger, holziger. Bei einer Frau wird er blumiger oder zarter. Diese Noten kann man über Layering auch betonen. »Bianco 1968« von Jordi Fernandez sorgt für mehr Helligkeit, ist sehr cremig und milchig. »Rockstud Noir«, entworfen von Daniela Andrier, betont Geschmeidigkeit, Dunkelheit und Reichhaltigkeit.
Welche Note Ihres Parfüms gefällt Ihnen persönlich denn am besten?
Nun, Parfümeure lieben teure Rohstoffe. Damit zu arbeiten, ist immer ein Vergnügen. Ambrette, Iris und Angelika stehen ganz oben auf der Liste. Seit meiner Jugend habe ich zudem eine Leidenschaft für Leder. Als ich die Osmothèque in Versailles besuchte, sagte man mir, dass man sich mit der Lederfamilie besonders gut auskennen müsse. Das hat mich immer fasziniert.
Nachhaltigkeit ist fester Bestandteil der Luxusbranche, auch bei Valentino – so bestehen etwa die Flakons der Kollektion aus zu 15 % recyceltem Glas. Wie wichtig ist das Thema für Sie, insbesondere bei der Duftkreation?
Die Marken geben von Anfang an vor, was wir verwenden dürfen und was nicht. Das betrifft zum Beispiel gefährdete Rohstoffe – wie bestimmte Oud- oder Sandelholzarten aus Indien – oder tierische Produkte. Darauf bauen wir auf. Ich liebe viele dieser Produkte, aber wir verwenden sie nicht mehr. Valentino Beauty gehört zu L’Oréal, das sehr hohe Standards in Bezug auf Nachhaltigkeit hat. Daher ist alles so weit wie möglich rückverfolgbar.
Ihren Weg in die Welt der Düfte fanden Sie bereits in jungen Jahren. Wann wussten Sie, dass Sie Parfümeur werden wollten?
Bereits mit 13 Jahren, also ziemlich früh. Ich war ein sehr neugieriges Kind, interessierte mich für Mode, Chemie, Kunst, Geschichte und Literatur. Als ich von Sammlern oder Dandys hörte, wollte ich so sein wie sie. Also wollte ich Parfümeur oder Architekt oder Restaurator werden. Mein Bruder ist heute Landschaftsarchitekt.
Sie sind in der Bretagne aufgewachsen. Gibt es Düfte aus der Landschaft Ihrer Kindheit, die heute in Ihre Parfüms einfließen?
Ich fühle mich immer zu Düften hingezogen, mit denen ich aufgewachsen bin. Das waren eher frische Noten wie Hyazinthen, Narzissen, Magnolien, Rosen und Maiglöckchen. Der Süden mit seinen schwereren Düften wie Jasmin oder Gardenien spricht mich weniger an; das war nicht meine Kindheit. Ich mag vor allem frische, erdige, frühlingshafte Düfte.
Gibt es weitere Nuancen, mit denen Sie eher nicht arbeiten?
Ja und nein. Ich mag keine Moleküle, die zu sehr mit Seife, Wäsche oder Waschmittel assoziiert werden. Moleküle, die zu technisch und chemisch sind, machen mich aus irgendeinem Grund traurig. Aber manchmal sind sie nützlich, um etwas Schärfe oder Reinheit hinzuzufügen.
Welche Parfüms oder Noten tragen Sie selbst gerne?
Ich liebe Hölzer und verwende Gewürze überall, weil sie Licht, Glanz und Lebendigkeit bringen.
Gibt es denn einen roten Faden, der sich durch Ihre Arbeit zieht?
Ich versuche immer, etwas Leichtigkeit einzubringen. Bei »Amour sans Détour« mit Moschus, Amber-Noten, einem Hauch von Gewürzen. Ich mag Süße wie Zucker, Karamell oder Fruchtigkeit nicht so sehr. Deshalb verwende ich diese Noten eher selten. Das verleiht meinen Düften wohl eine gewisse Signatur.
Was ist für Sie das Schwierigste daran, einen Duft zu kreieren? Ist es das Konzept, die Kreation oder doch die Endfindung?
Ich liebe es, anzufangen, das macht immer am meisten Spaß, weil man so viele Ideen hat. Wenn man dann das Konzept hat, wie zum Beispiel Veilchen oder Leder, dauert es eine Weile, bis es sich entfaltet. Der technische Teil kann frustrierend und langwierig sein. Manchmal weiß der Kunde nicht, was er will. Auch der Wettbewerb in der Branche, die sehr kompetitiv ist, ist schwierig.
Ihr Berufsbild besteht zu einem großen Teil aus Ihrer Expertise im Riechen. Wie halten Sie Ihre Nase über den Tag hinweg »neutral«?
Das Kreieren kann überwältigend sein. Manchmal macht man Fehler und übertreibt es, und dann muss man auch mal die Fenster öffnen. Und wenn man müde ist, sollte man am besten an sich selbst – etwa am eigenen Ärmel – riechen.
Gibt es eine bestimmte Tageszeit, zu der das Arbeiten am leichtesten fällt?
Morgens. Nach fünf mache ich Feierabend.
Apropos Feierabend: Inspiration findet sich häufig jenseits des Büros. Dienen Ihnen Freunde oder Familie jemals als Vorlage für ein neues Parfum?
Ja, manchmal schon. Vor allem bei Valentino denke ich an einige meiner fantastischen Freundinnen. Oder meine Mutter – sie ist etwas ganz Besonderes. Sie weiß, was sie will. Sie kann eine Nervensäge sein, aber ich liebe sie. Sie kommentiert alles. Wenn ich einen Duft mitbringe, kann es sein, dass sie sagt: »Das ist nichts für mich.« Sie liebt blumige, sanfte Düfte. Aber ich habe ein paar kreiert, die ihr gefallen – und ich wäre traurig, wenn sie den Duft von jemand anderem tragen würde.