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© Vincent Callebaut Architectures

Architekt Vincent Callebaut: Zwischen ökologischer Vision und Kritik

Architektur
Design-Porträt
Bauwesen

Der Pariser Architekt Vincent Callebaut baut zwar nur wenig, produziert aber Visionen und Visualisierungen, dass einem schwindlig werden könnte. In der Fachwelt wird er immer wieder kritisiert. Er selbst sieht sich als Botschafter einer grünen Öko-Zukunft.

Die 21 Stockwerke, im Grundriss ein bisschen an die Form eines Propellers oder eines Bentley-Logos erinnernd, sind nach oben hin im Uhrzeigersinn zueinander verdreht, um jeweils 4,5 Grad pro Etage, bis sie in 93 Meter Höhe schließlich in einem riesigen, mit Photovoltaik bestückten Flugdach enden. Durch die Torsion konnten sich die insgesamt 40 Käufer:innen – zwei Wohnungen pro Geschoß – aussuchen, in welche Himmelsrichtung sie blicken möchten.

Das Hochhaus Tao Zhu Yin Yuan im Herzen von Taipeh, international besser bekannt als Agora Garden, ist rundum von Pflanztrögen und grünen Terrassen gesäumt, die in Kombination mit der teilweisen Verschattung eine Art kühlenden Schleier bilden. Insgesamt wurden rund 23.000 Pflanzen verbaut. Das haustechnische Konzept mit Temperierung, autonomer Stromproduktion und der Absorption und Zwischenspeicherung von Regenwasser scheint zu funktionieren: Bei seiner Fertigstellung wurde das Haus mit dem US-amerikanischen Label LEED Gold zertifiziert. In den Jahren danach hagelte es noch diverse Architekturpreise, unter anderem den CTBUH Award of Excellence sowie den German Design Award 2018.

Tao Zhu Yin Yuan, Taipeh
21 Stockwerke, 93 Meter, 23.000 Pflanzen: Das verschraubte Wohnhochhaus in der taiwanesischen Hauptstadt wurde von der BES Engineering Corporation errichtet und umfasst 40 Wohnungen.

© Vincent Callebaut Architectures

Vincent Callebaut, Paris
»Wenn ein Kunde an dich glaubt und dich in deinen Zielen stärkt, dann bist du bereit, für ihn Berge zu versetzen.«
vincent.callebaut.org

© Vincent Callebaut Architectures

»Tao Zhu Yin Yuan ist ein Pionierkonzept, das mit der Natur arbeitet und das darauf abzielt, den ökologischen Fußabdruck auf ein Minimum zu reduzieren«, sagt der belgische Architekt Vincent Callebaut, der am Institut Supérieur d’Architecture Victor Horta in Brüssel studierte. »Mit der Natur zu bauen, die Klimakrise in den Griff zu kriegen und ständig neue ökologische Funktionsweisen zu erfinden, kombiniert mit dem Anspruch auf hochwertiges Wohnen und Leben – ich glaube, das ist die größte Herausforderung an uns Architekt:innen dieser Generation.«

Callebaut, der einst bei Odile Decq und Massimiliano Fuksas arbeitete, wurde mit seinem utopischen Projekt Dragonfly, über das auf einmal Medien in aller Welt berichteten, 2009 auf einen Schlag berühmt. Sogar die Shanghai World Expo und die Arts Fair in Dubai wurden damals auf ihn aufmerksam. Dragonfly ist ein Entwurf für eine 132-stöckige, 600 Meter hohe vertikale Farm, die an der Südspitze von Roosevelt Island in New York stehen sollte, mitten im East River, und mithilfe von Wind- und Solarenergie Obst und Gemüse für die Megacity produzieren sollte. Kurz darauf gründete Callebaut sein eigenes Architekturbüro in Paris.

Chashitsu, Japan
Man wird wohl noch träumen dürfen. Zum Beispiel von scheinbar schwerelosen, über dem Wasser schwebenden Teepavillons und buddhistischen Rückzugsorten am Stadtrand von Osaka.

© Vincent Callebaut Architectures

Dragonfly, New York
Die 600 Meter hohe, vertikale Farm in Form eines Libellenflügels hat Vincent Callebaut 2009 auf einen Schlag bekannt gemacht.

© Vincent Callebaut Architectures

»Ziel ist es, Landwirtschaft und Natur zurück in die Stadtzentren zu bringen, sodass wir bis 2050 grüne, nachhaltige Städte haben, in denen Mensch und Natur im Einklang miteinander leben können«, so Callebaut. Seine Hoffnung ist, dass sich Großstädte wie New York mit infrastrukturellen Einrichtungen wie diesen eines Tages selbst ernähren könnten. Und dass die Architektur auf diese Weise dazu beitragen könnte, den globalen Warentransport zu reduzieren. Wirft man einen Blick auf die Bevölkerungszahlen von Großstädten und auf die statistischen Daten des Nahrungsmittelkonsums, wird man rasch feststellen: Das geht sich nie aus.

Renault Timber Twingo
Im Auftrag des französischen Autobauers Renault entwickelte Vincent Callebaut 2023 die Vision von einem nachhaltigen Kleinwagen komplett aus Holz.
renaultgroup.com

© Nizar Bredan

Haussmann 2.0, Paris
Wie wäre es, wenn das Haussmann’sche Paris nicht nur aus grauem Stein bestünde, sondern überwuchert wäre von grünen, atmenden, sauerstoffproduzierenden Pflanzen?

© Greg O‘Leary

Für Ungenauigkeiten wie diese und für die Vermittlung unrealistischer, mitunter naiver Bilder einer grünen, ökologischen, komplett problembefreiten Zukunft wird Callebaut in der Fachwelt zutiefst kritisiert. Doch das scheint den 49-Jährigen, der immer wieder zu Vorträgen, Design-Projekten und Zukunftsstudien eingeladen wird, nicht zu tangieren. »Ich bleibe ein Vertreter von Biomimikry und möchte jungen Architekt:innen zeigen, dass sie imstande sind, nachhaltige Prototypen für eine grünere und bessere Zukunft zu produzieren. Fantasie ist das allerwichtigste Werkzeug, um unseren blauen Planeten zu reparieren.«

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 2/2026

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Wojciech Czaja
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