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© KHM Museumsverband

Bewegung im Museum: Jonathan Fine im Interview

Kunst
Interview

Jonathan Fine ist seit Jahresbeginn Generaldirektor des KHM-Museumsverbands. Und wir stellen uns die Frage: Wie gelingt die Balance zwischen Kunstpflege und kulturpolitischer Verantwortung? Im LIVING-Talk spricht er über neue Perspektiven und darüber, wie das Museum offener und zugänglicher werden kann.

Nach Stationen in den USA, Berlin und Wien möchte der promovierte Kunsthistoriker zeigen, dass Sammlungen nicht nur bewahrt, sondern auch befragt werden können – und im besten Sinne Gesprächsanlass sind.

LIVING Herr Fine, Sie sind seit Jänner 2025 im Amt. Wie haben Sie die ersten Monate erlebt?

Jonathan Fine Das erste Halbjahr ist in einer Geschwindigkeit vergangen, die ich so nicht erwartet hatte. Der Übergang vom Weltmuseum Wien mit 40 zum KHM-Museumsverband mit über 800 Mitarbeiter:innen war gewaltig. Es hat einen schnellen Veränderungsprozess gegeben, und mein Ziel war es, die Wissenschaft zu unterstützen und die internen Strukturen zu vereinfachen.

Ein zentrales Projekt unter Ihrer Leitung ist »Remastering KHM«. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Remastering bedeutet für mich, ein Meisterwerk technisch und konzeptionell auf den neuesten Stand zu bringen, ohne dabei seine Essenz zu verlieren. Diese Idee übertrage ich auf unsere Institution: Wir wollen bauliche, strukturelle und digitale Prozesse neu denken, um die Sammlungen zugänglicher zu machen und ihre Relevanz für ein breites Publikum sichtbar zu halten.

Die Schatzkammer soll technisch erneuert werden. Wird sie auch kuratorisch umgestaltet?

Ja – eine technische Erneuerung ohne kura-torische Überarbeitung wäre eine verpasste Chance.

Temporäre Ausstellungen sind im Kunsthistorischen Museum räumlich oft herausfordernd. Was planen Sie in diesem Bereich?

Das Haus wurde im 19. Jahrhundert nicht für wechselnde Ausstellungen gebaut, sondern für eine statische Präsentation konzipiert. Jedoch haben sich die Ansprüche und Erwartungen an Museen in den letzten 150 Jahren verändert, und so sind Sonderausstellungen heute essenziell. Sie ermöglichen neue Perspektiven und bringen das Museum in Bewegung. Solche Eingriffe führen aber oft zu Umhängungen in der Schausammlung, was die Vermittlung erschwert. Seit über einem Jahr evaluieren wir daher Optionen. Mein Ziel ist eine Präsentation der Gemäldegalerie, die nachvollziehbar bleibt, in ihrer Erzählung konsistent, und dennoch Raum für kuratorische Experimente bietet. Unser Projekt zu Pieter Claesz ist dafür ein erster Testballon.

Kunst, Wissen und Wahrnehmung nennen Sie als zentrale Achsen Ihrer Arbeit. Was dürfen wir uns im Herbst bei der Ausstellung zu Michaelina Wautier erwarten?

Vor etwa eineinhalb Jahren wurde mir das Projekt von der Gemäldegalerie vorgeschlagen, und ich habe sofort gesagt: »Das machen wir.« Die bislang umfassendste Schau zur bedeutenden flämischen Barockmalerin Michaelina Wautier erfüllt zwei wichtige Kriterien für Ausstellungsprojekte, wie ich sie mir vorstelle: Sie rückt einen Kernbestand des Museums ins Licht und eröffnet einen Dialog mit aktuellen Themen. Wautiers Hauptwerk »Bacchanal« befindet sich in unserer Sammlung. Lange wurde es männlichen Zeitgenossen zugeschrieben, weil man nicht glauben wollte, dass eine Frau so etwas erschaffen kann. Dadurch stellt die Ausstellung auch grundlegende Fragen: Wie gehen wir mit historischen Zuschreibungen und Geschlechterrollen in der Kunstgeschichte um?

Testballon
Das Pieter-Claesz-Projekt mit der Kaiserschild-Stiftung: Hier helfen digitale Tools, die symbolische Tiefe von Stillleben sichtbar zu machen.
khm.at/ausstellungen/pieter-claesz-stillleben

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Wie gelingt es, Menschen die Kunst noch näher zu bringen?

Durch Vermittlung. Ein Kunstwerk erwacht erst dann wirklich zum Leben, wenn es durch eine leidenschaftliche Vermittlung im Gespräch erschlossen wird. Vermittler:innen sind das Bindeglied zwischen wissenschaft-licher Tiefe und öffentlichem Verständnis. Ich wünsche mir, diesen Bereich stärker auszu-bauen, das erfordert allerdings zusätzliche Mittel, etwa über Fundraising.

Welche Potenziale sehen Sie in digitalen Formaten?

Digitale Werkzeuge sollen den Besuch nicht ersetzen, sondern bereichern. Museen sind Orte der Entschleunigung, der physischen und geistigen Auseinandersetzung. Aber digitale Angebote können Kontext liefern und Neugier wecken, wie das erwähnte Pieter-Claesz-Projekt zeigt.

Das Museum als offener Bildungsort: Wie lässt sich dieser Anspruch in Zeiten knapper Kulturbudgets erfüllen?

Es ist ein Balanceakt in Zeiten stagnierender öffentlicher Budgets. Tatsächlich fragen mich Kolleg:innen aus anderen europäischen Museen, wie wir unsere Projekte so stabil umsetzen können. Die Antwort: ein Zusammenspiel aus staatlicher Finanzierung und Eigenmitteln, etwa Eintrittserlösen, die uns Spielraum geben.

Wie möchten Sie Menschen erreichen, die bisher wenig Kontakt zum Museum hatten?

Outreach (Öffentlichkeitsarbeit, Anm.) ist entscheidend. Wir müssen Menschen aktiv einladen. Dazu gehören Social Media, Schulkooperationen, regionale Programme und Veranstaltungen außerhalb von Wien. Ein Museum ist mehr als ein städtischer Raum, es muss in die Gesellschaft hineinwirken. Schloss Ambras ist dabei ein wichtiger Ort, um in den Bundesländern präsent zu sein.

Wie steht es um die Zusammenarbeit mit anderen Museen? Sie und auch Ralph Gleis betonen den Wunsch nach mehr Kooperation. 

Wir verleihen grundsätzlich viel – regelmäßig und auch international. Die Zusammenarbeit mit der Albertina ist aber ein gutes Beispiel für einen bereichernden Austausch in Wien: Ralph Gleis hat uns für unsere Arcimboldo-Ausstellung zwei bedeutende Dürer-Arbeiten geliehen, darunter die »Blauracke«. Im Gegenzug hat die Albertina Werke erhalten, die das Kunsthistorische Museum sonst nie verlassen. Es geht nicht darum, Autonomie aufzugeben, sondern gemeinsam stärker zu sein. Und das gilt ebenso für andere Bundesmuseen und städtische Häuser hier in Wien, wie etwa die Leihgabe der »Nuda Veritas« ans Wien Museum schön zeigt. Weitere Projekte sind in Vorbereitung, die ich derzeit aber noch nicht öffentlich nennen kann.

Welches Werk in der Sammlung hat Ihre Wahrnehmung von Kunst besonders beeinflusst?

»Die Malkunst« von Vermeer ist einzigartig und fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Es wirft technische wie philosophische Fragen auf: Warum zeigt sich der Künstler von hinten? Was malt er – und warum stimmt das Gemalte nicht exakt mit dem Dargestellten überein? Es ist ein Gemälde über das Sehen, über Interpretation, über das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität. Ich würde sagen: Hier wird in einem Bild die zentrale Frage der Malerei auf den Punkt gebracht: Was ist Kunst?

Es heißt, ein Museum spiegle die Persönlichkeit seines Direktors. Was erkennt man von Ihnen?

Ich glaube nicht, dass ein Museum den Direktor widerspiegeln sollte. Das Haus ist viel größer als eine Person – historisch, institutionell, personell. Aber ich sehe meine Rolle darin, Potenziale freizusetzen, den Weg für Entwicklungen zu ebnen und Strukturen zu schaffen.

Wenn wir in fünf Jahren zurückblicken: Was wäre eine Bilanz, mit der Sie zufrieden wären?

Ich hoffe, man wird sagen können: Das Kunsthistorische Museum ist offener, zugänglicher und mutiger geworden – und hat zugleich seine wissenschaftliche Exzellenz bewahrt. Es ist ein Museum für alle geblieben und gehört weiterhin zu den führenden Kunstinstitutionen der Welt.

Michaelina Wautier im Dialog
Das KHM besitzt den weltweit größten Bestand an Wautiers Werken, darunter das »Bacchanal«. Die Herbstausstellung widmet sich ihrer Erforschung, Ehrung und Sichtbarmachung.
khm.at/ausstellungen/michaelina-wautier

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Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 7/2025

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Elisabeth Klokar
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