Eduard Angeli: Maestro der Poesie und Stille
Eduard Angeli kreiert Kunstwerke, die kontrastreicher zur Realität nicht sein könnten. Mit seiner neuen Ausstellung »Silentium« präsentiert die Fondazione Vedova bis 28. November eine Hommage an die Stille in der Lagunenstadt und unterstreicht damit sein Faible für Melancholie. Kuratiert von Philip Rylands, ehemals Direktor der Peggy Guggenheim Collection Venice. Wir baten Künstler und Kurator zum Talk.
Titelbild: Mann der Klarheit: Eduard Angeli, 81, lebt seit 2004 in Venedig und spielt in seinen Werken mit dem Licht und der Mystik der Lagunenstadt.
LIVING Nach welchen Kriterien haben Sie die Kunstwerke ausgewählt?
Philip Rylands Es ist eine Wahl aus den letzten 20 Jahren, eher neue Arbeiten, die in der Zeit entstanden sind, als Eduard Angeli nach Venedig kam. Auch das Thema ist hauptsächlich Venedig. Die Wahl ist natürlich auf die kraftvollsten Bilder gefallen.
In Ihrer neuen Ausstellung »Silentium« geht es um Melancholie. Ein Thema, das generell in Ihren Werken zu sehen ist. Im Grunde sind Sie aber ein sehr lustiger Mensch. Warum haben Sie sich für die Stille entschieden?
Eduard Angeli Das ist keine Entscheidung. Ich fange jetzt an, über Einsamkeit oder Melancholie zu malen. Das spielt sich im Unterbewusstsein ab. Es geht darum, wovon man berührt ist. Ich bin zum Beispiel in Wien aufgewachsen, und Wien war auch einmal eine Stadt eines großen Reiches. Auch Venedig war die wichtigste Stadt eines großen Reiches. Und ich habe auch jahrelang in Istanbul gelebt. Istanbul war auch das Oberhaupt eines großen Reiches. Und die Menschen, die dort leben, spüren immer noch den Verlust dieses Reiches. Das ist ein bestimmtes Gefühl, das man auch in der Wiener Musik erkennen kann. Diese Melancholie ist es, nach der ich suche und die ich hier in Venedig gefunden habe.
Ihre Ausgangssituation ist meistens ein Haus, ein Fenster. Was fühlen Sie in diesem Moment?
Eduard Angeli Es ist eine besondere Atmosphäre, nach der ich suche. In einem wichtigen Bild von mir hat ein Haus nur ein Fenster. Man kann keine Tür sehen. Man weiß nicht genau, welchen Sinn es hat. Dieses Haus hat ein gewisses Geheimnis, und das ist es, was mich berührt. Ich habe mit alten Büchern gearbeitet, habe Schwarz-Weiß-Fotos gemacht. Ich schaute sie an, und bei hundert Fotos geht dann eines direkt ins Herz. Es ist nicht erklärbar, warum, aber es ist eine Verbindung im Unterbewusstsein, ein Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag.
Will man diese Rätsel überhaupt lösen?
Philip Rylands Jedes von Angelis Bildern scheint ein Rätsel oder eine Geschichte anzudeuten. Es gibt etwas, das in der Zukunft passieren könnte, etwas, das vielleicht in der Vergangenheit passiert ist. Man wird nie wissen, was es ist, weil es nur ein Bild ist. Und das ist ein Element, das man auch in Magrittes Werk findet, nämlich die Vorstellung einer schwebenden Erzählung, etwas, das nie stattfinden wird, aber man ahnt es im Bild.
Biennale Venedig: Noch bis 28. November sind Eduard Angelis Werke in der Fondazione Vedova zu sehen. Ebenso ab Mai in Österreich: in der Galerie Kovacek & Zetter in Wien und in der Stadtgalerie Klagenfurt. eduardangeli.com
(c) Lothar BienensteinIhre Kunstwerke sind generell menschenleer. Warum? Vielleicht da sonst die Einsamkeit nicht so stark hervortreten würde?
Eduard Angeli In den 70er-Jahren habe ich aufgehört, menschliche Figuren zu malen, weil ich dachte, dass es poetischer ist, sie wegzulassen. Ich war auf der Suche nach mehr Poesie, und deshalb brauchte ich die Menschen nicht mehr. Ich interessierte mich mehr für die Überreste von Menschen oder die Häuser, in denen sie lebten. Das war für mich poetischer. Nicht um Einsamkeit zu erzeugen. Es war einfach die Suche nach Poesie.
Machen Sie Fotos von den Objekten und Situationen, bevor Sie sie malen, oder haben Sie sie im Kopf?
Eduard Angeli Ich habe ein kleines Boot. Mit diesem fahre ich raus in die Lagune und mache Fotos. Aber meine Fotos sind sehr schlecht. Einmal habe ich die Fotos Klaus Albrecht Schröder gezeigt, und er sagte: »Was ist das? Das ist Schrott, das ist nichts. Wie kannst du nach diesen Fotos malen?« Ich sagte, das ist nur zur Erinnerung an die Situation. Ich will mit den Fotos keine Kunst machen. Ich benütze sie als Werkzeug. Dann fange ich an zu reduzieren. Details, die zu viel erzählen, lehne ich ab, lasse ich weg. Und dann bekommen die Gemälde langsam die Kraft, die sie brauchen.
Warum haben Sie sich entschieden, in Venedig zu leben?
Eduard Angeli Ich bin berührt von Städten auf dem Wasser. Deshalb war ich auch früher viel in Istanbul. Venedig und Istanbul haben viel gemeinsam. Der byzantinische Einfluss hat es mir leicht gemacht, mich nicht in Paris oder London niederzulassen. Ich wollte wieder in einer Stadt am Wasser sein.
Was erwarten Sie sich von der Biennale 2024?
Philip Rylands Ich denke, es wird sehr global sein, denn es ist das erste Mal, dass mit Adriano Pedrosa ein Südamerikaner die Ausstellung kuratiert. Mir hat die Biennale gefallen, als sie sich eindeutig auf die west-amerikanische Avantgarde konzentrierte, dass man verstehen konnte, woher sie kam und wohin sie ging. Jetzt ist sie so verstreut, dass es sehr schwer ist, sie zu definieren. Ich bin sicher, dass es richtig ist, dass sie so global ist, aber die Künstler:innen scheinen so unterschiedlich zu sein, und man erkennt ihre Namen nicht unbedingt wieder, so riesig ist die zeitgenössische Kunstwelt. Ich erwarte mir nicht zu viel und mache mich auf die Suche nach Gemälden, die eine ästhetische Kraft haben.