Fließende Eleganz: Die Geschichte der Karaffe
Karaffen sind seit Jahrhunderten willkommene Gäste am Tisch. Sie glucksen, glänzen, zeigen Kurven und Haltung. Einst schmückten sie festliche Tafeln, heute posieren sie als skulpturale Designobjekte in Glas, Keramik oder Edelstahl. Ihr Trick ist die Wandlungsfähigkeit und die Kunst, selbst das Einschenken stilvoll zu inszenieren.
Sie ist weder eine Kanne noch eine Amphore. Genau genommen auch kein Krug. Und eine Flasche schon gar nicht. Das käme fast schon einer Majestätsbeleidigung des geschichtsträchtigen, edlen Gefäßes gleich. Eine Karaffe wird eher als noble Französin gehandelt, formvollendet und grazil, vornehmlich aus Glas; oder als anmutige arabische Schönheit, teils sogar aus Ton oder Keramik. Heute ist sie Kosmopolitin und immer öfter auch aus Materialien wie Steinzeug oder Edelstahl.
Ihr Name ist mit hoher Wahrscheinlichkeit über das französische »carafe«, das italienische »caraffa« beziehungsweise spanische »garrafa« aus dem Arabischen entlehnt. Dort sagt man »ġarrāfa«, was ursprünglich »Wasserheberad mit Schaufeln« bedeutete. Ganz einig ist sich die Etymologie nicht, die Nahost-Spur gilt jedoch als die plausibelste.
Der Unterschied zum Krug liegt häufig am Henkel. Während ihn Krüge stolz und markant tragen, kommen Karaffen meist ohne aus und wirken dadurch eleganter. Doch wir wollen nicht kleinlich sein. Auch Griff-Karaffen dürfen Karaffen bleiben, wenn ihr Design das Auge erfreut. Denn der Henkel macht die Karaffe zwar nicht immer formschöner, aber oft praktischer. Teilweise sorgt er auch für das gewisse Etwas, das Besondere in Form und Funktion. In diese Kategorie fällt etwa die Glucki-gluck-Karaffe, auch bekannt als Gluggle Jug: ein fischförmiger Designklassiker, dessen einzigartig glucksender Ton beim Einschenken schon im späten 19. Jahrhundert Aufsehen erregte. Früh gefertigt wurde diese Karaffe aus Keramik in Staffordshire, später weithin bekannt gemacht von Dartmouth Pottery. Ein besonderes Paar dieser Wasserkrüge wurde 1958 für die englische Königin Elizabeth II. und Prinz Philip angefertigt und ihnen bei ihrem Besuch im Britannia Naval College feierlich überreicht.
Glucksselig
Die ikonische »Gluckigluck« Karaffe fasziniert mit ihrem fischförmigen Design und dem charakteristischen Gluckgeräusch beim Einschenken.
gluckigluck.com
Formvollendet
Die Kristallkaraffe der »Passion Collection«, entworfen von Winzer Jean-Charles Boisset und Baccarat, vereint edles Design und Handwerkskunst.
baccarat.com
Traditionell zeigt sich die typische Karaffen-Silhouette mit flachem Boden, einem breiteren Mittelteil und einem schlank konischen Hals. Diese Geometrie kontrolliert das Einschenken und vergrößert maßvoll die Oberfläche. Wichtig für die Begriffsklärung: Dekanter sind keine »nur schönen« Karaffen, sondern Glasgefäße für Wein, mit breiterem Bauch zur Belüftung und engerem Hals zum kontrollierten Abfluss. Bei gereiften Weinen bleibt so das Sediment zurück, jungen Weinen wird Sauerstoff gegönnt. Dekantieren bedeutet also das Abgießen vom Depot, Karaffieren meint die Belüftung junger, depotfreier Weine.
Eine echte Karaffe ist dagegen universeller einsetzbar – für Wasser, Säfte, Infused Water, gelegentlich auch Wein oder Spirituosen. Manchmal werden Karaffen ob ihrer Formschönheit auch als Vasen zweckentfremdet, aber dieses Thema lassen wir lieber.
Die puren, stilechten Karaffen gibt es als schlichte Gebrauchsobjekte oder als reich verzierte Tafelschmuckstücke. Handwerklich besonders reizvoll sind Ausführungen aus geschliffenem oder mundgeblasenem (Kristall-)Glas, historisch mit Zinn- und Silbermonturen, die Hals und Ausguss fassen. Das ist nicht nur kunstvoll, sondern auch funktional: Der Metallrand bricht den Tropfen, bevor er zum unerwünschten Fleck auf dem Tisch wird.
Originale aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind heute gesuchte Sammlerstücke. Dass vor 1830 solche Karaffen kaum hergestellt wurden, lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass für Wasser und Wein bis zu diesem Zeitpunkt eher Kannen aus anderen Materialien verwendet wurden.
Goldverliebt
Die handgefertigte Karaffe »Jessie« aus böhmischem Kristall zeigt feinen Schliff und goldene Details.
crystal-bohemia.com
Kurvenreich
»Cobra« heißt die Karaffe von Georg Jensen; sie punktet mit organischer Eleganz.
georgjensen.com
Heute wie damals erfüllen Karaffen jedenfalls mehr als die Pflicht, Getränke bereitzuhalten: Sie sind stilvolle Designobjekte und Eyecatcher, die die Tischkultur mit inszenieren. Von minimalistisch bis ornamental, dünnwandig bis bauchig, filigran bis robust – das Spektrum ist groß. Das Fassungsvermögen pendelt in der Praxis zwischen 0,75 und einem Liter und reicht bei Wasserkaraffen gerne bis 1,5 oder gar zwei Litern. Wer auch im Herbst noch ein gekühltes Getränk bevorzugt, dabei aber auf Eiswürfel verzichten will, kann sich Karaffen mit Kühleinsatz oder Kühlakku zunutze machen: Sie halten die Temperatur, ohne den Inhalt zu verwässern. Für all jene, die Wasser gerne mit Zitronen, Kräutern oder Beeren aromatisieren, eignen sich Deckel mit integriertem Sieb bzw. Kippdeckel: Frucht und Eis bleiben drin, das Glas bleibt frei.
Mit der Reinigung kann es bei manchen Karaffen schwierig werden, denn schmale Hälse offenbaren sich fallweise als natürliche Nemesis der Küchenrolle. Besser sind Karaffen-Bürsten oder Reinigungskugeln aus Edelstahl, die zusammen mit Wasser Schwebstoffe und leichte Beläge lösen. Zum Trocknen helfen Abtropf- oder Trockenständer, das streifenfreie Finish gelingt mit einem Mikrofasertuch. Am Ende zählt aber nicht, wie eine Karaffe gereinigt wird, sondern wie sie auf dem Tisch wirkt. Sie ist ein formschönes, leises Designstatement, das selbst den einfachsten Schluck perfekt in Szene setzt.
Puristisch
Hochwertig verarbeitet aus poliertem Edelstahl besticht die Wasserkaraffe »Julie« von Philippi.
philippi.com
Verspielt
»Fia«, von Design House Stockholm, überrascht mit einer Glaskugel, die als Verschluss dient oder dekorativ in der Mulde der Karaffe ruht.
designhousestockholm.com