Galerist Marian Ivan: »Bukarest ist eine spontane Stadt voller Humor«
Galerist Marian Ivan über den Charakter seiner Heimatstadt und über die dynamische zeitgenössische Kunstszene, in der Eigeninitiative großgeschrieben wird.
LIVING Wie würden Sie persönlich die Stadt Bukarest charakterisieren?
Marian Ivan Bukarest ist eine Stadt, die aus vielen Schichten besteht. Sie kann weich und hart sein, süß und salzig, leicht und spontan oder auch entschlossen zupackend. Man muss sich ihr mit offenem Herzen und ganz ohne Vorurteile annähern. Ich fühle mich sehr privilegiert, hier in meiner Geburtsstadt zu leben und zu arbeiten.
Was macht die Stadt zu einem Nährboden für zeitgenössische Kunst?
Jede:r ist heute überrascht davon, wie sehr sich Bukarest in den letzten fünf bis sechs Jahren verändert hat. Neue Restaurants, Shops und Clubs wurden eröffnet, aber auch Orte der Kultur wie Galerien, Ateliers und private Museen. Bukarest ist eine sehr spontane Stadt voller Humor, mit cooler Energie und vielen Überraschungen. Hier kommen Gegensätze zusammen und verschmelzen miteinander. Das macht sie zu einem perfekten Ort für die Kunst. Es gibt hier eine große Anzahl toller Künstler:innen aus unterschiedlichen Generationen: Ion Grigorescu, Lia und Dan Perjovschi, Mona Vatamanu und Florin Tudor, Giulia Crețulescu oder Iulia Toma, um nur ein paar zu nennen.
Was genau charakterisiert die Kunstszene heute?
Es ist vielleicht eine Besonderheit Bukarests, dass hier kleine, unabhängige Institutionen eine wichtigere Rolle spielen als die großen etablierten Flaggschiffe wie das Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst. Institutionen wie Tranzit, Institute of the Present oder Salonul de Proiecte sind heute wichtige Player. Künstler:innenbasierte Initiativen wie Malmaison Studios, Scânteia Studios oder Combinatul Fondului Plastic zeigen, dass auch kreative Communitys mit Eigeninitiative so stark sein können wie öffentliche Häuser. Das mag daran liegen, dass wir uns in einer Übergangszeit befinden und immer wieder neue Lösungen finden müssen. Kleine Art Spaces können hier schneller und flexibler reagieren. Als ich 2007 meine Galerie eröffnete, gab es vielleicht drei oder vier private Initiativen, heute sind es zehn bis zwölf. Dahinter steht kein strategischer Masterplan, es hat sich ganz organisch entwickelt.
Was hat Sie damals dazu bewegt, die Galerie Ivan zu gründen?
Es gab damals viele Künstler:innen, die ihre Arbeiten nicht in staatlichen Museen ausstellen wollten. Sie hatten Lust auf Veränderung. Wir waren eine junge Generation von Galerist:innen, alle um die 30, die die großen Chancen sahen, mit kreativen Leuten zusammenzuarbeiten, die wir bewundern. Meine ersten Galerieräume im Stadtzentrum waren winzig. Manche Künstler:innen fanden es zu klein, andere liebten es, weil es sie an die Rive Gauche in Paris erinnerte.
Welche Museen und Galerien in Bukarest würden Sie Besucher:innen empfehlen?
Neben den schon genannten und natürlich meiner eigenen: die Galeria Posibila, die älteste »junge« Galerie in Bukarest. Suprainfinit Gallery und Solo Project (früher bekannt als Cazul 101) sind ebenso prägend, und das private Museum MARe ist heute ein Landmark, das sich auf jeden Fall zu besuchen lohnt. Eine besondere Empfehlung von mir ist das ungewöhnliche, aber sehr lehrreiche Museum des rumänischen Bauern. Ein Muss!
Szene-Insider
Marian Ivan, geboren in Bukarest, gründete dort 2007 seine gleichnamige Galerie. Heute ist die Galerie Ivan unter anderem auf der Frieze New York, der Art Basel, der Arco Madrid und der Spark Vienna vertreten. Präsentiert werden -bisher vor allem rumänische Künstler:innen, mit zunehmend internationalem Programm.
ivangallery.com